Ein Gentest kann Leben retten – auch Oberländerinnen
Brustkrebsmonat Oktober
Angelina Jolie hat sich vor zehn Jahren ihr Brustgewebe entfernen lassen, um einer Krebserkrankung vorzubeugen. Denn sie trägt ein bestimmtes Gen in sich, welches das Risiko wesentlich erhöht.
Angelina Jolie ist wohl eine der bekanntesten Schauspielerinnen der Welt: bekannt aus Filmen wie «Lara Croft», «Mr. and Mrs. Smith» oder «Salt». Vor zehn Jahren lenkte sie die Aufmerksamkeit aber auf ein ganz anderes Thema als ihre Schauspielkünste – denn sie liess sich das Brustgewebe entfernen, obwohl sie nie Krebs hatte. Zwei Jahre später folgte die Entfernung der Eierstöcke. Diese Massnahmen mögen radikal klingen, kann aber in bestimmten Fällen durchaus Sinn machen.
In den zehn Jahren seit Jolies Entschluss haben sich die medizinischen Möglichkeiten weiterentwickelt – auch im Zürcher Oberland. «Unser Wissen bezüglich familiär bedingtem Brust- und Eierstockkrebs wurde fundierter, und es konnten weitere Gene, die eine Rolle spielen, identifiziert werden», sagt PD Dr. med. Ahmed El-Balat, Chefarzt der Frauenklinik am Spital Uster. «Die Methoden der Testung haben wahnsinnige Fortschritte gemacht.»
Genmutation führt zu erheblich erhöhtem Risiko
In der Schweiz erkrankt jede achte Frau in ihrem Leben an Brustkrebs. Das ist bereits ein hohes Risiko, welches durch gesunde Ernährung, genügend Sport und den Verzicht auf Nikotin präventiv gemindert werden kann – wie bei vielen Krankheiten.
Trägt man jedoch eine Genmutation in sich, wie beispielsweise das BRCA1- oder BRCA2-Gen, hat man ein Brustkrebsrisiko von 80 Prozent, ein Eierstockkrebsrisiko von 44 Prozent. Personen mit einer solchen Genmutation machen zwar nur etwa 5 Prozent aller Brustkrebserkrankungen aus – hat man das Gen jedoch, ist die Wahrscheinlichkeit, krank zu werden, sehr hoch.

Angelina Jolie, die Trägerin des BRCA1-Gens, hat sich mit nur 37 Jahren das Brustgewebe und mit knapp 40 Jahren die Eierstöcke entfernen lassen. Damit konnte sie das Risiko für Brustkrebs um 95 Prozent senken.
Entfernung ist nur eine Möglichkeit
«Erkennt man bei gesunden Frauen das BRCA1- oder BRCA2-Gen, ist die vorbeugende Entfernung des Brustgewebes oder der Eierstöcke nur eine der möglichen Massnahmen», erklärt Denise Beck, Leitende Ärztin der Frauenklinik und Leiterin des Brustzentrums am GZO-Spital Wetzikon. Aus ästhetischen Gründen wird die Brust in einer solchen vorbeugenden Operation mit Eigengewebe oder Implantaten gefüllt – optisch sei deshalb nichts zu sehen.
Die Entfernung des Brustgewebes oder der Eierstöcke ist aber kein Muss – eine Alternative ist eine regelmässige präventive Untersuchung. «Normalerweise empfiehlt man Frauen zwischen ihrem 50. und 75. Lebensjahr, alle zwei Jahre eine Mammografie, also eine Brustuntersuchung mit Strahlung, vorzunehmen.»
Besteht ein erhöhtes Risiko, wie beispielsweise bei Trägerinnen des BRCA1- oder BRCA2-Gens, werden ab dem 25. Lebensjahr alle sechs Monate Brustuntersuchungen vorgenommen. «So kann man eine Krebserkrankung sehr früh erkennen und damit auch besser behandeln», ergänzt Beck.
Zurück in die Familiengeschichte
Die Angst, an einem Tumor zu erkranken, kennt Jolie nur zu gut. Ihre Mutter verstarb mit nur 56 Jahren, auch ihre Tante verlor sie an Krebs – beide in einem auffallend jungen Alter. «Wenn gesunde Frauen eine bestimmte Kombination an Erkrankungen in ihrem Stammbaum aufweisen, ist dies ein Hinweis», erklärt Ahmed El-Balat vom Spital Uster. «Nach entsprechender Beratung auf mögliche Genmutationen werden diese dann getestet.»

