Gesellschaft

Nach 40 Jahren

Dübendorfer Zwillinge auf der Suche nach ihren Wurzeln in Ghana

Seit Jahrzehnten leben die Schwestern Alicia Nelson und Amanda Kuster in Dübendorf. Doch ihre Vergangenheit liess sie nie los. Eine Reise nach Ghana weckte alte Erinnerungen – und schloss einen Kreis.

Dübendorfer Zwillinge auf der Suche nach ihren Wurzeln in Ghana

Nach 40 Jahren

Seit Jahrzehnten leben die Schwestern Alicia Nelson und Amanda Kuster in Dübendorf. Doch ihre Vergangenheit liess sie nie los. Eine Reise nach Ghana weckte alte Erinnerungen – und schloss einen Kreis.

Alicia Nelson und Amanda Kuster leben seit 27 Jahren in Dübendorf. Die Zwillingsschwestern führen ein Leben, wie man es in der Schweiz kennt: Kuster arbeitet als Personalberaterin, Nelson ist als Sachbearbeiterin für eine NGO und als Serviceangestellte tätig. Ihr Leben ist geprägt von ihren Kindern, ihren Hobbys und ihrem freiwilligen Engagement, bei dem sie randständige Personen unterstützen.

Doch vor rund zwei Jahren begann für die beiden eine Reise in die Vergangenheit. Die heute 49-jährigen Zwillingsschwestern kehrten zurück nach Ghana – in ihr Herkunftsland, mit dem sie eine ungewöhnliche Geschichte verbindet.

Begleitet von einem SRF-Kamerateam, machten sie sich auf die Suche nach ihren Wurzeln – und nach Antworten auf Fragen, die sie sich seit ihrer Kindheit stellten.

Ein Putschversuch und eine Flucht

«Zwillinge sind in der ghanaischen Kultur etwas ganz Besonderes.» Alicia Nelson strahlt, als sie davon erzählt, wie stolz ihr Vater bei der Geburt der beiden gewesen sei. Ihr Vater Frederick William Kwasi Akuffo war damals Staatschef von Ghana. Die beiden wuchsen in einem herrschaftlichen Haus in Accra auf, gemeinsam mit der Mutter – sie war Akuffos Zweitfrau.

«Wir hatten eine behütete, aber auch strenge Kindheit», sagt Amanda Kuster. An die Zeit erinnert sie sich kaum, was sie darüber weiss, stammt aus Erzählungen ihrer Mutter und von Verwandten in England und Ghana. Denn ihr Vater starb, als die beiden Mädchen gerade mal zwei Jahre alt waren. Im Juni 1979 wurde er bei einem militärischen Putsch erschossen.

«Alles, was damals passierte, ist in meiner Erinnerung vernebelt», sagt Amanda Kuster. Die Versionen aus Erzählungen ihrer Verwandten gehen auseinander. Klar ist: Unter grossem psychischem Druck holte die Mutter die beiden Mädchen wenige Monate nach dem Putsch aus der Schule, begleitet vom Militär. Dann ging es direkt an den Flughafen. «Es ging alles ganz schnell. Ich weiss nur noch, dass wir nicht einmal unsere weissen Puppen mitnehmen konnten», sagt Kuster.

«Ein aussergewöhnlicher Anblick»

Nach einem Jahr bei ihrem Onkel in England brachte die Mutter die Zwillinge zu ihrem Bekannten Ruedi Kuster in die Schweiz. Den Schweizer Bauleiter hatte sie Jahre zuvor in Ghana bei seinen Auslandsreisen kennengelernt. Gemeinsam mit seiner Frau Agnes nahm «Pappä» die beiden Mädchen bei sich auf und adoptierte sie später. Agnes Kuster, von den Zwillingen «Mammä» genannt, konnte keine eigenen Kinder bekommen. «Wir waren ihr Ein und Alles», erzählt Nelson.

