Junge Dübendorfer halten albanische Kultur am Leben
Kinder mit Migrationshintergrund könnten ihre Herkunft vergessen – das sagt eine Gruppe junger albanischstämmiger Dübendorfer. Sie wollen genau das verhindern – und das Interesse an ihrem Kulturverein ist gross.
«Das hier ist unsere ‹Oda›», erklärt Besijan Hoxhaj, als er mit einer ausschweifenden Handbewegung in den Versammlungsraum seines Vereins führt. «Das ist in der albanischen Kultur wie eine Art Wohnzimmer, wo man sich trifft und die Gemeinschaft geniesst.»
Im Zimmer in einem Industriegebäude am Rand von Volketswil, gleich an der Grenze zum Gfenn, hat sich der Dübendorfer Verein Ansambli Ura eingerichtet. Die albanische Kulturgruppe hat weiche, reich ornamentierte Sitzmatten entlang den Wänden platziert. In der Ecke steht ein Plattenspieler samt einer seltenen Auswahl an Vinyls mit Volksliedern. «Früher wurde die ‹Oda› nach Geschlechtern getrennt», erklärt Vereinspräsident Hoxhaj. «Bei uns treffen sich heute aber alle gemeinsam.»
Der Verein versucht sich mit der Balance auf dem schmalen Grat zwischen dem jahrhundertealten kulturellen Erbe Albaniens und dem modernen Zeitalter, in dem die zehn jungen Gründer aufgewachsen sind. Erst vor etwas mehr als einem Jahr ins Leben gerufen, bietet Ansambli Ura Gruppen- und Privatkurse für albanische Volkstänze an, betreibt ein Orchester, vermietet traditionelle Trachten oder organisiert Auftritte und Events.
Ein Verein, der Brücken baut
«‹Ura› bedeutet Brücke», erklärt Mitgründerin Besjana Shahinaj. «Wir versuchen, die Brücke zwischen Alt und Jung zu schlagen.» Albanische Kulturvereine gebe es im Kanton Zürich schon einige. «Wir verfolgen aber einen neuen Ansatz.»
Anders als viele ihrer Eltern und Grosseltern seien sie nämlich nicht in die Schweiz eingewandert, erklärt der 26-jährige Hoxhaj. «Wir sind in der Schweiz aufgewachsen, hier in die Schule gegangen und sind in der Gemeinschaft eingebettet.»
Die 23-jährige Shahinaj ergänzt, dass sie zwar die positiven Aspekte übernehmen wollen, die sie aus den anderen Vereinen kennen. «Dazu gehören die Vermittlung albanischer Werte, die Familiarität und die gegenseitige Verbundenheit.» Aber es brauche auch mal frischen Wind, findet Hoxhaj. «Wir haben kurze Entscheidungswege, einen kleinen Vorstand mit nur drei Mitgliedern und setzen mehr auf Social Media.»
Und die Macht dessen hat den jungen Verein in kurzer Zeit zu einer festen Grösse im Vereinshimmel gemacht. Über alle Kanäle verteilt haben sie eine Anhängerschaft von rund 8000 Followern um sich geschart. Vereinsmitglieder zählen sie rund 170, 140 davon sind aktiv in Tanzgruppen oder im Orchester. «Wir waren vom Andrang überrascht», verrät Hoxhaj. «Laufend erhalten wir neue Anfragen, aus der ganzen Schweiz.»
Die beiden können die Beweggründe für die Teilnahme am Vereinsleben gut verstehen. «Die Menschen suchen die Verbundenheit mit der albanischen Kultur», sagt Shahinaj. «Besonders die Albaner, die in der Schweiz aufgewachsen sind. Sie haben Angst, die Traditionen, die Sprache oder die Tänze zu vergessen.» Viele Eltern würden auch Wert darauf legen, dass ihre Kinder ihre Herkunft besser kennenlernten.
Hoxhaj ergänzt: «Viele junge Albaner sind in der Schweiz zu Hause, tragen aber gleichzeitig ihre Herkunft in sich. Bei uns müssen sie sich nicht entscheiden, sie dürfen beides sein.» Der Verein helfe ihnen, ein Zugehörigkeitsgefühl zu finden.
Der Tanz als Baustein
Der Tanz ist da ein verbindendes Element. «Er ist ein wichtiger Baustein unserer Gesellschaft», erklärt Shahinaj. «Es wird immer getanzt: Sei es an Hochzeiten, Geburtstagen, Dorffesten … Eigentlich, sobald sich mehr als zehn Leute versammeln.»


Mergur Cikaj, der das Gespräch begleitet, ist einer der Tänzer. «Während des Tanzens kann ich alles vergessen. Die Welt um mich herum verschwindet», sagt der junge Albaner aus Dübendorf. «Wenn ich tanze, fällt all der Stress von mir ab.»
Geübt wird mit Trainern, zu denen auch Hoxhaj und Shahinaj gehören, in verschiedenen Altersklassen ab vier Jahren. Zum Repertoire gehören elegante oder temperamentvolle Choreografien aus dem Norden, der Mitte oder dem Süden des Lands. Passend dazu hat sich der Verein bereits eine breite Auswahl an Trachten zugelegt. Diese spiegeln die grosse regionale Vielfalt wider und zeichnen sich sowohl durch leichte als auch durch schwere Stoffe sowie durch florale oder geometrische Stickereien aus.
Der Krieg als Ansporn
Zu jedem Tanz gehört auch eine Geschichte. Diese versuchen die Trainer den Tänzern durch Inputs zu vermitteln. «Wir versuchen so, die Erzählungen unserer Vorfahren am Leben zu erhalten», erklärt Shahinaj.
Das ist den beiden auch ihren Familien zuliebe wichtig. «Meine Eltern sind vor dem Krieg geflohen und mussten sich hier ein neues Leben aufbauen», erzählt sie. Hoxhaj ergänzt: «Meine Mutter war Tänzerin an ihrer Schule in Kosovo, bis sie ihre Heimat verlassen musste.» Das motiviere ihn, sich für den Verein einzusetzen. «Wir möchten unsere Kultur leben, auch für unsere Eltern, die das nicht immer konnten.»
Der Kosovo-Krieg und seine Folgen
Viele Albanerinnen und Albaner aus dem Kosovo flohen in den 1990er Jahren vor dem Krieg in die Schweiz. Der Kosovo war Teil Jugoslawiens, seine Bevölkerung mehrheitlich albanisch. In den 1990er Jahren schränkte die serbisch dominierte Führung die Rechte der Kosovo-Albaner massiv ein. Die albanische Sprache, die albanischen Schulen und kulturelle Aktivitäten wurden aus dem öffentlichen Leben gedrängt. 1998 eskalierte der Konflikt zum Krieg. Nach dem Nato-Einsatz 1999 zog sich die jugoslawische Armee aus dem Kosovo zurück.
Neben dem Erhalt der Kultur für ihre albanische Gemeinschaft sei ihnen aber auch die Vermittlung nach aussen sehr wichtig. «Wir wollen die albanischen Traditionen auch den Schweizern näherbringen», so Shahinaj. «Die ‹Ura›, also Brücke, auch zwischen den beiden Kulturen bauen.»
Hoxhaj ergänzt: «Wir sind mehr als Geschichten von Krieg und Flucht und mehr als das Bild, das manchmal in den Medien von uns entsteht. Wir möchten zeigen, wie vielfältig wir sind.» Denn eigentlich seien sich die beiden Länder ähnlich: «Wir teilen zum Beispiel unsere Vielfalt an Trachten oder die bergige Landschaft», sagt Hoxhaj.

