Für die Flugshow beginnt das Training am Boden mit Kugelschreibern
Die Patrouille Suisse kehrte auf den Flugplatz in Dübendorf zurück, um ihren Auftritt am Rapperswiler Seenachtfest zu üben. Seit langer Zeit brachten die Piloten wieder Jets auf den Platz – vielleicht für das letzte Mal.
«Und Tok!» Synchron klicken sechs Männer mit ihrem Kugelschreiber. Sie haben ihre Augen geschlossen und neigen ihren Kopf gleichzeitig nach rechts, als Leader Martin Schär sagt: «Wir richten auf – Centro – Rauch – Finito.»
Die Konzentration in der dicken Luft des Sitzungszimmers am Flugplatz Dübendorf lässt sich mit dem Messer schneiden, während die Piloten der Patrouille Suisse im Kopf ihre kommende Vorführung durchgehen. Sie sitzen, gekleidet in ihren ikonischen Fliegerkombis, in der vordersten Reihe vor der Leinwand, aber mental sind sie ganz woanders. Im Cockpit ihres Kampfflugzeugs F-5 Tiger, hoch in der Luft über dem Zürichsee. Um sich den weiten Himmel und in der Hand den Steuerknüppel – nicht den Stift. Sie visualisieren an diesem Freitagabend die Show, die sie am Samstag am Seenachtfest über Rapperswil-Jona zum Besten geben werden.


Unter dem Lead von Schär gehen sie sämtliche Kombinationen durch, bewegen dazu instinktiv ihre Oberkörper. Die Übung offenbart die Eingespieltheit des Teams aus der Nähe, die sonst nur am Himmel zu sehen ist. Manchmal führt Schär, manchmal ein anderes Teammitglied, manchmal üben die zwei Solisten allein. Auch wenn sie nur sitzen, erinnert der Ablauf an eine Tanzchoreografie. Schär macht den Abschluss: «Zusammenschliessen – Rechtsknick – uuund hei zue!»
Ausnahmsweise Dübendorf
Dass die Patrouille Suisse wieder von Dübendorf aus trainiert, ist eine Ausnahme. Eigentlich hat die Truppe 1994 zum Flugplatz Emmen gewechselt. Aber dieser ist diesen Sommer für mehrere Wochen für Revisionsarbeiten geschlossen. Schär stört die temporäre Umplatzierung nicht: «Alles, was wir benötigen, ist in Dübendorf vorhanden.»
Es sei etwas ungewohnt, weil sie das Layout der Pisten nicht kennen würden. Zudem gebe es kein Auffangnetz im Fall von Landungspannen, und es bestehe wegen des Flughafens Kloten ein hohes Verkehrsaufkommen. Aber: «Die Pisten sind lang genug, und Dübendorf ist nahe an Rapperswil-Jona.»
Achtung, Kran!
Um sein Team vorzubereiten, hat Schär bereits am Nachmittag begonnen, Karten auf die Leinwand im Sitzungszimmer in Dübendorf zu projizieren. Das Briefing startet exakt um 16.30 Uhr, keine Minute später, denn «Präzision und Genauigkeit sind unsere Kennzeichen».
Es ist das erste Training seit der Sommerpause. «Meine Herren, Sie haben hoffentlich nicht vergessen, wie man fliegt», eröffnet Schär. Ihr technisches Wissen testet er prompt mit «the question of the day», also der Frage des Tages, auf die die Piloten wie aus der Pistole geschossen und im Einklang antworten.
Schär referiert zu den Wetterbedingungen (gut), dem Ausweichflugplatz (Payerne) und der Windgeschwindigkeit (sechs Knoten). Sie besprechen, worauf sie bei der Show achten müssen. Dazu gehören zum Beispiel ein Kran und eine Hochspannungsleitung.
Dann schauen sie sich Fixpunkte an. Diese sind auf einer Linie verteilt und dienen der Orientierung, da die Flieger kein GPS haben und sich die Piloten auf Karten verlassen müssen. Schär informiert weiter, dass sie die Rauchgeneratoren verwenden können, sie aber auf die pyrotechnischen Effekte wie Täuschkörper verzichten werden. «Auch wenn alles in der Luft verglühen sollte, wollen wir wegen der Waldbrandgefahr kein Risiko eingehen.»



