Die ehemalige Gastro-Pionierin aus Dübendorf engagiert sich für ein Veloprojekt mit Herz
Queitschgelb als Markenzeichen
Anni Reichle hat jahrzehntelang die Dübendorfer Gastronomie geprägt. Ruhestand? Nichts für sie. Die Rentnerin sprudelt vor Energie und widmet sich mit voller Power ihrem neusten Projekt.
Ist es ein Rückblick auf ihre 56-jährige Erfahrung im Gastgewerbe? Ein Porträt über die zweifache, berufstätige und alleinerziehende Mutter? Ein Bericht über ihre zig ehrenamtlichen Engagements für andere Menschen? Eine Geschichte über ihr neustes Engagement im Charity-Projekt des Teams Rynkeby?
Das Leben und Wirken von Anni Reichle in einen Artikel zu packen, scheint nahezu unmöglich. Die 76-Jährige ist in Dübendorf so bekannt wie ein bunter Hund. Wo wir gerade bei Farben sind: Quietschgelb ist im Moment ihr Markenzeichen. Und damit sind wir schon mittendrin in ihrem aktuellen Herzensprojekt.
Spätestens seit der Dübi-Mäss bringt man Anni Reichle unmittelbar mit dem Team Rynkeby in Verbindung. Im charakteristischen gelben Trikot engagierte sie sich im April an dessen Messestand. Wem dieses Projekt nicht geläufig ist: Es handelt sich um Velofahrer, die einmal im Jahr nach Paris radeln. Der Zweck des Vereins ist, möglichst viele Spenden zu sammeln, um damit Forschungsprojekte für Kinder mit schweren Krankheiten zu unterstützen.

Im Jahr 2002 von einem Dänen gegründet, fand das Projekt europaweit immer mehr Anhänger. Mittlerweile fahren 73 Teams aus acht Ländern in die französische Metropole. Seit 2019 gibt es auch ein Schweizer Team Rynkeby – mit unter anderen etwa 20 Teilnehmern aus dem Oberland.
«Marco Dietiker erzählte mir, dass er dort auch dabei ist», berichtet Reichle. Sie kennt den Wangemer von ihrem gemeinsamen Engagement für die Gönnerorganisation 20er-Club des EHC Dübendorf.
Kurzerhand besuchte sie deshalb vergangenen Sommer die Abfahrt der Schweizer Teams. Traditionell starten die zwei oder drei Gruppen in der offenen Rennbahn in Oerlikon. «Zu sehen, wie die etwa 35 gelb gekleideten Fahrerinnen und Fahrer gemeinsam mit ihren ebenso gelben Rennvelos losfuhren, hat mich total fasziniert», erzählt sie mit leuchtenden Augen. In diesem Jahr werden es sogar 53 sein.
Direkt vor Ort fragte sie, ob im Serviceteam noch Leute gebraucht werden. Denn die Velofahrer werden auf ihrer achttägigen Tour über 1000 Kilometer von sechs Autos begleitet: Zwei transportieren das Gepäck von einem Etappenziel zum nächsten, zwei weitere sowie ein Kühlwagen sind mit Lebensmitteln beladen, und ein Besenwagen «schliesst» das Feld.
Mittendrin statt nur dabei
Ihre Gastro-Erfahrung half Anni Reichle dabei, dass sie bald schon ins Team aufgenommen wurde. Am 4. Juli erlebt die Dübendorferin nun ihre erste Fahrt mit dem Team nach Paris. «Ich bin mit dem Kühlwagen unterwegs», erzählt sie begeistert. «Neben Getränken transportieren wir unter anderem 500 gekochte Eier.» Denn in Belgien und Luxemburg könne man diese nur roh kaufen.
Gemeinsam mit ihren Teamkolleginnen wird sie an jeweils ein oder zwei Trinkstopps und einem Mittagshalt pro Tag Erfrischungen und Snacks für die Velofahrer bereitstellen. Da die Fahrer in drei Gruppen unterwegs sind, müssen die Helfer beim Auf- und Abräumen Gas geben. «Man sagte uns, dass wir wohl den strengsten Job im Team haben», erzählt sie nicht ohne Stolz.

Inzwischen sind Marco Dietiker und Manu Weber zum Interview dazugestossen. Die beiden sind «Teamgspändli» von Reichle, allerdings in der Velogruppe. Für beide ist es die zweite Reise nach Paris.
Zu dritt sinnieren sie darüber, was den besonderen Reiz dieses Projekts ausmacht. Für Anni Reichle ist es die Zugehörigkeit, «das Team ist wie eine Familie, ich fühlte mich sofort aufgenommen». Auch Manu Weber sagt, dass es um mehr geht als einfach ums Velofahren. «Die Dynamik und die Energie innerhalb dieser eigentlich losen Community sind unglaublich.» Die ausdauernde Ustermerin nahm auch schon an 24-Stunden-Rennen oder dreiwöchigen Touren durch Afrika oder Asien teil.
«Schon als ich zum ersten Mal von diesem Projekt gehört habe, hat es mir den Ärmel reingezogen», erzählt Marco Dietiker, inzwischen Vizemanager des Zürcher Teams. In dieser Gemeinschaft auch noch Gutes zu tun für schwer kranke Kinder, sei die perfekte Kombination. Der ehemalige Mountainbiker nahm unter anderem schon am Cape Epic in Südafrika teil, einem der härtesten Mountainbike-Etappenrennen der Welt.

