«Für 1000 Franken kannst du alles haben»
Flohmarkstände fluten Dorf
Die Schwerzenbacher Bevölkerung hat ihre Gärten und Garagen zu Verkaufsflächen umgestaltet. Wer sich auf die privaten Areale traute, wurde mit Sportdemonstrationen oder Modeberatungen verwöhnt.
Ganz Schwerzenbach ist am Samstag mit Flohmarktständen übersät. Für die Dorfbewohner bietet sich damit eine gute Gelegenheit, endlich mal dem Nachbarn in die Garage zu schauen und das Gärtchen hinter der Hecke auszuspionieren – oder einfach etwas Brauchbares zu kaufen. Wie bei der Familie Frey an der Dorfstrasse, die ihren ersten Kunden um 10 Uhr freundlich willkommen heisst.
Auf ihrem Tisch im Garten sind Spielzeug, Bücher und Geschirr sauber aufgereiht. Annja Frey findet den Verkauf vor dem Haus praktisch. «Alles ins Auto zu laden und zu einem entfernten Flohmarkt zu fahren, das hätten wir nicht gemacht.» Ehemann Sammy Frey sucht derweil noch den passenden Verkaufssound auf seinem Handy.
Auf Tuchfühlung mit den Freys wohnt das Ehepaar Ramseier. «Für 1000 Franken kannst du alles mitnehmen», sagt Markus Ramseier zu einem neugierigen Besucher. Seit 30 Jahren wohnt das Paar hier. Im Estrich hat sich einiges angesammelt, was die beiden längst vergessen hatten. Etwa den Hamsterkäfig der Tochter, deren Nager bereits vor 17 Jahren gestorben ist.
Es geht uns ja nicht darum, Reichtümer anzuhäufen.
Martin Jungfer
Christa Ramseier will die Gelegenheit nutzen und die unverkauften Sachen nächste Woche ins Brockenhaus bringen. Ausgenommen ist die Sammlung der Kupferspitzminiaturen: Grammophon, Waage, Ofen oder Klavier. Für diese Raritäten will sie fünf Franken pro Stück.










Zum Abschied gibts von der Tochter der Familie Frey ein kunstvoll gebackenes Cookie mit auf den Weg. Kostenlos bietet auch Ulrike Bartczak, die ebenfalls an der Dorfstrasse wohnt, Gebäck an. Beim Betreten ihres Vorplatzes ist man jedoch unsicher: Ist das wirklich ein Flohmarktstand oder vielleicht doch einfach eine Auslegeordnung für ein gemütliches Wochenende der hier wohnhaften Frau? Gerade mal ein Dutzend Gegenstände stellt Bartczak schön drapiert zum Verkauf.
Gewissheit über die Standorte erhält man über die Website «Schwerzenbach räumt aus». Dort sind auf einer Karte sämtliche Stände mit einer Auswahl des Verkaufsangebots verzeichnet – insgesamt sind es über 80. Organisiert wurde die Veranstaltung von den Ortsparteien Grüne und GLP sowie der Gemeinde.
Einen Abnehmer für ein schwarzes Spielzeugpferd hat Bartczak schon. Ein Mädchen aus der Gegend hat Wind davon bekommen und will sich «Black Beauty» unbedingt für zwei Franken kaufen.
Märte wie in Drittweltländern macht mir Spass.
Sabine Zünd
An der Greifenseestrasse hat sich auf einer Zufahrt Martin Jungfer mit Tochter Emilia auf einer Festbank eingerichtet. Auf dem Tisch bieten sie original verpackte Experimentierkästen und Spielzeug zum Schleuderpreis von 50 Rappen oder einem Franken an. «Wenn es jemand brauchen kann, sind wir froh», sagt Martin Jungfer. «Es geht uns ja nicht darum, Reichtümer anzuhäufen.»
