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Gesellschaft

Lokale Indie-Band

Gesellschaftskritik im Viervierteltakt

«At Baron Lane» nennt sich das Quartett aus der Region Uster. Ihr multistilistischer Sound und ihre kritische Stimme kreuzen sich mit spontanen Kreativitätsschüben.

Sie spielen seit ihrer Kindheit ein Instrument: Nicolas, Timon, Silvan und Timur (von links) bilden gemeinsam die Band At Baron Lane.

Foto: At Baron Lane

Gesellschaftskritik im Viervierteltakt

At Baron Lane nennt sich das Quartett aus der Region Uster. Der multistilistische Sound und die kritische Stimme der Band kreuzen sich mit spontanen Kreativitätsschüben.

Grauer Himmel trifft auf grauen Asphalt. Nebenan donnert eine Zürcher S-Bahn vorbei. Ein Parkplatz eines Bordells mit bröckelnder Fassade und ausgebleichten Wellblechen – es ist der klassische Ort einer 1970er-Jahre-Agglomeration.

Auf dem Parkplatz steht Nicolas. Handschlag, Tür auf, Treppe runter. Über der Erde Beton, unter der Erde Kreativität. Im Keller warten bereits die restlichen Mitglieder der Band At Baron Lane. Zwei Pädagogen, zwei Informatiker. In der einen Ecke steht ein kleiner Kühlschrank mit Dosengetränken, in der anderen sind Instrumente und ein Computer zu sehen. Unterhalb des einzigen Fensters kleben einige Eierkartons.

«Frustration.» So beschreibt Frontman und Singer-Songwriter Silvan das Thema ihres neusten Albums «The Cause», welches letzten November erschienen ist.

«Hoffnung und Neugier.» Das charakterisiere die Band recht gut, finden die restlichen Mitglieder. Hoffnung, dass man gehört wird, und Neugier auf das, was noch kommt.

Im Endeffekt machen wir Musik, ohne dass wir uns an Grenzen orientieren.

Silvan Stäuble

Singer-Songwriter

Die Mitglieder der Formation At Baron Lane verarbeiten in ihrem Stil verschiedene Musikeinflüsse: Ska, Bossa nova und Gospel finden in ihrem Mix genauso Platz wie die Mainstream-Titanen Pop und Rock. Das Quartett bezeichnet sich offiziell als Indie-Band, tatsächlich wissen die Mitglieder aber selbst nicht so genau, welchem Genre sie angehören.

Indie ist die Abkürzung für das englische Wort independent, also unabhängig. Der sehr breit verwendete Begriff umfasste ursprünglich alle Bands, welche ihre Musik unabhängig von grossen Plattenfirmen veröffentlichten. Heute steht das Wort für einen Musikstil, der stark durch Gitarrensounds geprägt wird und dem Softrock nahesteht.
(rem)

«Unser Sound ist spürbar anders als die klassische Indie-Ästhetik. Im Endeffekt machen wir Musik, ohne dass wir uns an Grenzen orientieren. Das Genre kommt dann erst im Nachhinein», führt Silvan aus. Das habe auch mit der Art und Weise zu tun, wie sie ihre Songs erstellten. Von den Bandmitgliedern habe jedes einen anderen Musikgeschmack: «So kommen ganz verschiedene Ideen zusammen.»

Der Geistesblitz auf dem Velo

Ein Beispiel für dieses wilde Zusammenführen von Gedankenfäden in einen fertigen Song ist das Intro von «Chinotto am Meer». Während die Songs von At Baron Lane vorwiegend in Englisch gehalten sind, beginnt das Stück auf Mundart. Die zündende Idee dazu kam Silvan auf dem Fahrrad: «Ich habe auf dem Nachhauseweg schweizerdeutsche Musik gehört und fühlte mich inspiriert.»

Die vier Mitglieder der Indie-Band im Treppenhaus vor ihrem Proberaum.
Die vier Mitglieder der Indie-Band im Treppenhaus vor ihrem Proberaum.

Er habe den Text von «Chinotto am Meer» auf dem Fahrrad vor sich her geschrieben und dann zu Hause den Song aufgenommen. Timon, der Schlagzeuger der Band, ergänzt: «Wir haben es gespielt, weil wir es lustig fanden, und dann haben wir noch ein Solo drangehängt.» Fertig war das Stück.

Silvan lacht über diese Praxis: «Oft schreibe ich etwas, das gut tönt, und reime mir dann im Kopf die Wörter zusammen.» Timon fügt hinzu: «Manchmal sind wir am ‹Umeblödele› und merken dann plötzlich, dass es irgendwie doch cool tönt.»

