Dübendorferinnen ernähren mit gerettetem Essen armutsbetroffene Menschen
Zweimal in der Woche verteilt der Verein Aufgetischt statt weggeworfen Essen aus dem Überschuss von Lebensmittelhändlern. Fünf Freiwillige bauen dafür in einem Schulhaus einen kleinen Laden auf.
Arbeitslosigkeit, hohe Wohnkosten oder eine Flucht aus dem Heimatland: Es gibt viele Faktoren, die Menschen an das Existenzminimum bringen. In 18 Gemeinden in der Schweiz können sich diese Personen auf den Verein Aufgetischt statt weggeworfen stützen.
Einer der Standorte dieser gemeinnützigen Organisation ist in Dübendorf und wird von rund 30 Freiwilligen betrieben. Jeweils fünf engagierte Personen sammeln am Dienstag und Samstag überschüssige Lebensmittel von Coop, Migros und Lidl nach Ladenschluss ein und verteilen sie an armutsbetroffene Menschen.
Nach Ladenschluss geht es los
So auch diese Woche. Fünf Dübendorferinnen treffen sich eine halbe Stunde vor Ladenschluss in einem Kellerraum der Turnhalle vom Dorfschulhaus, um leere Kisten in ihre Autos zu packen. Dann düsen sie los, um pünktlich bei den Lastwagenrampen der Lebensmittelhändler auf die nicht verkauften Waren zu warten.
Die Freiwillige Marlies Derungs stellt ihr kleines Auto vor die Hinterseite der Migros und begrüsst Filialleiter Rocco Matteo. «Ich kann Euch nur Brot und Gemüse geben», kündigt er an. Denn viele andere Waren wie Fleisch seien wegen der Einhaltung der Kühlkette zu heikel.

Eine Kiste nach der anderen überreicht er Derungs, sie sind voll gefüllt mit Backwaren aller Art. «Eigentlich könntet Ihr jeden Abend kommen», sagt Matteo. Werden die nicht verkauften Lebensmittel nicht vom Verein geholt, werden sie zu Schweinefutter oder Gas verarbeitet. «Nicht wie allgemein angenommen zu Paniermehl», sagt Matteo.
Wie viel Essen sie von den verschiedenen Lebensmittelhändlern bekämen, komme auf die Filialleitung an, sagt Derungs. «Nicht alle machen sich die Mühe, die überschüssigen Esswaren zu sortieren und für uns in Kisten bereitzustellen.»
Zurück im Kellerraum stellt Derungs jede Kiste auf die Waage. «Für die Statistik», erklärt sie. Dienstags sammelten und verteilten sie jeweils rund 120 bis 150 Kilogramm Essen, samstags 300 bis 400 Kilogramm. «Am Wochenende ist es mehr, weil sonntags die Läden geschlossen werden.» 174'000 Kilogramm Essen habe der Verein in Dübendorf seit 2016 gesammelt und verteilt.

Während eine Freiwillige nach der anderen von ihren Touren zu Coop, Migros und Lidl zurückkehren und die Lebensmittel auf bereitgestellten Festtischen platzieren, macht sich eine der Frauen auf, um die ersten Lebensmittelbezüger zu begrüssen.
Holzwürfel bestimmen die Reihenfolge
«Es kommen Flüchtlinge, viele von ihnen sind Ukrainer», erklärt Derungs. «Auch Personen, die Sozialhilfe beziehen. Aber bei ihnen ist die Hemmschwelle grösser, weil sie Angst haben, erkannt zu werden.» Dabei versuche das Team, Normalität und eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. «Wir wollen nicht, dass die Menschen sich schämen», sagt Derungs. «Jeder kommt im Leben einmal in eine schwierige Situation.»
Damit die Bezüger vom Angebot des Vereins profitieren können, müssen sie eine Bezugskarte vorweisen. Diese werden von der Stadt oder der Kirche ausgestellt, nachdem ihre finanzielle Lage geprüft wurde. So ist es auch vertraglich mit den Lebensmittelhändlern geregelt. Es soll sichergestellt werden, dass der Verein die Esswaren nicht an reguläre Kunden abgibt oder für Profit verkauft.
Nachdem die Freiwillige die Karten der langsam eintrudelnden Leute kontrolliert und auch einmal eine «ganz seltene!» Ausnahme gemacht beziehungsweise ein Auge zugedrückt hat, müssen die Bezüger einen Franken bezahlen. «Damit begleicht der Verein Material- und Unkosten», erklärt Derungs. Neuerdings fliesst das Geld auch in Gutscheine für Freiwillige, die ihr Auto zur Verfügung stellen. «Wir haben Mühe, engagierte Personen mit grossen Fahrzeugen zu finden, und wollen so mehr Leute zum Mitmachen motivieren.»
Nach der Bezahlung ziehen die Bezüger Lose, die von 1 bis 35 nummeriert sind. Die Nummern stehen für die Reihenfolge, in welcher die Besucher in den Kellerraum dürfen, um das Essen zu beziehen. «So verhindern wir, dass immer die Gleichen zuerst kommen», erklärt Derungs.
Die Freiwillige fragt die Besucher jeweils scherzhaft, welche Nummer sie sich denn wünschten. Die Mutigen antworten mit «eins», die Bescheidenen mit «vier» oder «fünf». Je nach Ergebnis wird dann erfreut gejuchzt oder enttäuscht davongeschlurft.
Ab und zu müssen sie daran erinnert werden, sich «um de Egge» aufzuhalten. Denn es ist ihnen verboten worden, vor dem Eingang des Kellerraums zu stehen. «Die Anwohner haben sich ab dem abendlichen Lärm gestört und sich bei der Stadt beschwert, die uns den Raum zur Verfügung stellt», so Derungs. «Deshalb müssen sie jetzt auf der anderen Hausseite beim Sportplatz warten.» Die Stimmung ist trotzdem gut, man tauscht sich freundlich aus und witzelt, meist in gebrochenem Deutsch. «Für viele ist das hier auch ein sozialer Treffpunkt.»
Bereit für die «Rushhour»
Mittlerweile haben die anderen freiwilligen Frauen im Kellerraum alle Lebensmittel – Brot, Aufschnitt, Süssgebäck, Salat und Kräuter – auf den Tischen bereitgestellt. Bevor die ersten Bezüger reindürfen, werden die Esswaren gezählt und die Menge an Lebensmitteln pro Familie geschätzt. «So bestimmen wir, wie viele Brote oder Salatköpfe wir pro Person rausgeben dürfen», erklärt Derungs. Familien und Mehrpersonenhaushalte erhielten mehr Waren als Einzelpersonen. «Wir müssen sehr genau darauf schauen, dass es fair bleibt.»
Und schon dürfen die ersten der rund 30 Bezüger in den Raum. Sie haben Einkaufstaschen oder -wagen dabei und wählen von den Tischen aus, was sie anspricht. «Manche sind wählerisch», erzählt Derungs. «Wenn das Essen nicht bio ist, nehmen sie es nicht.»
Am Schluss sind nur noch wenige Kisten mit Broten, vereinzeltes Süssgebäck und einige zerdrückte Kräuter übrig. Das verteilen die Freiwilligen untereinander, bevor sie den Überschuss ins Asylheim und zu lokalen Bauern fahren und die Tische und den Boden reinigen, damit am darauffolgenden Samstag ein sauberer Raum auf die nächsten Vereinsmitglieder wartet.