Als zwei schwarze Mädchen waren sie in den 1980er Jahren in Dänikon «ein aussergewöhnlicher Anblick». Kuster erinnert sich daran, wie Kinder behaupteten, die beiden hätten zuvor in einer Buschhütte gelebt. «Wir nahmen das mit Humor», sagt sie. Dabei habe auch die Reaktion ihrer Adoptivmutter geholfen.

«‹Mammä› hat einmal zu einer Frau gesagt, die uns angestarrt hat, sie könne sich ja auch zwei solche kaufen», erzählt Kuster. Die beiden grinsen sich an, wenn sie von Agnes Kuster erzählen. Bis heute ist sie eine wichtige Bezugsperson für sie.

Keine Antworten mehr

Heute leben die beiden Schwestern in Dübendorf in etwa zehn Minuten Gehdistanz voneinander entfernt und haben täglich Kontakt.

Doch während der Alltag das Leben antreibt, blieben Fragen aus der Vergangenheit: Warum konnten die Zwillinge nicht bei der Mutter oder bei Verwandten in England oder Ghana bleiben? Was ist mit dem Haus, in dem die beiden aufgewachsen sind? Wie geht es den Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen? Und: Wo liegt ihr Vater eigentlich begraben?

Es sind Fragen, die die beiden über Jahre mit sich trugen. Denn: Die Mutter hüllte sich stets in eisernes Schweigen. «Sie war selbst traumatisiert und kehrte sowohl ihre Emotionen als auch unsere Fragen unter den Teppich», erzählt Kuster. «Mittlerweile haben wir ihr das Schweigen aber verziehen», sagt Nelson sanft. «Denn wegen ihrer Demenz werden wir auch in Zukunft keine Antworten mehr erhalten.»

Ein Kreis, der sich schloss

Also entschieden sie, nach Ghana zurückzureisen. Gemeinsam mit dem Kamerateam, welches die gesamte Reise begleitet hat, flogen die beiden für rund zehn Tage in ihr Heimatland. Sie trafen Verwandte, standen vor ihrem Elternhaus und besuchten erstmals das Grab ihres Vaters.

«Wieder diese Luft zu riechen, diese Strassen zu sehen – das hat vieles in uns geweckt», sagt Kuster. Gleichzeitig sei es heilsam gewesen, an den Ort zurückzukehren, den sie nur noch aus Erzählungen und von Fotos gekannt hätten, ihre Onkel und Tanten wiederzutreffen und Cousinen und Cousins kennenzulernen.

Besonders prägend war der Besuch der Grabstätte des Vaters. «Wir sind beide zusammengebrochen», erzählt Kuster. Weil sie damals noch Kinder waren und Ghana nach dem Putsch als zu gefährlich galt, konnten sie ihren Vater nie beerdigen – und nie wirklich Abschied nehmen. «Es war wie ein Kreis, der sich endlich schloss.»

Wie Tag und Nacht

Viele Fragen blieben dennoch offen – und sind es bis heute. «Wir wissen immer noch nicht, warum wir woanders als bei unserer Familie aufwachsen mussten», sagt Kuster. Ob sie es sich anders gewünscht hätten, beantworten sie nicht. Doch: «Ghana gehört genauso zu uns wie das Furttal und Dübendorf.»

Die Reise hat sich für die beiden gelohnt. Sie konnten ihre Wurzeln wiederentdecken und ein Puzzleteil finden, das ihrem Leben in der Schweiz bislang gefehlt hatte. «Obwohl uns nach wie vor Informationen fehlen, fühlt es sich so an, als wüssten wir ein bisschen besser, wer wir sind.» Sie sind sich gewiss: «Es war sicher nicht das letzte Mal, dass wir unsere Heimat besucht haben», sagt Kuster.

Am Ende blieb für die beiden vor allem eine Erkenntnis, wie Kuster erzählt: «Meine Schwester und ich sind zwar wie Tag und Nacht – aber genau deshalb brauchen wir uns auch.» Alicia Nelson ergänzt: «Am meisten Kraft gab uns immer, dass wir uns gegenseitig hatten – und nach wie vor haben.»

Zwei Frauen.
Bis heute sind die Zwillingsschwestern unzertrennlich und haben mehrmals täglich Kontakt.

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