Die geplanten Flugkombinationen besprechen sie mit Worten, die nach Kauderwelsch klingen. «Das ist der Bambini-Code», erklärt Schär. «Er stammt noch aus dem Ersten Weltkrieg und ist eine Mischung aus Deutsch und Italienisch.» So kommunizierten sie auch in der Luft, wenn sie nicht gerade am Schwatzen seien. «Wir müssen aber aufpassen, was wir sagen, weil manchmal unsere Funkfrequenz von Fans abgehört wird», verriet der Gruppenführer und lachte.
Team und Maskottchen sind bereit
Die Visualisierungsübung mit den Kugelschreibern bedeutet dann das Ende des Briefings. Die Piloten machen sich sogleich daran, sich mit Anti-G-Anzug und Rettungsweste fertig zu bekleiden. Der Anzug umschliesst ihre Oberkörper und die Beine und lässt sich mit dem Flugzeug verbinden. Er bläst sich auf, um den Fliehkräften entgegenzuwirken und die Durchblutung des Körpers zu unterstützen. Die Weste ist mit einem Überlebensset, einer Schwimmweste und einem Notfunk ausgestattet.
Das Anziehen ist dabei Teil ihrer festen Routine. Pilot Serim Wetli, genannt «Sexi» (basierend auf seiner Position in der Fliegerstaffel), sagt: «Wir folgen vor jedem Flug dem exakt gleichen Ablauf, auch im Ausland. Das hilft, uns einzustimmen.» Dabei würden sie darauf achten, keine zu langen Pausen zu machen, um die Konzentrationsphase nicht zu unterbrechen.
Wetli ergänzt: «An den Tagen, an denen wir eine Show fliegen, ziehen wir alle morgens weisse Socken an. Dieses Ritual signalisiert uns, dass heute ernst gilt.» Sogar ihrem Maskottchen namens Flatty, einer kleinen Plüschfigur, würden sie die Socken anziehen.

Das Maskottchen fliegt seit 1998 bei jedem Flug mit und hat deshalb vom Team am meisten Flugstunden. «Flatty sitzt jeweils bei dem Piloten im Cockpit, der am neuesten Teil des Teams ist. Damit wenigstens einer mit Erfahrung mitfliegt», sagt Wetli und grinst in die Richtung von Mario Breitenmoser, genannt «Due».
Auf den «fliegenden Teppich», fertig, los!
Wenig später laufen die sechs Männer auf den «fliegenden Teppich» zu, den Unterstand, wo ihre Flieger bereitstehen. Witzelnd, Helm und Maskottchen unter dem Arm tragend und «Top Gun»-würdig versammeln sie sich im Kreis. Dort beantwortet Anführer Schär letzte Fragen, bevor sich alle gegenseitig auf den Rücken klopfen und sich zu ihrem Tiger begeben.

Die langen Spitzen am Heck der Kampfflieger zeigen alle in die gleiche Richtung, der rot-weisse Lack ist tadellos poliert, Kabel und Schläuche verbinden ihre Unterseiten mit dem «fliegenden Teppich». Mehrere Mechaniker wuseln um die imposant wirkenden Maschinen herum, machen letzte Kontrollen und starten deren Navigationssysteme.
Dann helfen sie den Piloten, über eine Leiter in das Cockpit zu steigen und den Fallschirm, den Helm und die Handschuhe anzuziehen. Die Schläuche versorgen die Flugzeuge mit Druckluft, die die Triebwerke andreht. Ein Jet nach dem anderen zündet den Motor, und ein ohrenbetäubendes Brummen füllt die Luft. Während sich die Mechaniker Pamir-Gehörschütze überziehen, beginnt die Luft hinter den Tiger-Fliegern zu flimmern.