Eine Passantin kommt vorbei und bemerkt, dass die beiden ihren Stand nach vorne an die Strasse verlagert haben. «Mehr Laufkundschaft», kommentiert Martin Jungfer. Seine Frau Kiki ist die Co-Präsidentin der Grünen und somit eine der Mitorganisatorinnen. Dass der Stand auf der interaktiven Karte der Website mit «Jungfers Familien-Kramladen» benamst ist, wissen Ehemann und Tochter gar nicht. «Das war das Werk meiner Frau.» Die sei derzeit noch im Hauptquartier – sprich zu Hause.
Sportass und Garagenverkauf
Vis-à-vis den beiden hat Sabine Zünd auf dem Vorplatz ihres Hauses Tische und Kleiderständer aufgebaut. Sie will den Erlös Kindern und Jugendlichen in Namibia spenden. Obwohl der Andrang noch überschaubar ist, hat sie sichtlich Freude an ihrer Arbeit. «Märte wie in Drittweltländern macht mir Spass.» Beirren lässt sie sich auch nicht von ihrer Tochter, die im Vorfeld gesagt hatte, dass sich nur Markenhandtaschen statt ihre No-Name-Produkte verkaufen liessen.
Ebenfalls an der Greifenseestrasse gleich hinter einem Gartenhag hat Ludivine Rapendy ein Tischchen aufgestellt. Sie verkauft Star-Wars-Spielzeug und ist besonders stolz auf eine Lederjacke, für die sie 30 Franken will.
Sportlich unterwegs ist René Triebe. In seinem Garten am Jakob-Kaiser-Weg verkauft er ein Windsurfingbrett, Segel, Ski, ein Snowboard und Hockeyausrüstungen. Eine Gruppe Velofahrer hat sich versammelt und begutachtet das Brett. Als fortgeschrittener Windsurfer braucht er das Anfängerbrett nicht mehr. Und die Carving-Ski will er seinen Knien zuliebe loswerden, wie er erzählt.
Einen weiteren Verkaufsstand am Jakob-Kaiser-Weg hat Hans Haug geschaffen. Über seiner Garage ist ein liebevoll bedrucktes Tuch mit der Aufschrift «Flomi» angebracht. Das habe seine Frau gemacht, sagt Haug. Er offeriert jedem seiner Kunden sofort Backwaren – auch die sind das Werk der Ehefrau. Ein Pärchen entdeckt ein Sportgerät und fragt, wie das funktioniert. Haug demonstriert es den beiden zur Blasmusik, die gerade in seinem Radio läuft. Kaufen wollen sie das Sportgerät jedoch nicht.
Modischer Ein-Franken-Shop
Wenig verkauft hat kurz vor Mittag auch eine Gruppe junger Leute, die alles für einen Franken anbietet. Schuhe, Bücher, Filme oder schön zusammengefaltete Kleider liegen auf Decken und Tischen auf einem Vorplatz an der Oberholzstrasse bereit. «Zwei Franken haben wir bis jetzt eingenommen», sagt eine junge Frau. Sie bietet einem potenziellen Kunden eine Modeberatung an. «Das würde dir gut stehen», sagt sie und zeigt auf ein blaues Hemd.
Viel los ist entlang der Grabenstrasse. Eine Gruppe Menschen läuft in die Tiefgarage und merkt nach einigen Metern, dass nach den fünf oberirdischen Ständen hier keine weiteren mehr sind.
Wer zu Hause keinen Verkaufsstand aufbauen will oder kann, hat sich vor dem Gemeindehaus einquartiert. Dort sind zahlreiche Decken ausgelegt und Tische aufgestellt. Bis 15 Uhr dauert der Flohmarkt auf dem gesamten Gemeindegebiet noch.
Sammy Frey an der Dorfstrasse macht sich derweil nicht mehr die Mühe, passende Verkaufsmusik zu suchen. Wenn nur spärlich Leute vorbeikämen, sei das unnötig. Dennoch ist Frey immer noch begeistert von dem Anlass: «Eine mega coole Idee.»

