Hausärzte gehen in Papierflut unter
Hausarztmangel in der Region – Teil 1
Im Oberland fehlen zunehmend Hausärzte. Zu wenige Ausbildungsplätze, eine veränderte Mentalität und eine überbordende Bürokratie sind in den Augen von Medizinern die Gründe dafür.
«Leider können wir vorläufig keine neuen Patienten mehr aufnehmen.» «Wir bitten Sie um Verständnis und Geduld, wenn Sie nicht direkt am gleichen Tag einen Termin erhalten.» Auf solche und ähnliche Sätze stossen Hilfe suchende Oberländer seit einiger Zeit häufig, wenn sie sich auf die Suche nach einem passenden Arzt machen.
Wir haben uns in der Region zum Hausärztemangel umgehört und haben die Problematik in drei Artikel aufgeteilt:
> > Lesen Sie hier Teil 2: Notfallpraxen kennen keinen Aufnahmestopp
> > Lesen Sie hier Teil 3: «In zehn Jahren wird es das Modell Einzelpraxis nicht mehr geben»
«Ausser in Uster und Wetzikon gibt es fast überall einen Patientenstopp. Mit Glück lässt sich in Gruppenpraxen noch etwas finden, wenn dort zusätzliche Kapazitäten geschaffen werden», meint Reto Schnyder. Er muss es wissen, ist er doch Co-Präsident der Gesellschaft der Ärztinnen und Ärzte des Zürcher Oberlandes (AGZO).
Schwierigkeiten an der Peripherie
Obwohl die Zahl der Ärztinnen und Ärzte sich seit Jahrzehnten im Gleichschritt mit der Bevölkerung erhöht und sogar leicht ansteigt, gibt es ein Problem: Hausärzte mit Praxen ausserhalb der Städte gibt es zu wenige. Vor allem in ländlichen Gegenden wie etwa im Tösstal herrscht ein grosser Mangel.
Dieser wird in der Region noch verschärft durch Praxisschliessungen. Mitte Januar hat das Ärztezentrum Rosenthal in Wald Konkurs angemeldet. Für eine genügende Auslastung der Infrastruktur fehlten die Ärzte.
Die Schliessung bekommen nun die umliegenden Praxen zu spüren. Dort heisst es, dass nun alle gefordert seien. Man bemühe sich, nach Lösungen für die vielen Patienten zu suchen, die nun nicht versorgt würden. Denn fast überall gilt ein Territorialprinzip: Wo es Hausarztpraxen in Gemeinden gibt, beschränken diese den Patientenkreis auf Einwohner der betreffenden Ortschaft.
Abdeckung ist zu tief
Schweizweit kommen 4,6 Ärztinnen und Ärzte auf 1000 Einwohner. Die Zahl sinkt auf 3,9, wenn die Dichte an Vollzeitäquivalenten gemessen wird. Das bedeutet, dass Teilzeitstellen auf volle zusammengerechnet werden. Und sie fällt sogar auf 0,8, wenn die Dichte der Hausärzte (gerechnet mit Vollzeitäquivalenten) angeschaut wird. Von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlen wird eine Abdeckung von einer Hausärztin oder einem Hausarzt pro 1000 Einwohner. In Wald-Laupen ist die Abdeckung nur etwa halb so gross. So kommen dort auf rund 10'000 Einwohner 5,5 Vollzeitstellen.
Mit Ausnahme des Bezirks Uster ist die Zahl der Ärzte pro 1000 Einwohner in der Region über die Jahre ziemlich konstant geblieben. Für die Jahre 1993 und 2003 liegt kein Zahlenmaterial vor.
Für die Oberländer Bezirke ist über die Zeit nur die Zahl der Ärzte erfasst (siehe Grafik oben). Und diese Zahlen liegen in allen dreien deutlich unter dem Wert, den Zürich kantonsweit aufweist: 2022 lag die Ärztedichte pro 1000 Einwohner im Durchschnitt bei 5,5. In der Region reicht sie von 1,2 im Bezirk Pfäffikon bis zu 2,5 im Bezirk Uster.
