Die zweite Chance gemeinsam anpacken
Trainieren mit einer Herzerkrankung
Der Herzinfarkt ist überstanden, doch der Kopf braucht noch Zeit, mit dem Erlebten umzugehen. In einer Herzgruppe finden Betroffene Mut, Halt und Motivation für ein ausgewogenes Leben.
Der sportbegeisterte Physiotherapeut Raphael Thür hat 2012 die Weiterbildung zum Herztherapeuten (Swiss Working Group for Cardiovascular Prevention, Rehabilitation and Sports Cardiology, kurz SCPRS) abgeschlossen. Er arbeitet in der Gemeinschaftspraxis Physiotherapie Züri Oberland in Bubikon und leitet, alternierend mit Physiotherapeutin Dina McGaw, die Herzgruppe Bubikon. Ausserdem leiten die beiden zusammen in Wetzikon eine Herzrehabilitation der Phase zwei.
«Der Austausch unter Gleichgesinnten, die Ähnliches erlebt haben, ist enorm wichtig», so Thür. In der aktuell achtköpfigen Gruppe in Bubikon sei eine schöne Gruppendynamik entstanden. Der gemeinsame Nenner, die Herzerkrankung, verbinde.


Noch stärker beobachtet er dies in der Reha, direkt nach dem Spitalaufenthalt: «Dort herrscht ein stetiges Kommen und Gehen, und doch verstehen sich alle recht schnell und gut miteinander. Am Anfang haben alle Patienten Fragezeichen, wie es weitergeht. Sie vergleichen ihre Eingriffe, ihre Medikamente, diskutieren über alles Mögliche.» Das sei gut für die Verarbeitung des Erlebten.
Denn ein Vorfall mit dem Herzen sei für alle Betroffenen ein einschneidendes Ereignis. «Viele Menschen, die einen Herzinfarkt oder einen Herzstillstand erleiden, überleben nicht.» Glückliche Zufälle und ein sehr gut funktionierender Rettungsdienst würden häufig eine Rolle spielen, dass Betroffene überleben könnten. Dies bewege viele dazu, über das eigene Leben und dessen Endlichkeit nachzudenken, und treibe sie an, ein bewussteres Leben zu führen.
Wenn das Kopfkino weiterarbeitet
Nach einem überstandenen Vorfall sei es wichtig, dass die Betroffenen lernen würden, mit der Angst umzugehen. Und zu differenzieren, wenn es irgendwo zwicke oder drücke. «In der Reha erleben wir viele Patienten mit regelrechten Angstzuständen nach einem durchgemachten Infarkt. Diese psychische Belastung kann Atemnot, Brustdrücken und kalten Schweiss auslösen – dieselben Symptome also, die auch für einen Infarkt typisch sind.» Verständlicherweise würden diese Personen dann regelmässig die Notaufnahme aufsuchen.
«Häufig sind Menschen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen betroffen, die sich im Vorfeld nicht so viel bewegt haben», erklärt Thür. «Wenn sie nach einem Infarkt weitermachen wie vorher, kann es schnell wieder in die gleiche Richtung gehen.» Allerdings sei mangelnde Bewegung nur einer von unzähligen Faktoren, die beispielsweise für einen Herzinfarkt verantwortlich seien – eine wichtige Rolle spiele auch die Genetik.
Grundsätzliche Tipps für ein gesundes Herz
– gesunde, ausgewogene Ernährung
– regelmässige Bewegung
– gutes soziales Umfeld
– über Probleme und Stress reden können, Ärger nicht anstauen lassen
– Negativstress vermeiden
– nicht rauchen
«In einer Reha lernen die Patienten, alle klassischen Risikofaktoren auf einmal zu erkennen und anzugehen.» Für «eins nach dem anderen» sei jetzt keine Zeit mehr, «das hätte man vorher machen sollen». In Fachvorträgen würden den Betroffenen Ernährungsberatung, Trainingslehre, Rauchstoppberatung und psychologische Betreuung angeboten.
