Gesellschaft

Pferdesporttage in Dübendorf

Wie Elitereiterin Carla Brunner sich auf den Wettkampf vorbereitet

In Dübendorf fanden die Pferdesporttage statt. Ein Tag hinter den Kulissen mit der Kaderreiterin Carla Brunner zeigt, was Zuschauer nicht mitbekommen.

Wie Elitereiterin Carla Brunner sich auf den Wettkampf vorbereitet

Pferdesporttage in Dübendorf

In Dübendorf fanden die Pferdesporttage statt. Ein Tag hinter den Kulissen mit der Kaderreiterin Carla Brunner zeigt, was Zuschauer nicht mitbekommen.

King Charles reckt seinen grossen Kopf aus dem Fenster und rupft mit seinen Zähnen ungeduldig am mit Heu gefüllten Netz. Wer unter seinem Fenster steht und zu dem grau-weissen Gesicht mit grossen Augen und hellen Wimpern hochschaut, wird mit einem feinen Regen aus getrocknetem Grasstaub berieselt.

Ein Pferd isst Heu.
Wallach Charly beweist keine Geduld mit seinem Heusack.

King Charles de la croix, oder auch Charly, ist der sechsjährige französische Wallach von Carla Brunner vom Kavallerieverein Dübendorf. Sie startet am Sonntag an den Pferdesporttagen auf dem Schützenplatz Werlen in Dübendorf in der höchsten nationalen Kategorie des Vielseitigkeitsreitens.

Während er friedlich vor sich hin käut, bereitet sich Brunner gemütlich auf die erste von drei getesteten Disziplinen, nämlich Dressur, vor. Unterstützt wird sie von einem Begleiter, der nicht namentlich erwähnt werden möchte. Zusammen stellen sie ihrem Pferd einen Eimer mit Wasser bereit, lassen die Laderampe des Anhängers herunter und packen ihr Zubehör aus.

Noch fehlt die Nervosität

Schon früh an diesem Sonntagmorgen war Brunner bei Charly im Stall in Gockhausen. Sie hat ihn geputzt und gestriegelt und in ihren edlen schwarzen Anhänger verfrachtet, den sie mit ihrem SUV auf den grossen Parkplatz vor dem Schützenhaus Werlen zog. Der Platzeinweiser äusserte Zweifel daran, dass sie den Anhänger rückwärts einparken könne. Sie entgegnete seinen Zweifeln ein grinsendes «Ich habe auf dem Weg zu internationalen Turnieren schon Herausfordernderes gemacht» und manövrierte mühelos auf den Platz.

Ein SUV mit Pferdeanhänger.
Carla Brunner manövriert ihren Pferdeanhänger trotz seiner Grösse geübt über den Platz.

Auch auf dem internationalen Parkett

Carla Brunner aus Zürich gehört dem nationalen Elitekader der Vielseitigkeitsreiter an und startet regelmässig an internationalen Turnieren. Bereits als Nachwuchsreiterin vertrat sie die Schweiz mehrfach an Europameisterschaften. Die 28-Jährige arbeitet Teilzeit bei einer Privatbank und trainiert ihre vier Pferde selbst.

Carla Brunner neben ihrem Pferd.
Carla Brunner ist auf dem Pferderücken aufgewachsen und ist heute Teil des Schweizer Elitekaders.

Jetzt steht sie neben ihrem parkierten Anhänger und stellt einen Fuss auf die Rampe. «Nervös bin ich nicht», sagt Brunner, während sie ihre hohen Reitstiefel über ihrem Unterschenkel eng zuschnürt. «Jedenfalls nicht vor kleinen nationalen Wettbewerben wie diesen.» Sie startet heute mit Charly, um ihn an den Wettbewerbsbetrieb zu gewöhnen. Das noch junge Pferd brauche die Übung, vor allem weil es noch Konzentrationsschwierigkeiten habe. «Ich habe mit ihm heute nicht das Ziel, einen guten Rang zu erreichen», erklärt sie.

Eine Frau richtet ihre Stiefel.
Der Dresscode für die Dressuraufgabe ist streng. Dazu gehören auch edle Reitstiefel.

Während Brunner gemächlich in ihrem Werkzeugkasten wühlt, tänzelt neben ihrem Anhänger ein nervöses, herausgeputztes Pferd vorbei. Dessen Führerin hat sich an seine Zügel gehängt und versucht, es zu beruhigen.

Auf dem grossen Parkplatz im lichtdurchbrochenen Schatten der Bäume reihen sich unzählige Geländewagen samt passenden Anhängern aneinander. Immer wieder ist das Wiehern der Pferde zu hören. Es scheint, als würden sie eine Konversation führen. Der laue Sommerwind trägt einen aufgeregten Ausruf herbei: «Denkst du, ich sollte den Parcours noch ein weiteres Mal ablaufen?» Es tönt zurück: «Du startest erst in einer Stunde!»

