Turbenthaler Hausarzt nimmt Stellung zu Vorwürfen
Arztpraxen im Kreuzfeuer
Von allen Seiten hagelt es Kritik am Geschäftsmodell von Thomas Haehner. Nun äussert er sich zu den Vorwürfen. Die Praxis in Turbenthal scheint jedoch nur ein Nebenschauplatz in einem grösseren Konflikt zu sein.
Wer zwischen Auffahrt und Pfingsten eine Dienstleistung vom Ärztezentrum Turbenthal in Anspruch nehmen wollte, stand vor verschlossenen Türen. Ein entsprechender Anschlagzettel am Eingang verriet: «Aufgrund der aussergewöhnlichen Ereignisse in letzter Zeit werden wir unsere Praxis vom 18. bis 29. Mai geschlossen lassen.»
Man wolle die Zeit für die Umstrukturierung nutzen und hoffe, damit wieder zur alten Stabilität zurückzukommen, steht auf dem angeschlagenen Zettel weiter. Die Praxis führt Hausarzt Thomas Haehner. Er steht seit Längerem in der Kritik.
Mit den «aussergewöhnlichen Ereignissen» dürfte denn auch der mediale Trubel um den Hausarzt und seine Unternehmen gemeint sein. Eine Recherche von SRF Investigativ förderte mehrere mutmassliche Missstände zutage.
Chaotische Zustände
So soll Haehner die von ihm übernommenen Praxen in chaotische Zustände versetzt und systematisch unnötige ärztliche Leistungen abgerechnet haben. Das «Überarzten», wie diese Praxis im Fachjargon heisst, ist illegal.
Auch im Ärztezentrum Turbenthal herrschten chaotische Zustände, nachdem Haehner die Praxis vergangenen Herbst von Peter Flachsmann übernommen hatte. Der Hausarzt erklärte sich daraufhin und gelobte Besserung.
Bereits damals kündigte das kantonale Amt für Gesundheit an, dem Fall nachzugehen. Auf Anfrage weist das Amt auf die Stellungnahme zur SRF-Recherche hin.
Darin steht, das Amt habe Verbesserungsmassnahmen angeordnet, die nun eingeleitet und teilweise bereits umgesetzt worden seien. Zum Einzelfall, konkret zur Praxis Turbenthal, könne man aber keine Stellung nehmen.
Haehner dementiert Vorwürfe
Nun meldet sich der Arzt persönlich zu Wort. «Die Notiz an der Eingangstür war etwas missverständlich formuliert», räumt er ein. Bei der Auszeit handle es sich nicht wie auf dem Zettel beschrieben um eine Umstrukturierung, sondern um Betriebsferien.
Die vorgesehene Ferienvertretung sei unerwartet abgesprungen. Weil man kurzfristig keinen Ersatz gefunden habe, habe man die Praxis vorübergehend schliessen müssen.

Im selben Atemzug dementiert Haehner die in der Berichterstattung von SRF publik gemachten und von mehreren Medien aufgegriffenen Vorwürfe. Haehner entgegnet, seine Praxis in Turbenthal übernehme die Funktion einer Apotheke im Landbereich. Dass man viele Medikamente abgebe, sei daher nicht ungewöhnlich.
Im Übrigen handle es sich bei den Vorwürfen um «bösartige Verleumdungen, für die es nicht im Geringsten Anhaltspunkte gibt», mit dem Ziel, ihm und seinen Unternehmen zu schaden.
Hat es jemand auf den Arzt abgesehen?
Diese Aussagen decken sich mehrheitlich mit einem Statement von Anfang Mai, in dem Haehner im Namen seiner Firma Medium Salutis GmbH schreibt, er sei Ziel eines «besonders schweren Falls von Wirtschaftskriminalität». Man wolle die Unternehmensgruppe in die Insolvenz treiben.
Anhaltspunkte für eine finanzielle Schieflage soll es bisher einzig in Niederweningen geben, wie der «Zürcher Unterländer» schreibt. Anders als die zahlreichen anderen Praxen gehört jene in Turbenthal aber weder offiziell zur Medium Salutis GmbH noch zur verwandten Viamedica AG. Unklar bleibt daher, wie sich ein allfälliger Konkurs dieser Firmen auf die Turbenthaler Praxis auswirken würde.
Haehner betont denn auch, die Anschuldigungen hätten nichts mit dem Ärztezentrum in Turbenthal zu tun – der Praxisbetrieb laufe ganz normal. «Wir haben hier ein gutes Team und neue Strukturen aufgebaut und behandeln jeden Patienten nach bestem Wissen und Gewissen», versichert Haehner. «Wir sind für die Bevölkerung da.» Trotzdem fühle man sich von den Vorwürfen hart angegangen.
Verband kritisiert Geschäftsmodell
Für die Prüfung und die Meldung einer Überarztung, die gegen das Krankenversicherungsgesetz (KVG) verstösst, sind die Krankenkassen verantwortlich.
Das sagt das Gesetz
Verstösst ein Arzt oder eine Ärztin gegen die gesetzlichen Qualitätsanforderungen, zum Beispiel durch Überarztung, gibt es verschiedene mögliche Sanktionen: Krankenversicherer können die geleistete Vergütung zurückfordern. Weiter können sie eine Verwarnung oder eine Busse von bis zu 20’000 Franken beantragen. Im schlimmsten Fall droht einem Arzt der Ausschluss von der Tätigkeit zulasten der obligatorischen Krankenversicherung.
Bei Santésuisse, einer der Branchenorganisationen der Schweizer Krankenversicherer, beäugt man die Vorfälle kritisch. «Natürlich gilt die Unschuldsvermutung. Aber wenn es zutrifft, dass nicht die Behandlungen der Patientinnen und Patienten im Vordergrund stehen, sondern die Einkünfte, dann können wir das als Interessenvertretung der Prämienzahlerinnen und Prämienzahler natürlich nicht goutieren», sagt Pressesprecher Matthias Müller.
Turbenthaler Praxis bleibt verschont
Helsana, die eine Untersuchung gegen Haehner und seine Praxen eingeleitet hat, will sich zum laufenden Verfahren nicht äussern. «Zurzeit prüfen wir alle Leistungen der Medium-Salutis-Gruppe auf ihre Rechtmässigkeit und vergüten nur statthafte Forderungen», sagt Helsana-Sprecher Urs Kilchenmann. Diese müssten die gesetzlichen Kriterien «wirtschaftlich, zweckmässig und wirksam» erfüllen.
Ähnlich klingt es bei der Concordia. Bereits Ende 2022 hat man drei Praxen einer vertieften Prüfung unterzogen und im Nachgang wegen fehlender Unterlagen einen Zahlungsstopp verhängt. Das Ärztezentrum Turbenthal ist davon nicht betroffen. Weder Helsana noch Concordia haben entsprechende Hinweise von Versicherten erhalten.
Haehner ist derweil überzeugt: «Bei den Untersuchungen wird nichts herauskommen, da ist nichts dran.» Der Imageschaden, den er erlitten habe, lasse sich indes nicht mehr rückgängig machen.
