Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Gesundheit

«Wenn nötig, habe ich die Schraube angezogen»

Joel Meier, Chef des Impfzentrums Uster, zieht im Interview eine Schlussbilanz.

«Ich habe noch nie so viel gearbeitet, wie in den letzten zwei Jahren»: Joel Meier, Chef des Impfzentrums Uster.

Foto: Michelle Wolf

«Wenn nötig, habe ich die Schraube angezogen»

Schliessung des Impfzentrums Uster

Eigentlich kennt man Joel Meier als Veranstalter der Street Parade. In der Pandemie sind der gebürtige Bäretswiler und seine Firma Youngcom aber kurzerhand zu Impfzentrumsbetreibern in Uster geworden. Im Interview zieht er Bilanz.

Herr Meier, Sie haben die letzten zwei Jahren den Grossteil Ihrer beruflichen Energie in das Impfzentrum Uster gesteckt. Verspüren Sie nun, da Sie es geschlossen haben, etwas Wehmut?

Joel Meier: Nein. Es ist jetzt wirklich einmal genug. Die Zeit war wahnsinnig intensiv. Zuerst haben wir am Start einen Kraftakt hingelegt, dann waren wir stets getrieben durch die Ereignisse. Inzwischen sind wir ausgebrannt und dringendst ferienbedürftig.

Wie sind eigentlich auf die Idee gekommen, als privater Eventveranstalter ein Impfzentrum aus dem Boden zu stampfen?

Gar nicht. Es war das Spital Uster, das vom Kanton den Auftrag für das Impfzentrum in der Region erhalten hatte und dann am 7. Januar 2021 auf mich zugekommen ist. Diesem hatte das Know-How gefehlt, wie man einen solchen improvisierten Betrieb schnell auf die Beine stellt.

Und dann musste alles sehr schnell gehen.

Für mich kam das völlig aus dem Nichts. Am Morgen habe ich den Anruf gekriegt, am Mittag sind wir zusammengekommen, am Abend habe ich zugesagt. Man muss schon sehen: Zu jenem Zeitpunkt waren wir fast ein Jahr ohne Arbeit – es war eine sehr willkommene Herausforderung. Als ich für das Projekt Mitte Februar grünes Licht bekam, habe ich sofort meine Mitarbeitenden aus der Kurzarbeit geholt – von Null auf Hundert.

Aber nun ging es nicht um eine Party, sondern um die Gesundheit.

Das stimmt. In den ersten Monaten, als auf der Impfkampagne noch so richtig Druck lag, ging es vor allem um unsere Paradedisziplin: das Steuern der grossen Menschenmassen und die Prozesse in der Logistik. Das Medizinische war immer in den kompetenten Händen des Spital Uster. Gleichzeitig hat auch die Gesundheitsdirektion das Ganze sehr eng begleitet. Es war ein sehr anspruchsvolles Projekt.

Sie sind privater Unternehmer, nun arbeiteten Sie im Auftrag des Staats. Eine spezielle Erfahrung?

Ich kenne die Zusammenarbeit mit den Behörden von unseren Grossveranstaltungen her bestens. Das hat sicherlich geholfen. Es heisst nicht umsonst, dass die Mühlen der Verwaltung langsamer mahlen. Es braucht dort Zeit, bis Geld für etwas ausgegeben werden darf.

Ich habe die Pandemie als Situation erlebt, in der gewisse Dinge einfach gemacht werden mussten.

Joel Meier, Chef des Impfzentrums Uster

In der Pandemie war das aber anders.

Tatsächlich war vieles schneller möglich, weil der Bundesrat zuweilen ja auch mit Notrecht regiert hat. Das war für die Verwaltung ungewohnt und da konnten wir Private uns entsprechend einbringen. Der Druck in der Pandemie hat es zuweilen auch nötig gemacht, proaktiv zu handeln – also auch wenn etwas noch gar nicht politisch beschlossen worden war. Ansonsten wären vieles wegen der fehlenden Vorlaufzeit gar nicht rechtzeitig umsetzbar gewesen. Mehrfach habe ich vorab Geld in die Hand genommen und die Sache bereits angepackt, während die Gesundheistdirektion noch auf grünes Licht aus der Politik warten musste.

Können Sie uns ein konkretes Beispiel nennen?

Etwa die Impfmobile: Über Wochen war der Tenor, dass man näher zu den Leuten gehen soll. Einzig ein fixer Entscheid fehlte. Doch man kann ein solche Kampagne schlicht nicht innerhalb von zwei Wochen aus dem Boden stampfen. Also haben wir schon früh begonnen, zu sondieren. Unter dem Strich habe ich die Pandemie als eine Situation erlebt, in der gewisse Dinge einfach gemacht werden mussten.