Blick auf viele SUVs mit Anhänger.
Ein SUV mit Anhänger reiht sich an den anderen. Der Parkplatz vor dem Schützenhaus ist voll.

Von dieser Anspannung auf dem Platz ist bei Brunner nichts zu spüren. Während sie mit ihrem Begleiter scherzt, teilen sie sich ein kleines Körbchen mit Heidelbeeren. Charly hat Glück und bekommt einige ab. Mehr isst Brunner nicht vor ihren Einsätzen. «Ich vertrage höchstens einige Früchte», sagt sie. Wie zum Beispiel Wassermelone – auch davon bekommt Charly einige Stückchen.

Die Spannung baut sich auf

Vielseitigkeitsreiten wird ausschliesslich auf Rasen ausgetragen. Aus diesem Grund befestigt Brunner vor ihrem Ritt Stollen, kleine Metallnoppen, an den Hufen ihres Pferds. Der grosse Schimmel zappelt währenddessen im Anhänger herum. Brunner drückt ihn mit der Hüfte zur Seite: «Du stehst mir auf dem Fuss, Kollege!»

Mittlerweile werden ihre Bewegungen etwas hastiger, die Antworten auf die Fragen ihres Begleiters einsilbiger. Sie zieht ihrem Schimmel ein elegantes schwarzes Zaumzeug samt Ohrenhaube über den Kopf, sattelt ihn, und wirft sich selbst in Schale. Zum Dresscode gehören weisse Hosen, ein Oberteil mit Kragen und ein Jacket.

Zackig streicht sie ihre Haare in einen strengen Dutt zurück. Auch Charlys Mähne ist in perfekte Zöpflein geflochten und zu kleinen Knöpfen gebunden. Er steht nun ganz stramm auf dem Platz, hat die Ohren aufgerichtet und beobachtet jede Bewegung seiner Reiterin, während sie ihn mit Insektenschutzmittel einsprüht und einreibt.

«Etwas Anspannung brauchts», sagt sie. «Ich kann das Ausmass bei mir selbst gut kontrollieren.» Auch ihr Pferd würde es spüren. «Dass sie nicht überhandnimmt, ist Übungssache», erklärt Brunner.

«Der Wettkampf beginnt für mich schon während der Vorbereitung.» Dazu gehörten auch mentale Rituale, wie zum Beispiel die Visualisierung der Dressuraufgaben, also der Abfolge verschiedener Hufschlagfiguren oder Gangarten, wie Brunner erklärt. Anschliessend verstummt sie ganz. Bis sie zu ihrem Startplatz losreitet, sagt sie kein einziges Wort mehr.

Zeit für eine lange Pause

Das Dressurprogramm reitet sie auf einem ausgesteckten Rechteck. Es misst überschaubare 20 mal 40 Meter, gerade gross genug, dass jede Bewegung sichtbar wird. Denn in der Aufgabe mit über einem Dutzend Programmpunkten entscheiden kleinste Fehler über die Bewertung. Es herrscht Ruhe. Zu hören sind nur die leisen Kommentare der Richter, das gleichmässige Klappern der Hufe und das rhythmische Schnaufen des Pferds.

Als Brunner vom Platz reitet, ist die Anspannung bereits wieder verflogen. «Das war ganz anständig», sagt sie. Als sie sich den Reithelm auszieht, kleben ihr die Haare am Rand ihres Gesichts. Auch Charly hat heiss, er glänzt vor Schweiss, und seine Adern sind nun durch sein Fell sichtbar. Höchste Zeit für eine Dusche beziehungsweise einen Gartenschlauch.

Bis zum nächsten Ritt dauert es noch einige Stunden. Diese nutzt Brunner dafür, den Geländeparcours mit ihrem Begleiter abzulaufen. Während die anderen Wettbewerbsteilnehmer auftreten, spaziert sie durch das Gelände, nimmt grosse Schritte, um die Galoppsprünge zu zählen, und weicht dabei meisterhaft den anderen Reitern auf ihren Pferden aus, die mit Karacho an ihr vorbeigaloppieren.

«Ich stelle mir vor, als ob ich hier durchreiten würde», erklärt sie, während sie über ein Hindernis klettert, das auf einem Erdhügel errichtet wurde. «Ich präge mir ein, wo ich besonders flüssig reiten oder einen grossen Bogen machen muss.» Die Hindernisse sind nämlich anders als beim Springreiten auf eine viel grössere Distanz verteilt, führen durch stehendes Gewässer oder über steile Abhänge.

Letzte Anpassungen vor dem Start

Nachmittags steht die Sonne direkt über dem Anhänger und verursacht eine brütende Hitze. Brunner hat sich vor dem Springreit-Start noch kurz hingelegt. «Ich fühle mich noch nicht ganz bereit», gibt sie zu. Trotzdem klettert sie zu Charly in den Anhänger und zieht ihm seine Ausrüstung über, dieses Mal in Blau. Während sie neben ihm steht, knabbert er an ihrem Helm und ihrer Backe.

