Wo er unerwünscht ist, ist er am liebsten
Joseph Khakshouri sah den Schrecken, den er als Fotojournalist bewusst gesucht hatte. Doch einmal wurde es selbst dem abgebrühten Fällander zu viel.
Joseph Khakshouri geht dorthin, wo andere fliehen. So war es auch am 11. September 2001: Der Fällander, der zu dem Zeitpunkt in New York wohnt, läuft nach den Terroranschlägen zu den einstürzenden Twin Towers, während Menschenmassen panisch an ihm vorbeirennen.
Für den damaligen Studenten der Umwelt- und Naturwissenschaften ist ab diesem Moment klar, dass er Fotojournalist wird. Heute steht er als solcher aber nicht an einem Hotspot der Weltgeschichte, sondern auf dem Parkplatz der Naturstation Silberweide in Mönchaltorf. Am Greifensee will der 47-Jährige ein Bild eines Kormorans machen. Einen Auftrag dafür hat er nicht; das Foto macht er für sich.
Dorthin gehen, wo Medien nicht erwünscht sind, um mit Leuten zu reden, die nichts sagen dürften – das hat mich immer interessiert.
Joseph Khakshouri
Fotograf aus Fällanden
Khakshouri ist der unregelmässige Tagesablauf längst zur Regelmässigkeit geworden. «Es gibt Zeiten mit vielen Aufträgen auf einmal. Und dann plötzlich habe ich wieder viel Freizeit.» Seit die Medienhäuser sparen müssen, bekommt er deutlich weniger Aufträge. Er gleicht den finanziellen Wegfall mit Jobs für Werbekunden aus.
Ganz anders war die Auftragslage noch Anfang der 2000er Jahre. Damals war er für verschiedene US-Zeitungen und Magazine in Krisengebieten unterwegs. «Dorthin gehen, wo Medien nicht erwünscht sind, um mit Leuten zu reden, die nichts sagen dürften – das hat mich immer interessiert.»
Vergewaltiger aufgespürt
Nah dran war er, als er 2013 für den «Blick» nach Indien gereist ist, um die Geschichte der Vergewaltigung einer Schweizer Touristin zu rekonstruieren. Weil er lange Zeit in dem Land gelebt hatte, kam er durch gute Verbindungen bis vor die Türen der Zellen, in denen die Verbrecher einsassen. Er erinnert sich noch, wie die sechs Kleinbauern ängstlich in ihren Zellen hockten. Aber über die Tat mit ihm geredet haben sie nicht. Der Artikel erschien mit seinem Text und den Fotos unter dem Titel: «In diesem Gefängnis sitzen die Sex-Bestien».
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«Sorry», sagt er und unterbricht kurz seine Erzählungen, um einen Storch mit der Kamera zu erfassen, der gemütlich über die Wiese stakst. Doch eigentlich will Khakshouri heute ja ein imposantes Bild eines Kormorans machen. Er möchte den Vögeln möglichst nah sein. Auf dem Handy sucht er einen Weg zum grossen Baum, wo die Kormorane sitzen und brüten. Der Fotograf ist fasziniert, dass der grosse Vogel wieder so präsent ist in der Schweiz.
Er will ein Exemplar erwischen, das seine Flügel ausbreitet, um sie von der Sonne trocknen zu lassen. Die Suche nach einem geeigneten Weg führt den Fotografen über die Fussgängerbrücke, mit der die Mönchaltorfer Aa überwunden wird. Erneut unterbricht er seine Erzählungen und horcht. Nicht nur die Vögel wecken heute sein Interesse. Doch die Frösche, die sich eben noch bemerkbar gemacht haben, verstummen wieder. Und von Auge kann er im natürlichen Teich keine der Amphibien entdecken. Und auch keine Schlange, die er ebenfalls vergeblich in dem seichten Wasser sucht. Dafür erneut einen Storch, den er ein paarmal fotografiert.
Den indischen Tiger im Fokus
Frösche, Störche oder Schlangen sind verglichen mit einem Tiger kleine Kaliber. Die Raubkatze hat Khakshouri auf einer geführten Safari in Indien fotografiert. «Der Tiger zeigt sich nur einen kurzen Moment. Hast du fünf Sekunden mit ihm, ist das bereits Glück.» Erschwerend kam für ihn noch dazu, dass er absichtlich mit einem Tilt-Shift-Objektiv fotografiert hat, das den scharfen Bereich nur ganz klein darstellt. Zudem musste er mit dem Gerüttel des fahrenden Pick-ups klarkommen, auf dessen Ladefläche er stand.
«Ich war so konzentriert auf den Tiger, dass ich mich nicht mal an den Moment erinnere, an dem ich den Auslöser drückte. Das war ein richtig cooles Erlebnis.»
Doch eine Sache muss er heute noch den Betrachtern dieser Aufnahmen erklären. Auf einigen der Bilder, auf die er so stolz ist, ist der Kopf des Tigers unscharf. Khakshouri bezeichnet es als «Happy Accident». Das Fokussieren sei in einer solchen Situation extrem schwierig, und deshalb wisse man erst im Nachhinein, wie das Foto geworden sei. «Mit dem unscharfen Kopf ist der Tiger wie ein Kind, das sein Gesicht hinter den Händen versteckt. Sich verstecken – das passt ja zum Dschungel.» Die Aufnahmen des Tigers hat er an der renommierten Werkschau Photo Schweiz in Zürich ausgestellt.