Vor zwei Jahren ahnte Joel Meier noch nicht, dass er das Impfzentrum Uster fast zwei Jahre lang führen würde.
Startbereit: Joel Meier (Mitte), Usters Stadtpräsidentin Barbara Thalmann und Spitaldirektor Andreas Greulich im März 2021.

Das klingt, als wäre die Bewältigung eines solches Grossprojekt ohne privates Unternehmertum nicht möglich.

So würde ich es nicht sagen. Es gab ja auch Kantone, die das alles über staatliche Stellen geregelt haben. Und als Unternehmer hat man auch Nachteile. Etwa bei der Personalrekrutierung, bei der wir uns am freien Markt bedienen mussten. Den hohen Bedarf konnten wir anfänglich noch gut decken, da in vielen Branchen nur reduziert gearbeitet werde konnten. Spätestens im letzten Herbst als die Wirtschaft wieder brummte, ist es für unsere Personalabteilung dann massiv schwieriger geworden.

Was müssen wir uns unter «hohem Bedarf» vorstellen?

Wir haben mit etwa 450 Mitarbeitenden begonnen, später ist der Bestand mit der Einführung des Doppelschichtsbetriebs, der Pop-Up-Zentren und den Impfmobilen stetig gewachsen. Insgesamt hatten wir über die zwei Jahre rund 900 Leute unter Vertrag – wobei der tatsächliche Bedarf stets von der pandemischen Lage abhängig war.

Die Führung von so vielen Leuten stellen wir uns schwierig vor. Zumal das Metier neu und die Fluktuation hoch war.

Viele Leute im Griff zu haben, gehört als Veranstalter von Festivals oder der Street Parade zum Pflichtenheft. Man muss sicherstellen, dass man alle erreichen und ihnen die Direktive vermitteln kann. Ich denke, dass ist uns hier gut gelungen. Wir waren nahbar und menschlich, sind aber in technisch Fragen kompromisslos geblieben. Wenn nötig, habe ich die Schraube angezogen und in den täglichen Briefings auf den Tisch gehauen. Um sich aufeinander verlassen zu können, mussten die Abläufe eingehalten werden.

Ein zentraler Unterschied ist indessen, dass es bei einem Event um ein Erlebnis und im Impfzentrum um die Gesundheit ging.

Das stimmt – und dennoch gibt es viele Analogien. Beim Impfzentrums lag die Gefahr in den vielen repetitiven Abläufen, die insbesondere im Administrativen zur Nachlässigkeit verleiteten. Am Festival ist dagegen die Versuchung, sich dem Festtreiben hinzugeben gross. Beides darf nicht passieren und muss durch die Führung unterbunden werden.

Als Unternehmer ist für Sie die Rechnung eigentlich perfekt aufgegangen. Just als das Zentrum im Sommer 2022 während mehrerer Monate geschlossen wurde, waren Grossveranstaltungen wieder erlaubt.

Das war schön, aber auch enorm anstrengend. Der Entscheid, alle Grossveranstaltungen wieder zuzulassen, kam relativ spät. Die Menschen hatten das Bedürfnis das Verpasste nachzuholen, was uns einen enorm intensiven Sommer beschert hat. Das geschlossene Impfzentrum blieb aber stets präsent. Nicht nur musste es unterhalten werden, auch die Sitzungen mit der Gesundheitsdirektion wurden weiter abgehalten.

Wenn Sie heute Kassensturz machen: Hat sich das Abenteuer Impfzentrum gelohnt?

Aber hoffentlich! Auch wir mussten einen grossen Covidkredit zurückzahlen. Deshalb habe ich noch nie so viel gearbeitet, wie in den vergangenen zwei Jahren. Im Führungsteam haben wir zeitweise drei Monate ohne einen freien Tag durchgarbeitet und nie Ferien gemacht. Es war extrem. Wir haben im Februar 2021 mit einem Team von 13 Mitarbeitenden begonnen, heute sind es noch sechs, wobei davon noch zwei neu dazugestossen sind. Alle anderen haben wir in dieser Zeit verbrannt. Wir haben also am eigenen Leib erlebt, wie sich der oft genannte «Ausnahmezustand im Gesundheitswesen» anfühlt. Und wir sind Leute, die sich Druck und Hauruck-Übungen von Berufs wegen eigentlich gewöhnt sind.

Ausgang des Impfzentrums im März 2021.
Das Impfzentrum Uster hat seine Türen nun offiziell geschlossen. Der Standort wird nun zurückgebaut.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns