Plötzlich hat das Leben einen ganz anderen Stellenwert
Wenn Herzen einen Neustart brauchen
In der Bubiker Herzgruppe erzählen Betroffene offen darüber, wie sie den Schicksalsschlag einer Herzerkrankung erlebt haben und sich ihr Leben seit diesem Zeitpunkt veränderte.
Wir befinden uns im kleinen, aber feinen Fitnessraum in der Physiotherapiepraxis Züri Oberland in Bubikon. Wie jeden Dienstag treffen sich an diesem Abend rüstige Seniorinnen und Senioren zum gemeinsamen Sport.
Was diese Leute verbindet, ist nicht nur ihre Begeisterung für Bewegung. Sie alle hatten oder haben mit Herzerkrankungen zu kämpfen. Einige von ihnen sind nur knapp dem Tod entronnen. Die sogenannte Herzgruppe ist für sie der Antrieb für ein bewusstes, herzgesundes Leben.
Aufmerksam verfolgen sechs Männer und eine Frau die Anweisungen des Trainers und Physiotherapeuten Raphael Thür. Er zeigt Kraftübungen an Geräten und mit Hanteln. Ergänzt werden diese durch Ausdauereinheiten, zum Beispiel auf dem Ergometer, dem Laufband oder dem Crosstrainer. In einem wöchentlichen Turnus wechseln sich Thür und seine Physiotherapeutenkollegin Dina McGaw mit der Kursleitung ab.
«Heute machen wir wieder mal Teamwettkampf», kündigt der Trainer an. Die sieben Personen werden in zwei Teams aufgeteilt. Für jede absolvierte Kraftübung erhalten die Teammitglieder Punkte in Form von Holzbausteinen. «Wer den grössten und zugleich schönsten Turm mit den ergatterten Hölzern baut, gewinnt», motiviert der Trainer seine Schützlinge.
Voller Begeisterung sausen diese los. Sie wirken routiniert in ihren Bewegungen und Ausführungen – man sieht, dass sie sich mit den Geräten auskennen. «So schnell habt Ihr dieses Laufband noch nie gesehen», witzelt Rolf aus Wollerau. Der bald 67-Jährige stellt das Laufband dann doch etwas langsamer ein, um nebenbei noch die Interviewfragen beantworten zu können.
Neben dem Gruppensport am Dienstagabend trainiert er hier zweimal wöchentlich für sich allein. «Ich nehme den etwas weiteren Weg aus Wollerau gerne in Kauf, um mich in diesem idealen Umfeld bewegen zu können», schwärmt er. Er erlitt 2017 einen Herzinfarkt. Seit diesem Zeitpunkt mache er viele Dinge bewusster.
In der ambulanten Rehabilitation im Spital Lachen lernte er Physiotherapeut Thür kennen und schätzen. Als er von der Herzgruppe hörte, war für ihn klar, dass er nach Beendigung der dreimonatigen Reha sein regelmässiges Training im Zürcher Oberland fortsetzen würde.
Mitglied der ersten Stunde
Hans-Jörg aus Egg war das erste offizielle Mitglied der Bubiker Herzgruppe, die seit 2017 besteht. «Vor rund sieben Jahren erlebte ich bei vollem Bewusstsein einen Herzstillstand», erinnert er sich. Der heute knapp 63-Jährige wäre damals fast gestorben und musste defibrilliert werden. «Mein Herz brauchte einen Neustart.» Seine stark beschädigte Herzklappe musste mittels eines operativen Eingriffs repariert werden.
«Dies war für mich ein Zeichen, dass für mich die Zeit noch nicht gekommen war», sagt er mit einem Augenzwinkern. Seit diesem Moment sehe er vieles nicht mehr so eng: «Ich versuche, mein Leben leichter zu nehmen.» Dazu gehöre auch, dass er sich Auszeiten nehme, um regelmässige Bewegung wie Velofahren oder Schwimmen in den Alltag einzubauen.
Die Herzgruppe schätzt er nicht nur wegen des Trainings, sondern auch wegen des sozialen Aspekts. «Wir sind zu einer coolen Gemeinschaft zusammengewachsen», erklärt Hans-Jörg, der sich immer auf die Termine freut.
Vreni aus Wolfhausen ist seit Herbst 2018 als derzeit einzige Frau bei der Herzgruppe dabei. «Am 1. April 2018 erlitt ich einen Herzinfarkt – dieses Datum vergesse ich nie.» Sie habe sich insgesamt «komisch» gefühlt und einen leicht erhöhten Blutdruck gehabt. «Aufgrund der Osterfeiertage war meine Hausarztpraxis geschlossen. Auf den Rat meines Sohns hin rief ich den Notarzt.» Dass der Infarkt erst bei der Fahrt im Krankenwagen passiert ist, sieht sie heute als grosses Glück: «Vielleicht wäre ich sonst nicht so gut weggekommen.»
In der Reha entdeckte sie den Sport für sich: «Danach wollte ich unbedingt weiter sportlich aktiv sein.» So ist sie nicht nur bei der Herzgruppe, sondern auch in einem Fitnesscenter aktiv. «Zudem bewege ich mich fast täglich an der frischen Luft.»
Die 67-Jährige ist fasziniert davon, wie schnell sich ihr Körper nach dem ausgestandenen Infarkt wieder erholt hat. Allerdings habe der Kopf länger gebraucht, um das Erlebte zu verarbeiten. «Bei jedem Zwicken oder Ziehen bekam ich Panikattacken, ob sich ein weiterer Infarkt ankündigen könnte», erinnert sie sich.
Auch der 69-jährige Matthias aus Bubikon und der 74-jährige Bruno aus Wolfhausen veränderten ihr Leben, nachdem sie einen Herzinfarkt erlitten hatten. Beide trieben zwar in jüngeren Jahren Sport, doch sie geben zu, die persönliche Fitness in den vergangenen Jahren zugunsten des Jobs vernachlässigt zu haben. «Es blieb einfach zu wenig Zeit für Sport übrig», resümiert Bruno.
«Hier in der Gruppe treiben wir uns gegenseitig an, mindestens einmal wöchentlich zu trainieren», sagt Matthias. Auch er trainiere daneben noch im Physio-Gym und unternehme viele E-Bike-Touren zusammen mit seiner Frau.
Für Bruno war nach dem Infarkt klar: «Jetzt muss ich etwas machen.» Für ihn ist es völlig unverständlich, dass es Menschen gibt, die einen solchen Weckruf nicht wahrnehmen. «Mein Bettnachbar im Spital zündete sich als Erstes eine Zigarette an, nachdem er einen Stent eingesetzt bekommen hatte.»
Neben Training und Spaziergängen mit Hund und Frau geniesst er die Zeit mit seinen Enkelkindern: «Sie aufwachsen zu sehen, hat nun eine noch viel stärkere Bedeutung für mich.»
(ks)