Der Geruch von verbranntem Kerosin breitet sich auf dem Flugplatz aus. Die Pitcrew entfernt die letzten Kabel und Schläuche sowie Bremsklötze vor den Rädern der Flugzeuge. Der erste Mechaniker verbeugt sich, das Startzeichen für Schär, mit seinem Jet als Erster in Richtung Startbahn zu rollen.

Ein Pilot nach dem anderen folgt ihm. Die Hauben des Cockpits sind noch immer oben, denn die Flieger sind nur klimatisiert, wenn die Triebwerke mit genug Kraft laufen. Jeweils zu dritt nebeneinander platzieren sich die Tiger auf der Startbahn.
Dann fahren die Motoren hoch. Was vorher ein ohrenbetäubendes Brummen war, schwillt zu einem Getöse mit neuem Ausmass an. Jetzt sind die Cockpithauben unten, und die ersten drei Flieger beschleunigen, nah gefolgt von den nächsten drei. Der Lärm verebbt, und schon sind die sechs Jets im dunstigen Himmel verschwunden.



Boote als Orientierung
Rund eineinhalb Stunden später sind die Männer wieder zurück im Sitzungszimmer. «Das war streng», sagt Schär. «Vor allem die Fläche über dem See ist eine grosse Herausforderung.» Weil die glatte Wasseroberfläche kaum Anhaltspunkte gebe, sei es schwierig, die Orientierung zu behalten. Die Boote auf dem See würden helfen, auch wenn die Seepolizei die Achse, die sie flögen, für sie frei halte.
«Ausserdem waren wir zu früh», ergänzt der Anführer. «Ich habe zehn Minuten Wegzeit nach Rapperswil-Jona eingerechnet, aber effektiv brauchten wir nur drei.» Deshalb hätten sie noch eine Extrarunde vor dem Start des Trainings fliegen müssen. «Am Samstag fliegen wir etwas später los.»
Schär ruft Nils Hämmerli, den Kommandanten der Flotte, an. Hämmerli hat das Training in Rapperswil-Jona vom Boden aus beobachtet. «Er ist unser Auge», erklärt Schär. Das Auge gibt dem Team Rückmeldung, die etwa so klingt: «Ab und zu solltet Ihr mehr Abstand lassen. Einige Male könnt Ihr tiefer fliegen. Die Formation sah gut aus.»



Auch Schär gibt dem Team noch eine Rückmeldung, wo es zum Beispiel zu schnell war oder von seinen Fixpunkten abgekommen ist. «Einmal sah ich einen Gleitschirmflieger. Der ist aber bald verschwunden – er hat wohl gemerkt, dass er nicht hätte dort sein sollen.» Denn während ihrer Flüge bestimmt die militärische Flugsicherung eine Sperrzone in einem Radius von zehn Kilometern für sie. «Wenn ich eine Show fliege, kann ich nicht noch auf andere Verkehrsteilnehmer achten», erklärt Schär.
Während der Besprechung hat Breitenmoser Videos von ihrem Flug in eine Cloud geladen, damit sie sie gemeinsam analysieren können. Die Dateien stammen aus einer Kamera, die ein Pilot auf seinem Flieger aus den 1980er Jahren montiert hat. «Es ist das Modernste an diesem Jet», witzelt er.
Das Feedback werden sie in ihre nächste Show einbauen. Schär erklärt: «Manchmal müssen wir unsere Positionen anpassen, die für uns Piloten zwar stimmen, aber für das Publikum nicht richtig aussehen.»
Ob die Piloten nach diesem Jahr noch eine Show an einem Seenachtfest fliegen werden, bevor der Betrieb der Patrouille Suisse auf Entscheid des Bundesrats endgültig eingestellt wird, weiss das Team noch nicht. Schär erklärt, dass die Flugpläne für 2027 erst Ende dieses Jahrs gemacht werden. «Vielleicht war es die letzte Vorführung an einem Seenachtfest.»