Vergangenes Jahr konnte das Schweizer Team dem Kinderspital Zürich 220’000 Franken überreichen. Für die Zukunft wird abgeklärt, ob das Flamingo Kinderhospiz in Fällanden begünstigt werden kann. «Am Eröffnungsfest haben mich die Schicksale der schwer kranken Kinder und ihrer Familien unglaublich berührt», erzählt Anni Reichle mit traurigem Blick. Deshalb macht sie sich für diese regionale Institution stark.
Noch vor ein paar Jahren wäre Anni Reichle wohl selbst auf dem gelben Bianchi-Rennvelo mitgefahren, das übrigens eine Sonderanfertigung für Rynkeby ist. Insider wissen, dass der italienische Traditionshersteller sonst nur türkisfarbene Velos anfertigt.

Seit 30 Jahren gehört das Velofahren zu ihrem Leben. Früher spielte sie Tennis, doch das liess sich mit ihrem Berufsalltag immer weniger vereinbaren. «Das Velo konnte ich jederzeit nehmen und spontan losfahren», sagt sie. «Ich konnte dabei den Kopf lüften – es war der ideale Ausgleich zum hektischen Berufsleben.»
Als einzige Frau wurde sie damals in die Velogruppe Dübendorf aufgenommen. Dass ihr diese Ehre zuteilwurde, führt sie scherzhaft auf den Umstand ihrer Verschwiegenheit zurück: «Die Herren wussten, dass ich in meinem Beruf als Wirtin viel hörte und sah, aber nichts weitererzählte.»
Ein Leben für die Gastronomie
Und dass die Vollblutwirtin viel sah in ihrer langjährigen Karriere, glaubt man ihr gern. Nach der Servicelehre im Hotel Jakobshof in Wattwil SG arbeitete sie zehn Jahre im Service in Dübendorf und Fällanden. Dann absolvierte sie die Wirtefachschule und wirkte als Betriebsassistentin im Dübendorfer «Belmondo».
1981 erfüllte sie sich ihren Traum der Selbständigkeit und führte mehrere eigene Lokale. Dazu gehörten unter anderem Anni’s Kafihüsli, das Restaurant Quälle in Fällanden, das «Zelgli» in Dübendorf sowie später die Bijou- und die Sternen-Bar.
Insgesamt prägte sie während 47 Jahren die regionale Gastro-Szene und blieb bis zuletzt als passionierte Gastgeberin aktiv. Auch nach ihrer Pensionierung 2015 half sie regelmässig aus, unter anderem bei ihrer Tochter, die einige Jahre die Sternen-Bar weiterführte.
«In der Gastronomie zu arbeiten, war schon immer mein Wunsch», sagt sie. Das ist wohl einer der Gründe, weshalb sie ihr Leben als so erfüllt bezeichnet. «Rückblickend würde ich es wieder genau so machen.» Auch wenn sie wohl so einige «Erdbeben» miterlebt hat und die Gastronomie heute als alles andere als einfach bezeichnet.
Mit 76 Jahren nimmt es die vierfache Grossmutter, die inzwischen auch Urgrossmutter ist, etwas ruhiger, oder wie sie sagt: «Ich renne nichts mehr nach.» Vor einem Jahr hat sie mit dem Aushelfen aufgehört, heute ist sie häufiger mit dem E-Bike als mit dem Rennvelo unterwegs.
Doch ans Däumchendrehen denkt sie nicht: Dreimal pro Woche steht Schwitzen in Fitness und Sauna auf dem Programm. Daneben engagiert sie sich freiwillig, etwa beim sozialen Mittagstisch Subito oder bei Pro Femina, einer Organisation für Frauen ab 60. «Ich habe wohl ein Helfersyndrom», sagt sie schmunzelnd. Und fügt ihr Rezept für den eigenen Tatendrang an: «Zufriedenheit mit dem eigenen Leben und niemals stehen bleiben.»
Weitere Informationen und Spenden: www.team-rynkeby.ch
Öffentlicher Start in der offenen Rennbahn
Am Samstag, 4. Juli, besammeln sich die 53 Schweizer Velofahrer ab 8 Uhr in der offenen Rennbahn Oerlikon, bevor sie um 9 Uhr abfahren Richtung Paris. Sie freuen sich über Support von möglichst vielen Besucherinnen und Besuchern.