Unter Anleitung würden sie lernen, ihren Körper zu fordern, aber nicht zu überfordern. «Nach einem durchgemachten Infarkt entsteht Narbengewebe am Herzen. Je nach Grösse der Narbe verliert das Herz mehr oder weniger Auswurfkraft, das heisst, es vermag nicht mit voller Kraft zu pumpen.» Was zur Folge habe, dass man nicht mehr so viel leisten könne.
«Durch regelmässiges Training wird die Durchblutung am Herzen und in der Herzmuskulatur optimiert», erklärt Thür. «Es werden neue Gefässe gebildet, was zu einer Verbesserung der Durchblutung führt, und damit sowohl die Skelettmuskulatur als auch der Herzmuskel besser mit Sauerstoff versorgt. So kommt es zunehmend zu einer Ökonomisierung der Herzleistung und zu einer Senkung des Ruhepulses. Damit wird das Herz weniger belastet.»
In der Herzgruppe können die rehabilitierten Patienten ihr herzgesundes Training dann fortsetzen. Abwechslungsweise werden entweder im Physio-Gym Kraft und Ausdauer trainiert. Oder die Mitglieder powern sich in der nahen Turnhalle beim Teamsport aus. «Beim Basketball, Unihockey oder Fussball drehen unsere Teilnehmer richtig auf und müssen fast gebremst werden, damit sie sich nicht überanstrengen», erzählt Thür lachend.
Abwechslung in den Trainingsplan zu bringen, ist den beiden Instruktoren besonders wichtig. «Wir wollen die Freude an der Bewegung vermitteln, und ein vielseitiges Programm macht einfach Spass.»
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind gemäss dem Bundesamt für Statistik die häufigste Todesursache in der Schweiz. «Jüngere Männer sind häufiger von Herzkrankheiten betroffen als jüngere Frauen, mit steigendem Alter holen die Frauen rasant auf», so Thür.

Die Genesung, beispielsweise nach einem Herzinfarkt, wird gemäss Thür in drei Phasen eingeteilt: «Phase eins entspricht der Behandlung nach einem Eingriff im Spital. Kann ein Patient das Spital verlassen, wird ihm eine Kur empfohlen, womit er in Phase zwei rutscht.» Die Reha erfolge entweder stationär für etwa zwei bis vier Wochen oder ambulant während zwölf Wochen. Welche Form infrage komme, werde bei jedem Patienten individuell entschieden – je nach der Schwere des Vorfalls, aber auch in Bezug auf das Umfeld der Person.
Mögliche weitere Nebenerkrankungen oder Risikofaktoren würden dabei ebenfalls eine tragende Rolle spielen: «Bei grossem Negativstress kann es sich für die betroffene Person positiv auswirken, wenn sie aus dem gewohnten Umfeld rauskommt. Zu Hause würde sie schnell im gewohnten ‹Rad› drehen. Im Rahmen einer stationären Reha bekommt sie einen gewissen Abstand zum hektischen Alltag.»
Umgekehrt finde bei vielen Betroffenen ein nachhaltigeres Umdenken statt, wenn sie während dreier Monate regelmässig unter Anleitung trainierten – so, wie dies bei der ambulanten Reha der Fall sei. «Wenn die Patienten über ein gut funktionierendes soziales Umfeld verfügen, ist die ambulante Reha eine gute Alternative zur stationären Reha.»
Eine Herzgruppe, in der Betroffene regelmässig zusammen trainierten, falle in die dritte Phase. «In die Herzgruppe Bubikon kommen Menschen nach einem Herzinfarkt – genauso wie Risikopatienten, denen prophylaktisch ein Stent eingesetzt wurde, oder Menschen mit anderen Erkrankungen im Herz-Kreislauf-Bereich.»
(ks)
IG Herzgruppe Wetzikon
Verschiedene Institutionen bieten im Oberland Herzgruppen an, so zum Beispiel die IG Herzgruppe Wetzikon, die 1998 vom damaligen Chefarzt des Spitals Wetzikon, Heiner Vontobel, ins Leben gerufen wurde. Angeboten werden ein wöchentliches Bewegungsprogramm in der Turnhalle genauso wie Outdoor-Aktivitäten, Vorträge zu Gesundheitsthemen sowie Exkursionen und Ausflüge mit Angehörigen.