Gesellschaft

Samaritervereine üben

In Volketswil gab es eine Kollision, einen Schlangenbiss und einen Bewusstlosen

Einmal im Jahr kommen die Samaritervereine Dübendorf, Wallisellen, Dietlikon und Volketswil zusammen, um gemeinsam den Ernstfall zu üben. Dieses Mal hat eine Redaktorin vom «Glattaler» als Figurantin mitgemacht.

In Volketswil gab es eine Kollision, einen Schlangenbiss und einen Bewusstlosen

Einmal im Jahr kommen die Samaritervereine Dübendorf, Wallisellen, Dietlikon und Volketswil zusammen, um gemeinsam den Ernstfall zu üben. Dieses Mal hat eine Redaktorin vom «Glattaler» als Figurantin mitgemacht.

Am vergangenen Freitagabend war ich mit meinem Elektroauto unterwegs. Auf dem Parkplatz beim Restaurant des Kultur- und Sportzentrums Gries in Volketswil erschreckte ich mich ab einem Reh und fuhr frontal in eine Wand. Vom Aufprall schmerzte mein Hals, und mir wurde schwindlig.

Das war jedenfalls die Geschichte, die ich als Figurantin den herbeieilenden Samaritern möglichst glaubwürdig erzählen sollte. Die Vereine aus Dietlikon, Wallisellen, Dübendorf und Volketswil führten am Freitagabend auf dem besagten Parkplatz nämlich ihre jährliche Gruppenübung durch, dieses Mal organisiert vom Gastgeber Volketswil.

Beat Keller, Organisator und Vereinspräsident der Volketswiler Samariter, erklärte die Gründe für diesen Anlass: «Wir wollen den Zusammenhalt zwischen den Vereinen stärken. Durch die Übung lernen sich die Mitglieder besser kennen.» Das sei ein Vorteil, wenn sich die Vereine gegenseitig aushelfen müssten. «Vor allem, weil wir nicht immer genügend freiwillige Teilnehmer haben.»

Realität oder Fiktion?

Die Vereinsmitglieder wurden in gemischte Gruppen eingeteilt und sollten an sechs verschiedenen Posten verteilt auf dem Gries-Gelände ihre Hilfsbereitschaft üben. Bei einem war ich stationiert und spielte für jede Gruppe die leicht zu erschreckende E-Auto-Lenkerin im Fahrzeug von Beat Keller.

Mit meiner fiktiven Geschichte und den dazu passenden Verhaltensmerkmalen im Hinterkopf wartete ich angegurtet und mit den Händen am Steuerrad auf die erste Gruppe.

Das Innere eines Autos.
Das «Unfallauto» ist die Bühne für das Szenario.

Als eine Samariterin der knallgelb gekleideten Gruppe die Autotür aufriss und sich vorstellte, gab ich gewissenhaft meine Geschichte zum Besten. Nur um prompt von einer Stimme aus der Gegensprechanlage des Autos unterbrochen zu werden: Eine Mitarbeiterin der Notrufzentrale der Polizei meldete sich zu Wort. Keller hatte sie angerufen, um über die Übung zu informieren, merkte aber nicht, dass sein Telefon per Bluetooth noch mit dem Auto verbunden war.

Nachdem ich die Notrufzentrale informieren konnte, dass es sich um ein Versehen handelte und Keller und nicht ich angerufen hatte, herrschte allerdings allgemeine Verwirrung zwischen Realität und Fiktion. «War das jetzt echt oder gespielt?», fragte einer der Samariter, die sich zu mir ins Auto gebeugt hatten. Also schlüpfte ich schnell zurück in meine Rolle als Verunfallte.

Gleicher Posten, andere Reaktionen

Als Figurantin konnte ich beobachten, wie die verschiedenen Gruppen unterschiedlich auf das immer gleiche Szenario reagierten. Manchmal stellten sich die Ersthelfer mit Namen vor, manchmal gingen sie gleich zu meiner Befragung über. Einige dachten daran, das Auto auszuschalten, andere weigerten sich: «Mit diesen neumodischen Autos kenne ich mich nicht aus!»