Erfolg ist, wenn Menschen Freude an dem haben, was wir kreieren.

Nicolas Schwarz

Bassist

Früher musizierten die vier jungen Männer im Proberaum der Kantonsschule Uster. Heute sind sie mit ihrem eigenen Studio flexibler. Dennoch: Die Band bleibt für sie ein stetiges Minusgeschäft. Um einen verlässlichen Profit zu erwirtschaften, seien sie einfach nicht genug gross. Erfolg lasse sich jedoch nicht allein an Zahlen messen, findet Bassist Nicolas: «Erfolg ist, wenn Menschen Freude an dem haben, was wir kreieren, aber auch, wenn uns selber die Freude daran nicht vergeht.»

Band versus Berufsleben – ein Spagat?

Über das Wenn und Aber ist sich die Band jedoch nicht ausnahmslos einig. Diskussionen und unterschiedliche Meinungen gehören zum Bandalltag dazu. Nicolas gewährt Einblicke in eine erst kürzlich abgehaltene Diskussion: «Angenommen, wir erhielten eine Einladung zu einem grossen Festival, so ein ‹once in a Lifetime-Experience› – und man hat an diesem Tag schon etwas vor. Was soll man da tun? Es geht um die ganz grundlegende Frage, welchen Stellenwert die Band hat. Stellt man sie vor das Berufsleben, welches die Band ja schliesslich finanziert, oder nicht?» Solche Fragen müsse man ausdiskutieren, auch wenn es wie in diesem Fall nicht immer eine eindeutige Antwort gebe.

Während der Produktionsphase des aktuellen Albums gab es sogar einen Wechsel in der Formation. Dies hat die Band vor neue Herausforderungen gestellt, wie Silvan rückblickend zu erzählen weiss: «Plötzlich fehlte uns ein vorher zentrales Instrument in unserer Musik, das Saxofon. Wir mussten alle Songs neu einstudieren und waren etwas motivationslos, weil wir weniger schnell vorwärtskamen. Saxofon und Gitarre sind einfach anders.»

Versteckte Kritik an der Gesellschaft

Beim besagten Album handelt es sich um ein Konzeptalbum. Diese bewusst kreativ getroffene Entscheidung begründet die Band folgendermassen: «Das Album hat in der Popkultur eine Renaissance. Bewusstes Musikhören kommt wieder mehr, und dadurch hört man auch bewusster Alben. Ausserdem haben bekannte Bands wie die Twenty One Pilots bereits erfolgreich vorgespurt.»

In «The Cause» übt Silvan Kritik an der Schweizer Bürokratie und Politik. Diese verpackt er in die fiktionale Figur «Lenny», von der er selbst kein konkretes Bild hat, wie er lachend erzählt. «Lenny» sei eher das Gedankenbild einer Person, die sich für das einsetze, was sie gut finde, als eine konkrete Figur. So könne jeder «Lenny» sein.

Die vier Bandmitglieder auf der Bühne.
Die Band At Baron Lane spielte am 8. November 2025 bei ihrer Album-Releaseparty in der U-Boot Bar in Uster.

Es ist weniger Wut als Ernüchterung, die in der Musik des Albums «The Cause» mitschwingt – über eine Gesellschaft, die Missstände zwar erkennt, aber selten handelt. «Mich nervt, dass Leute nichts ändern, selbst wenn sie merken, dass etwas nicht gut ist. Aber Veränderung würde ja Aufwand bedeuten – und von genau dieser Überzeugung verkörpert ‹Lenny› das Gegenteil», argumentiert Silvan.

Notfalls kann man ja auf den Mond flüchten

Gitarrist Timur betrachtet das ideologische Konzept aus der künstlerischen Perspektive: «Kunst hat den Vorteil, dass man eine Message indirekt übermitteln kann, man kann sie verpacken.» So werde sie für viele Menschen zugänglich.

Wir alle sollten uns die Frage stellen: Was müssen wir tun, um eine gute Welt zu erhalten?

Timon Eggenschwyler

Schlagzeuger

Die Band appelliert mit ihrer Musik an Reflexion, Kollektivismus und eine altruistische Weltanschauung. Diese Einstellung spiegelt sich auch im Text von «Right Hand Man» wider. Dort heisst es: «You have to work for the change too!»

Timon nennt das Problem beim Namen: «Heute haben wir Angst, Dinge auszuprobieren, weil es möglicherweise zu viele Ressourcen braucht. Doch wir alle sollten uns die Frage stellen: Was müssen wir tun, um eine gute Welt zu erhalten? Wir wünschen uns, dass es nicht mehr darum geht, mehr Stimmen oder Geld zu gewinnen in der Politik.»

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