Ganz langsam kommt wieder Spannung auf. Noch schnell bringt eine Bekannte eine Zange, um in einen Gürtel ein neues Loch zu stanzen. Das Zaumzeug sass nicht richtig. Mittlerweile haben sich zwei Freunde um Brunner gesellt, um sie bei ihrem Ritt zu unterstützen. Aber die Reiterin ist bereits wieder verstummt.

Auf einem kleinen Platz neben dem Springparcours wärmen sich rund 15 Teilnehmerinnen mit ihren Pferden gleichzeitig auf. In naher Abfolge springen sie immer wieder über das gleiche Hindernis. Der fehlende Schatten bringt Mensch und Tier zum Schwitzen. Als eine Reiterin einer anderen den Weg abschneidet, wird sie harsch zurechtgewiesen.

Die Reiterin und das Pferd sammeln sich

Charly lässt sich von den anderen Pferden ablenken. Beim Springen berühren seine Vorderbeine die Stangen, und sie fallen klappernd zu Boden. Als sich das Pferd erschreckt, fällt Brunner herunter. Sie steht sofort wieder auf und lehnt ihren Kopf kurz an Charlys Brust, um sich zu sammeln – und sie steigt wieder auf. Noch einmal geht es in eine Runde auf dem Platz, dann noch eine. Immer wieder lässt sie mit einer Hand die Zügel los, um sie an ihrer Hose abzureiben.

Ihren Ritt startet sie trotz ihrem Sturz. Charly und Carla Brunner haben Mühe: Immer wieder räumen sie die Stangen ab, bei einem Hindernis widersetzt sich das Pferd komplett, zu springen. Beim zweiten Versuch klappts.

Brunner springt über ein Hinderniss.
Während des Springparcours passieren Carla Brunner einige Fehler.

Danach ist Brunner in sich gekehrt. «Vor dem nächsten Ritt muss ich mir mehr Zeit bei der Vorbereitung nehmen», sagt sie etwas niedergeschlagen. Zurück bei ihrem Anhänger, beginnt sie, Charlys Zöpfe zu lösen. Die Knöpfe sind für den Geländeritt nicht mehr nötig. Immer wieder streicht sie mit ihren Händen durch die nun gewellte Mähne. Vielleicht will sie das Pferd beruhigen, vielleicht auch sich selbst.

Ihre Freunde und ihr Begleiter sprechen nur noch gedämpft. Sie wollen Brunners Konzentration nicht stören. Denn kurz darauf geht es weiter. Dieses Mal läuft es besser: Die beiden meistern den Geländeparcours ohne Fehler. Ihr Fazit: «Ich bin zufrieden mit Charly.» Ihrem Gesicht ist ein «aber» zu entnehmen. Trotzdem sagt sie: «Für sein erstes Mal auf dieser Stufe war es echt gut.» Nun ist es Zeit für eine Dusche. Oder einen Gartenschlauch.

Vielseitigkeit im Schützenhaus Werlen

Am Wochenende des 11. und 12. Juli lud der Kavallerieverein Dübendorf zu seinem traditionellen Reitturnier auf die Schützenanlage Werlen ein. Bei idealen Bedingungen für Pferd und Reiter traten rund 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in drei Leistungsklassen des Concours Complet gegeneinander an.

Der Concours Complet, auch Vielseitigkeitsreiten genannt, gilt als Königsdisziplin des Pferdesports. Er vereint Dressur, Springreiten und einen anspruchsvollen Geländeritt zu einem vielseitigen Wettkampf. Auf dem Geländeparcours mussten die Paare natürliche Hindernisse wie Baumstämme und Wassergräben sicher überwinden sowie durch seichte Gewässer reiten.

Trotz der sommerlich hohen Temperaturen bewiesen die Teilnehmenden Ausdauer, Konzentration und Können. Am Ende des Turnierwochenends durften insgesamt sechs Reiterinnen und Reiter einen Sieg in ihrer jeweiligen Kategorie feiern.

Der gastgebende Kavallerieverein Dübendorf durfte sich über starke Leistungen freuen: Erika Attinger, Jakob Stettner, Sandrine Altorfer und OK-Präsident Fabian Eisenhut zeigten mit ihren Pferden überzeugende Ritte in den Prüfungen CCN/B1 und CCN/Welcome. Auch die höchste Prüfungsklasse, das CCN/B3, konnte erfolgreich abgeschlossen werden und brachte weitere spannende Ritte mit sich.

Ein alljährliches Highlight war auch in diesem Jahr wieder das traditionelle Ponyspringen, das viele Kinder zwischen drei und zwölf Jahren anlockte. Beim sogenannten «First Jump» konnten die Jüngsten erste Turnierluft schnuppern – ein Format, das in der Vergangenheit bereits den Grundstein für die erfolgreichen Karrieren heutiger Turnierreiterinnen des Kavallerievereins Dübendorf gelegt hat.

Kavallerieverein Dübendorf

Fehler gefunden?

Jetzt melden.