Einengende Regulierungen
Einer, der klare Worte zum Ärztemangel findet, ist Christoph Zeller. Er betreibt in Rüti die Praxis am Bahnhof. Mit knapp 20 Ärzten – und einem in der Region selten zu findenden grossen Operationssaal – gehört das Zentrum zu den grössten im Oberland. Und es ist wohl das einzige, das an 365 Tagen im Jahr geöffnet ist.
«Aufgrund von behördlichen, sehr stark regulierten Einschränkungen in Bezug auf die Einstellung von Fach- und Assistenzärzten ist auch unsere Praxis von einem einschlägigen Ärztemangel betroffen», schreibt Zeller auf der Website der Praxis. Mit der Folge, dass Patienten nun mit längeren Wartezeiten oder gar dem Verweis an Spitäler rechnen müssen.



Im Gespräch gibt Zeller Beispiele dafür, wo es hapert. In der Schweiz wird rund ein Drittel der eigentlich benötigten Ärzte zu wenig ausgebildet. Deshalb sei das Land auf Ausländer angewiesen. Doch diese müssten im Normalfall über ein EU-Diplom sowie eine EU-Bürgerschaft verfügen. So habe er jüngst keine Bewilligung für einen türkischen Arzt mit einem rumänischen Diplom erhalten.
Gleich verhalte es sich etwa mit Ukrainerinnen oder Kosovaren, obwohl es dort gut ausgebildete Medizinerinnen und Mediziner gebe. Dabei wären solche gerade in seiner Praxis von Vorteil, seien doch einige seiner Patienten vom Balkan. So fordert er wie auch die anderen angefragten Mediziner in erster Linie, dass in der Schweiz mehr Ausbildungsplätze geschaffen werden und die Zulassungsbeschränkung, der Numerus clausus, aufgehoben wird.
Spitäler als Ausbildner
Weitere Hürden sind gemäss Zeller etwa die Bestimmungen, dass Ärzte aus dem Ausland zuerst drei Jahre im Spital gearbeitet haben müssen, ehe sie in Hausarztpraxen wechseln dürfen. Und schliesslich dauere es im Kanton Zürich auch mindestens drei volle Monate, bis eine Arbeitsbewilligung vorliege, selbst für einheimische Mediziner. «Ausländische Ärzte, die gerne hier arbeiten möchten, können aber nicht so lange ohne Beschäftigung und Lohn warten», unterstreicht Zeller.
Der Ustermer Hausarzt Res Kielholz betont, dass aber auch die Spitäler, welche hausärztlichen Nachwuchs ausbildeten, besser belohnt werden müssten. «Das Spital Uster ist hier ein grosses Vorbild mit anteilsmässig am drittmeisten Ausbildungsstellen im Kanton Zürich.»
Gefragte Praxisassistentinnen
Über die Papierflut wissen die angefragten Ärztinnen und Ärzte ein Lied zu singen. «Die überbordende Administration ist eine Katastrophe», findet Reto Schnyder. Die Formulare würden immer mehr und länger. «Ich habe das Gefühl, dass man uns Ärzten gar nicht mehr traut. Man will viel Papier sehen – dann ist es gut.»
Eine Folge davon sei, dass auch die Zahl der Praxisassistentinnen überproportional steige – und diese müssten auch bezahlt werden.

Doch hier ortet Res Kielholz, der in Uster eine Gemeinschaftspraxis betreibt, ein weiteres Problem. «Der Markt für medizinische Praxisassistentinnen ist komplett ausgetrocknet, und wir sind froh um jeden Ausbildungsplatz, der hier für Nachwuchs sorgt.»
Zu wenig Zeit für Patienten
Anforderungen im Qualitätsmanagement, die Umsetzung des neuen Datenschutzgesetzes sowie der Arbeitssicherheit oder kantonale Kontrollen: Unter den zunehmenden administrativen Tätigkeiten würden auch die Patienten leiden, heisst es aus dem Kreis der Hausärzte.