Das Tilt-Shift-Objektiv hatte er auch bei der Strassenrad-WM 2024 im Kanton Zürich im Einsatz. Mit den Aufnahmen der gewollten Unschärfe gewann er beim Swiss Press Award 2025 in der Kategorie Sport den ersten Platz.
Sowohl bei der Tigersafari als auch bei der Rad-WM wurde er bei der Verwendung seiner speziellen Ausrüstung schief angeschaut. Während andere mit riesigen Teleobjektiven daherkamen, war er mit dem unscheinbaren Objektiv unterwegs. Khakshouri ist das ganz recht: «Ich bin froh, wenn die Leute underestimate me – mich unterschätzen.»
Joseph Khakshouri ringt in seinen Erzählungen mehrmals mit den deutschsprachigen Begriffen. Oft kommt ihm nur das englische Pendant in den Sinn. Das kommt nicht von ungefähr. Nach vielen Jahren in den USA machen sich die sprachlichen Gewohnheiten bemerkbar.
Beim Terroranschlag hautnah dabei
Seine Universität stand in der Nähe des World Trade Center. Am Morgen der Anschläge hatte er verschlafen. Ein Kollege rief ihn an und teilte ihm mit, dass gerade ein Flugzeug in einen der Türme geflogen ist. Doch den Rat des Kollegen, zu Hause zu bleiben, nahm Khakshouri nicht an. «Ich habe meine Kameras gegriffen und bin zum World Trade Center hinuntergerannt.»
Es kamen ihm Leute entgegen, die von Kopf bis Fuss mit Asche und Staub bedeckt waren. «Ich habe die Situation erst gar nicht gecheckt. Das war so surreal.» Er fotografierte einige der Passanten. Obwohl diese Bilder nie veröffentlicht wurden, war es der Startschuss für seine Karriere: «Seither bin ich eigentlich nie ohne Kamera unterwegs.»
Es gab aber ein Erlebnis, das ihn bis heute aufwühlt und auch das Ende seiner beruflichen Laufbahn hätte bedeuten können. Als er 2004 unmittelbar nach dem Tsunami als damals 26-Jähriger nach Sri Lanka reiste, sprach er mit den Einheimischen statt mit den westlichen Touristen. «Ich wollte ihnen eine Stimme geben.» Doch seine Auftraggeber hätten lieber Katastrophenbilder sehen wollen oder solche von Promis, die ihre Ferien hätten abbrechen müssen. Letztlich wurden nur zwei seiner Fotos veröffentlicht.
«Nach mehreren Tagen zwischen dem Elend und den Leichen ist mir übel geworden. Ich brauchte danach eine Pause.» Fünf Jahre lang fasste er keine Kamera mehr an. Stattdessen stieg er zwischenzeitlich in den Textil- und Orientteppich-Grosshandel seiner Familie ein.
Auch wenn er danach wieder zurück zur Fotografie fand und international unterwegs war, arbeitet der Fällander heute fast nur noch in der Schweiz.

Die letzte grosse journalistische Arbeit hatte er mit einer Porträtfotografie von Jan Cadieux, dem neuen Trainer der Schweizer Eishockeynationalmannschaft. «Sie haben mir fünf Minuten für die Aufnahmen gegeben und waren hässig, als es sechs geworden sind.» Neben den Vorgaben der Redaktion habe er versucht, noch eigene Ideen umzusetzen und etwas «Zeitloses» zu schaffen, sagt er.
Am Greifensee ist ihm das heute nicht nach Wunsch geglückt. «Mich ärgert es, dass ich nicht näher an die Kormorane herangekommen bin.» Eine oder zwei Aufnahmen seien vielleicht ganz gut geworden. Die wolle er nun in seiner Wohnung in Pfaffhausen anschauen. Wer weiss, vielleicht kann Joseph Khakshouri erneut von einem «Happy Accident» profitieren.

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