Solche Kombinationen können beispielsweise – wie in Jolies Fall – Mütter, Tanten oder Grosseltern sein, die an Brust- oder Eierstockkrebs erkrankt sind. Häufen sich bestimmte Krebserkrankungen, sollte ebenfalls getestet werden. «Besteht wegen des Stammbaums ein entsprechendes Risiko, wird der Test von der Krankenkasse übernommen», erklärt Beck. Dieser Test kostet zwischen 1500 und 4000 Franken – je nachdem, welche Gene getestet werden, sind die Tests umfangreicher.
Besteht wegen des Stammbaums ein entsprechendes Risiko, wird der Test von der Krankenkasse übernommen.
Denise Beck
Leitende Ärztin der Frauenklinik und Leitung des Brustzentrums am Spital Wetzikon (GZO)
Der Test auf bestimmte Gene wird jedoch auch bei bereits erkrankten Personen vorgenommen. «Haben Patientinnen beispielsweise ein BRCA1- oder BRCA2-Gen, können wir spezifischer behandeln», erklärt El-Balat.
Anstelle einer Chemotherapie, welche sowohl gesunde als auch kranke Zellen zerstört, können bei solchen Patienten Medikamente eingesetzt werden, die nur kranke Zellen angreifen. «Eine solche Behandlung weist wesentlich weniger Nebenwirkungen auf», ergänzt El-Balat.
Die Gene – das Handbuch des Menschen
Jolie hat sich ohne Erkrankung testen lassen, weil Krebserkrankungen in ihrer Familie auffällig waren. Solche Gentests zur Risikoerkennung, zu erhöhten Präventionsmassnahmen oder spezifische Behandlungsmöglichkeiten sind eine relativ neue medizinische Methode. «Es wird laufend geforscht, um die menschliche DNA als Handbuch zu nutzen. Sie bietet uns so viele Informationen über mögliche Krankheiten und entsprechende Behandlungsmöglichkeiten», so El-Balat.
In Zukunft werden Gentests ausschlaggebend sein – und sie werden Leben retten.
PD Dr. med. Ahmed El-Barat
Chefarzt der Frauenklinik am Spital Uster
So können bestimmte Genmutationen oder Gendefekte nicht nur auf ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs oder Eierstockkrebs, sondern auch Darmkrebs, Magenkrebs oder Hautkrebs hinweisen.
Aktuell kann man zwar alle Gene analysieren, jedoch bei weitem nicht alle Informationen lesen oder gar interpretieren. Dennoch ist die Analyse ein Lichtblick im Fortschritt der Medizin: Sie ermöglicht, die Gene von Patientinnen und Patienten auf bestimmte Krankheiten zu testen, diese frühzeitig zu erkennen und spezifischer zu behandeln. «In Zukunft werden solche Tests ausschlaggebend sein – und sie werden Leben retten», sagt El-Balat.
Behandlungen im Oberland
Oberländerinnen und Oberländer, die eine auffällige familiäre Krankheitsgeschichte aufweisen, können sich an verschiedene Anlaufstellen wenden – so beispielsweise das Spital Uster und das GZO. «Wir können in Wetzikon das gesamte Spektrum an Untersuchung, Beratung und Behandlung anbieten – egal, ob operativ oder medikamentös», erzählt Beck. Für die Genuntersuchungen arbeitet das GZO mit einem Labor in Zürich zusammen, das Spital Uster mit dem Labor der Humangenetik des Universitätsspitals Zürich.
«Wir nehmen in der Frauenklinik am Spital Uster keine Krebsoperationen vor», so El-Balat. Er ist nicht nur im Spital Uster, sondern am am Universitätsspital Zürich (USZ) tätig – und kann dementsprechend Patientinnen und Patienten aus der Region am USZ operieren. Die Beratung, Untersuchung und nicht operative Behandlung sowie die entsprechende Vor- und Nachsorge etwaiger Operationen finde dann wieder im Spital Uster statt.
