An dieser Schule in Dübendorf gibt es keine Lehrer
Sinan Güzelsahin ist unzufrieden mit dem gängigen Schulsystem. Also hat er im Dübendorfer Hochbord eine neue Schule eröffnet, an die er seine Kinder schickt. Dabei hat er den Frontalunterricht und die Lehrer durch etwas anderes ersetzt.
Wie eine Schule aussieht und funktioniert, ist schweizweit sehr ähnlich. In Dübendorf hat aber diesen Sommer eine Bildungseinrichtung eröffnet, die mit herkömmlichen Konzepten bricht. «Kinder sollen nicht einfach nur annehmen, was ihnen vorgesetzt wird. Sie sollen lernen, kreativ und reflektiert zu denken.»
Das sagt Sinan Güzelsahin, der Gründer und Betreiber der Acton Academy, die er im August im Hochbord eröffnet hat. Die Academy sollte eine Schule sein, an die er seine eigenen Kinder schicken wollte – seit der Eröffnung im August gehören seine beiden Kinder zu den ersten Schülern.

Birkenhain an der Ringstrasse
Der Unterricht findet in einem Gebäude direkt an der Ringstrasse statt. Durch einen Lifteingang gelangt man in ein Stockwerk, wo sich eine Kita und ein Kindergarten, eine Garderobe und zwei Schulzimmer befinden. Die Räumlichkeiten scheinen noch eher leer. Erst acht Kinder besuchen die Einrichtung. Der Geschäftsführer erklärt: «Wir setzen auf organisches Wachstum. Wir starten nicht gleich mit ganzen Klassen, sondern integrieren die Schüler laufend während des Schuljahrs.» Aktuell sei man mit rund 50 weiteren Familien im Gespräch.
Das Motto der Einrichtung ist der Wald. Die Garderobe imitiert einen Birkenhain, in der Kita steht ein nachgebauter Baumstamm als Sitzgelegenheit – und vor allem: Alle Möbel sind aus Holz. «Unsere Schüler sollen in einer natürlichen und förderlichen Umgebung lernen und nicht in sterilen, eckigen Räumen», sagt Güzelsahin.
Deshalb kommt die gesamte Einrichtung von Schweizer Herstellern mit lokalem Holz, der Boden besteht aus Kork, die Beleuchtung simuliert mit Farbtönen den Tagesrhythmus, und in jedem Raum wird natürlicher Arvengeruch verströmt. Anstatt Wi-Fi zur Datenübertragung zu nutzen, haben sie Li-Fi installiert, das anstelle von Funkwellen Licht nutzt und die Strahlungsbelastung von Kindern senken soll. «Unsere Einrichtung ist zeitaufwendiger und teurer, aber das ist es uns wert», so Güzelsahin.
Fragen ohne Antworten?
Eine Wandtafel oder Stuhl- und Tischreihen sucht man an der Acton Academy vergebens, denn Güzelsahin setzt auf Lernen im Kreis und in kleinen Gruppen. Lehrer, Belohnungen, Projektarbeiten, Lektionen oder Schüler gibt es theoretisch auch nicht. Das liegt vor allem daran, dass die bilinguale Schule ihre Bestandteile gerne englisch umtauft. Schüler lassen sich vereinfacht als Eagles (Adler), Lehrer als Guides (Mentoren), Belohnungen als Bucks (Geld), Projektarbeiten als Quests (Missionen) oder Lektionen als Core Skills (Grundkompetenzen) übersetzen.
Das pädagogische Konzept wurde Anfang der 2000er Jahre in Texas entwickelt. «Ich habe es aber nicht eins zu eins übernommen. Wir sind eine unabhängige Einrichtung», sagt der gelernte Kaufmann, der Philosophie und Business Administration studiert hat.
Die Hauptunterschiede zur klassischen Schule: Anstatt Frontalunterricht leiten die Guides Kreisunterricht mit der sokratischen Lernmethode. Diese wird auf der Website der Schule folgendermassen beschrieben: «Guides geben keine Antworten, sondern stellen sokratische Fragen.»
Güzelsahin präzisiert: «Das heisst nicht, dass die Guides nie antworten. Es geht vielmehr darum, den Schülern mit Gegenfragen zu helfen, selbst zu einer Lösung zu kommen.» Die Guides, die die Kinder in einem Verhältnis von eins zu fünf betreuten, hätten aber natürlich trotzdem eine pädagogische Ausbildung, und der Unterricht entspreche dem Lehrplan 21.
Jeweils am Morgen werden altersdurchmischt Core Skills gelernt, wie zum Beispiel Mathematik oder Grammatik, dann wird entweder draussen im Park hinter dem Gebäude gespielt oder gebastelt, und am Nachmittag wird das Gelernte in den Quests praktisch angewandt. Zum Beispiel indem spielerisch ein Unternehmen gegründet oder die Architektur eines Gebäudes geplant wird. Nach Schulschluss um 15 Uhr dauert die optionale Betreuung bis 19 Uhr.
Tests kommen unangekündigt, belohnt wird mit Eagle-Bucks. Noten werden erst am Ende des Semesters vergeben, Hausaufgaben gibt es keine. Sport oder Yoga findet in der nahe gelegenen Multisporthalle Fabrik 11 statt. Fühlt sich ein Kind überfordert, kann es sich in einen speziell gestalteten Ruheraum, Snoezelen genannt, oder einen Holzkubus zurückziehen.

Ein Tribe für 2500 Franken
So weit, so unkonventionell. Was Güzelsahin beim Unterricht aber am wichtigsten ist: «Die Familien der Kinder sind Teil der Schule, und die Schule ist eine Gemeinschaft.» Oder Tribe (Stamm), wie er das nennt. Das heisst, dass die Kinder zum Beispiel zu flexiblen Zeiten gebracht oder geholt oder auch während der Schulferien betreut werden können. «Verpasster Unterricht wird in einem individuellen Plan nachgeholt – der Unterricht soll nicht das Familienleben einschränken.»
Die Guides würden aktiv versuchen, die Eltern in den Schulbetrieb einzubinden. Zum Beispiel indem sie Vorschläge für Klassenausflüge vorbringen oder ein Elternteil als Klassenassistenz im Unterricht dabei ist. So wie jetzt gerade: Eine Mutter steht zusammen mit den Schulkindern in der Küche, wo die Kleinen mit Unterstützung jeweils ihr Mittagessen selbst zubereiten.
«Diese Involvierung der Eltern ist aber auch eine der grössten Herausforderungen dieses Schulkonzepts», so Güzelsahin. Denn es funktioniere nur, wenn die Eltern mitmachten. «Wer sich einbringen will, ist bei uns richtig.» Ob die Bereitschaft zur Teilnahme besteht, wird im mehrstufigen Bewerbungsprozess mit den Familien abgeklärt. «Im Gespräch merken beide Seiten schnell, ob es passt.»
Monatlich kosten Kindergarten und Primarschule rund 2500 Franken. Das sei aber ein Angebotspreis für die ersten teilnehmenden Familien. «Daneben finden wir aber auch individuelle Lösungen. Wir wollen keine aristokratische Schule sein und einkommensschwächere Familien ausschliessen», sagt Güzelsahin.
