Der letzte Pieks ist gesetzt
Schliessung des Impfzentrums Uster
Nach zwei Jahren Betrieb hat das Impfzentrum Uster seine Türen geschlossen. Zurück bleiben etwas Wehmut, Erschöpfung und eine Fläche, auf der schon bald die Frösche quaken werden.
Eigentlich ist alles wie immer. Und dennoch fühlt sich an diesem Dienstagabend um 18:10 Uhr in der kleine Impfkabine 1 alles etwas anders an. Maik Zwicker sitzt mit entblösstem Oberkörper auf dem Stuhl und wird gefragt: «Sind Sie einverstanden, dass wir Sie zum fünften Mal impfen?» Ein knappes Ja, ein paar nette Worte zur Auflockerung, ein kurzer Stich. Das war’s.
Die Pandemie ist in der Öffentlichkeit schon länger kein Thema mehr, nun ist auch das Impfzentrum Uster Geschichte. Und Maik Zwicker, ein ehemaliger Mitarbeiter, der allerletzte Kunde. Er sagt: «Ich habe gerne hier gearbeitet. Deshalb wollte ich meine fünfte Impfung noch hier erhalten.»
Damit spricht er wohl den meisten der 60 Mitarbeitenden, die sich zum Schluss-Apéro im Empfangsbereich des Zentrums eingefunden haben, aus der Seele. Sie sind froh, die Pandemie hinter sich gelassen zu haben und gleichzeitig etwas wehmütig. Denn ganz egal, wer welche Erinnerung von diesem Ort mitnimmt – einzigartig sind sie für alle.
Tatsächlich hätte am 7. April 2021 niemand gedacht, dass er am 28. Februar 2023 noch hier stehen würde. 270'000 Impfungen wurden in den insgesamt 11 Kabinen gemacht; es gab Phasen, in denen die Arbeit zum Hochleistungssport wurde und andere, in denen man sich Beine in den Bauch stand.
«Meine Motivation war es, die Leute so schnell wie möglich wieder ins normale Leben zurückschicken zu können», sagt Petra Müntener. Die medizinische Praxisassistentin hatte vor allem geimpft – und das in einer hohen Kadenz.
Insbesondere in der Phase der Booster, in denen die Kundinnen und Kunden den Ablauf bereits kannten, ging es hoch zu und her. «Das war Akkordarbeit. Im Extremfall brauchten wir pro Impfung zwei Minuten», erzählt Müntener schmunzelnd. «Man nannte unsere Kabine auch die Speedkabine.»







«Es war damals extrem schön, wieder regelmässig mit Menschen zu tun zu haben», erinnert sich Elsbeth Reichelt, die von Beginn weg in der Administration mit dabei war. Die Pensionärin erzählt vom starken Zusammenhalt und dass sie Freunde gefunden habe, mit denen sie auch künftig verkehren wird.
Vor allem aber hatte es ihr die Führung angetan: «Ich musste in Rente gehen, um die besten Chefs meiner Berufslaufbahn zu erleben.»
Es ist ein Kompliment, das auch an die Adresse der Personalleiterin Patricia Simon geht. Diese geniesst das Wiedertreffen mit ihren Mitarbeitenden sichtlich. Insgesamt 900 hatte sie angestellt, rund 400 davon waren ihr über die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren vermittelt worden. «Und ich bin stolz darauf, alle mit Vornamen zu kennen», sagt Simon.

Dem Leiter des Impfzentrum Joel Meier ist dagegen die Erschöpfung deutlich anzumerken. In seiner kurzen Dankesrede bringt er es wie folgt auf den Punkt: «Wir stehen hier zum allerersten Mal gemeinsam ohne Maske. Dafür sind wir angetreten. Das haben wir geschafft.» Später wird er sagen: «Es ist jetzt auch einmal genug.»
Ironischerweise gehört Meier zu jenen, die eben noch nicht fertig sind. Mit den Auf- und Abräumarbeiten hat die Crew in den letzten Wochen begonnen. Stück für Stück wurde das Zentrum zurückgebaut – die reduzierte Kapazität, mit der man seit der Öffnung im September gefahren ist, hat das möglich gemacht.
Als Event-Profis – Joel Meier und seine Youngcom organisieren unter anderem die Street Parade – wissen die Betreiber, wie das geht: Von den fortgeschrittenen Arbeiten ist im verbliebenen Bereich jedenfalls wenig bis nichts zu sehen.

Nun ist in den letzten Tagen noch ein letzter grosser Effort gefragt. Bis Ende März muss die einst als Provisorium erstellte Dreifachturnhalle an die Stadt Uster zurückgegeben werden. Anschliessend wird sie durch eine private Firma zurück- und an einem neuen Standort wiederaufgebaut.
Jetzt verschwindet die TurnhalleDamit entledigt sich die Stadt relativ beiläufig eines Ärgernisses, das die Politik lange und intensiv beschäftigt hatte. Mit der schlecht gedämmten Halle, die 2019 ausser Betrieb genommen wurde, war kaum jemand zufrieden gewesen. Ein angestrebter Verkauf scheiterte an der fehlenden Nachfrage.
Der betroffene Perimeter im Buchholzareal wird nun nicht mehr bebaut, sondern im Rahmen der Biodiversitäts-Strategie kultiviert. Mit Obstbäumen, Wildgehölz und einer Restwasserfläche soll die Aufenthaltsqualität in der Sportanlage gesteigert und Lebensraum für Kleintiere geschaffen werden.
Diesen Weg hatte das Parlament bereits in seiner Sitzung vom 9. November 2020 geebnet. Nicht wissend, wie wichtig diese Übergangslösung, die niemand mehr wollte, noch werden sollte.
Der Ustermer Impf-Effort in Zahlen
Die Corona-Pandemie hat in der Schweiz Grenzen verschoben. Seit dem Ausbruch im März 2020 hat das Land Ausnahmezustände, Lockdowns und die grösste Impfkampagne der Geschichte erlebt. Letztere ist im Zürcher Oberland vor allem im und durch das Impfzentrum Uster abgewickelt worden. Wie gross der Effort war, spiegelt sich in folgenden Richtzahlen:
Eröffnung: 7. April 2021
Definitive Schliessung: 28. Februar 2023
380 Betriebstage
Total 325'700 Impfungen für rund 200'000 Menschen
Rund 270'000 Impfungen im Impfzentrum selbst
Vier temporäre Pop-Up-Zentren in Wetzikon, Horgen, Dietikon und Wallisellen
Vier Impfmobile
Tagesrekord: 1999 Impfungen
Ca. 400'000 verwendete Masken