So fehle die Zeit, um deren Anliegen voll gerecht zu werden. Die Kunst und die hohe Herausforderung sei es dann, sich in möglichst kurzer Zeit ein Bild über einen Patienten und dessen aktuelles Problem zu machen.
Hier hakt der Baumer Arzt Beat Staub ein: «Ich habe Zehn- bis Zwölf-Stunden-Tage. Ein rechter Teil davon sind administrative Tätigkeiten. Ich würde gerne, wenn ich schon viel arbeiten muss, diese Zeit mit den Patienten verbringen.»
Komplexere Medizin und fehlende Medikamente
Das Zeitproblem wird in jüngerer Zeit laut Kielholz durch die Lieferengpässe bei den Medikamenten noch zusätzlich verschärft. «Rund zehn Prozent der Medikamente sind nicht lieferbar. Das bedeutet einen hohen Aufwand, um Ersatzprodukte zu finden und mit Patientinnen und Patienten zu besprechen.»

Und noch ein Faktor verstärkt das Zeitproblem. Die Medizin werde immer schwieriger, meint Michelle Andrea Graber, die in Wetzikon in der grossen Klinik Impuls Zürcher Oberland tätig ist. Die Menschen lebten mit vielen Krankheiten. «Da wir immer älter werden und die Krankheiten behandeln können, kommt es vor, dass ein Patient bis zu zehn verschiedene Krankheiten und eine sehr grosse Medikamentenliste hat. Da muss sehr genau gearbeitet werden, denn es ist schwierig, den Überblick zu behalten. Dies alles ist sehr zeitaufwendig.» Hinzu komme noch die soziale Arbeit mit den Patienten, die nicht einmal vergütet werde.
Teilzeit nimmt überhand
Schuld am Ärztemangel ist laut Zeller aber auch, dass zwei Drittel nach dem Studium bald den Beruf wechseln würden. Zu geringer Verdienst bei der hohen zeitlichen Belastung sei ein Grund dafür, aber auch pöbelnde Patienten.
«Die Ansprüche der Patienten sind gewachsen. Es gibt zunehmend Unzufriedenheit darüber, dass nicht alles schnell wieder gerichtet werden kann», klagt Zeller. «Sie kommen teilweise mit unrealistischen Vorstellungen: Wie in einer Garage lässt sich alles reparieren.»
Und vor allem der Umstand, dass viele Ärzte heute nur noch Teilzeit arbeiten möchten, verschärfe den Ärztemangel. Dies umso mehr, da die Medizin immer weiblicher werde und viele Frauen nur noch zu 50 Prozent in der Praxis wirken möchten.
Pensionierte lindern Mangel
Auch wenn Zeller die Abwechslung als Hausarzt schätzt – «man weiss am Morgen nie, was einen tagsüber erwartet» –, sieht er für die Zukunft punkto Versorgung schwarz. Wirtschaftlich seien klassische Hausarztpraxen mindestens in Stadtnähe unattraktiv. Und aufs Land wollten junge Mediziner kaum.
«Vor allem wollen sie nicht mehr selbständig arbeiten.» Und eben: «Es gibt immer mehr Regelungen und Gesetze, die nur Kosten auslösen, aber nichts nützen.» Zeller erinnert daran, dass etwa das Sterilisieren der Instrumente mit so vielen Bestimmungen belastet ist, dass diese Aufgabe kaum mehr in den Praxen selbst ausgeführt werden kann. Viel lieber setze man auf eine Wegwerfmentalität. «Nach dem einmaligen Gebrauch werden etwa Scheren fortgeworfen.»
Demgegenüber beurteilt AGZO-Co-Präsident Reto Schnyder mindestens die aktuelle Versorgungssituation in der Region noch positiv: «Zum Glück sind wir im Zürcher Oberland mit Hausärzten noch recht gut aufgestellt.» Das sei aber auch nur der Fall, weil viele Pensionierte weiterhin praktizierten. Der Altersdurchschnitt der Hausärzte liege wohl bei rund 55 Jahren. Rund ein Fünftel dürfte über 60 Jahre alt sein.