Eine Gruppe begann während der Bestandesaufnahme im Auto eine Diskussion über die Unterschiede von Elektro- und Verbrennerfahrzeugen. Ich blieb während dieser Zeit im Auto sitzen – und war froh, dass die Situation nicht echt ist.

Auch reagierten nicht alle gleich auf den Rauchspray, den der Postenleiter im Auto versprüht hatte. Die meisten begleiteten mich so schnell wie möglich aus dem Auto, eine Gruppe bemerkte den Geruch erst, nachdem ich einen demonstrativen Hustenanfall erlitten hatte, und einem Team kam der Anruf an die Feuerwehr erst am Schluss der Übung in den Sinn.

Je nach Samariter wurden mir trotz dem «Unfall» verschiedene Fähigkeiten zugetraut: Eine Gruppe liess mich selbständig gehen, bei einer anderen packte man mich zu zweit unter den Achseln, und in einer dritten stützten mir die Samariter sogar den Kopf. Einmal durfte ich mich auf einen Stuhl setzen, einmal auf eine Treppe, und einmal musste ich mich an einen Müllkübel lehnen. Ich wurde bedeckt mit Decken, Jacken oder Silberfolie.

Mir wurden alle möglichen Fragen gestellt, zu meiner Wohnadresse, meinem letzten Mahl – oder was mich denn erschreckt hatte. Ein Samariter brach in Lachen aus, als ich vom Vorfall mit dem Reh erzählte. «Hier auf dem Parkplatz?» Er wurde dann vom Postenleiter zurechtgestutzt, dass das sehr wohl plausibel sei.

Eine Rettung nach der anderen

Nachdem die Gruppen von ihrem Leiter (und mir) ein Feedback erhalten hatten, machten sie sich zu den nächsten Posten auf. Da gab es das Schlangenbiss-Szenario, komplettiert mit einer aufgemalten blutigen Bissstelle am Figuranten und einer Gummischlange, die im Gras lag. Eine Samariterin war davon nicht überzeugt: «Wäre die echt, hätte sie sich schon lange verzogen.»

Auf der Treppe neben der Tartanbahn lag ein Jugendlicher, der zwar die Augen geöffnet hatte, aber nicht auf die Fragen der Samaritergruppe reagierte. «Ich muss jetzt leider etwas ganz Gemeines machen», sagte eine Samariterin zu ihm und kniff ihn in den Arm – was den Figuranten aber nicht aus seinem Schauspiel holte.

Um die Ecke des Klubhauses des Fussballvereins Volketswil hatte sich eine Figurantin Wasser ins Gesicht gesprüht, um Schweiss zu simulieren, und schwankte. Auf die Ansprachen der Samariter antwortete sie nur in fremder Sprache, in ihrem Fall auf Slowakisch, auch die unbeholfenen «Mama?»- oder «Aua?»-Fragen blieben unbeantwortet. Die KI-gestützten Übersetzungsprogramme der Samariter konnten sich nicht entscheiden, in welcher Sprache das Opfer redete. Die Sprachübersetzungsfunktion von Google spuckte nur Kauderwelsch aus, gespickt mit einigen vulgären Wörtern. «Das kann nicht stimmen», meinten die Samariter.

Bei einem Velounterstand war ein Figurant mit dem Trottinett gestürzt, von seiner Platzwunde am Kopf tropfte Blut. Bevor die nächste Samaritergruppe zu seiner Rettung eilte, hatte die Postenleiterin seine Wunde noch einmal «aufgehübscht». Im Griespark wanderte ein älterer Figurant umher, der mit seinen Rettern gar nichts zu tun haben wollte. Dass er jetzt nach Hause müsse, wiederholte er immer wieder. Bis die Samariter sagten: «Du spielst das fast zu gut – mach das nicht mit uns!»

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