Gesellschaft

Genetik der Bäume im Blick

In Effretikon wird am Wald von morgen geforscht

Welche Buche aus welcher Region trotzt der Hitze am besten? Das versucht die Universität Zürich zu beantworten.

In Effretikon wird am Wald von morgen geforscht

Genetik der Bäume im Blick

Buchen stehen im Mittelland wegen der Klimaveränderung unter Druck – nun wurden im Stadtwald 600 Buchenbäumchen aus ganz Europa gepflanzt.

Beim Besuch im Stadtwald von Effretikon regnet es heftig. «Regen tut dem Wald gut – es ist bisher viel zu trocken», erklärt Sebastian Wittwer, Leiter Forstbetrieb Illnau-Effretikon. Die Monate März bis Mai waren insgesamt sehr warm und trocken. Sie gehörten gemäss Informationen von Meteo Schweiz zu den drei wärmsten Frühlingen in der Schweiz seit Messbeginn 1864, wobei auch weniger Regen als üblich fiel und aussergewöhnlich früh schon Hitzetage im Mai mit Temperaturen von 30 Grad gemessen wurden.

Damit ist man schon mitten im Thema: bei der Klimaerwärmung und den Auswirkungen auf die Wälder. Vor allem auf die Buche, die schon seit Jahren wegen der anhaltenden Wärmeperioden und des Wassermangels Probleme hat und im Sommer, bei extremer Hitze, als Notmassnahme ihre Blätter abwirft – unter anderem, weil sie keine tiefe Wurzeln hat, um bei Trockenheit in der Tiefe Wasser zu finden.

Im Sommer 2019 wurde in Basel sogar der Hardwald gesperrt, weil zahlreiche Äste an Buchen abgefallen sind. Bis zu 8000 Bäume verschiedener Arten waren damals wegen der Trockenheit massiv beschädigt.

Tafel
Seit November 2025 wird das Projekt mit den Buchen durchgeführt.

«Die heimischen Buchen, die im Mittelland natürlicherweise eine der Hauptbaumarten darstellen, haben bisher gut funktioniert. Doch nun wird die Art immer mehr Probleme bekommen und langfristig nicht mehr mit der Klimaerwärmung zurechtkommen und absterben. Wir brauchen eine neue Lösung», erzählt Sofia van Moorsel. Sie arbeitet wie ihre Kollegin Toja Guerra in der Forschungsgruppe Räumliche Genetik von Ökosystemen der Universität Zürich. Diese untersucht, wie genetische Vielfalt einzelne Organismen und ganze Ökosysteme prägt.

Pflanzen
600 kleine Buchen wurden für das Forschungsprojekt gepflanzt.

Seit November 2025 stehen hier mitten im Stadtwald von Effretikon zwei eingezäunte Flächen, die mit rund 600 Buchenbäumchen bepflanzt sind. «Diese stammen aus unserem Versuchsgarten der Universität Zürich. Wir haben Buchensamen von verschiedenen Ländern aus Europa keimen lassen und setzten die Bäumchen nun hier in der Natur aus», sagt Toja Guerra. Das Experiment in Effretikon ist Teil des europaweiten Projekts «My Garden of Trees» der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).

Bäumchen
Die kleinen Buchen stammen von Samen aus verschiedenen Ländern – hier aus Deutschland.

Ziel ist es, herauszufinden, welche Buchen aus welcher europäischen Region hier am Schweizer Standort mit den hiesigen Umweltbedingungen, der Hitze im Sommer und der Kälte im Winter, am besten zurechtkommen. Oder anders gesagt: Es existieren europaweit verschiedene Rotbuchen, die sich genetisch an ihre Umgebung angepasst haben – im Süden scheinen die Buchen besser mit der Hitze umgehen zu können. Die Bäume dort haben beispielsweise längere Wurzeln entwickelt und die Art, wie das Blatt beim Atmen CO2 aufnimmt, bei dem normalerweise viel Wasser verdunstet wird, optimiert.

Mann
Sebastian Wittwer ist Leiter Forstbetrieb der Stadt Illnau-Effretikon.

«Hier auf der Versuchsfläche standen vorher durch die Hitze geschwächte Fichten, die dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen sind, und Buchen, die Blätter verloren haben und abgestorben sind», berichtet der Förster Sebastian Wittwer. Er selber hat in einem Waldabschnitt vor drei Jahren schon mit hitzeresistenteren Bäumen experimentiert und beispielsweise Edelkastanien, Schneeballblättrigen Ahorn oder Baumhasel gepflanzt.

«Grunsätzlich reguliert sich der Wald selber. Wenn wir nicht eingreifen würden, würden Buchen absterben, und der Wald würde sich verändern und einen Weg finden, mit der Hitze umzugehen. Aber wir wollen einen Wald, der nachhaltig, also über Generationen, für die Bevölkerung zur Verfügung steht, auch als Naherholungsraum und als Rohstoff», sagt Wittwer.

Punktuelle Waldinseln schaffen

«Wir müssen uns jetzt fit für die Zukunft des Walds machen», erklärt Toja Guerra. Einfach weitermachen wie bisher sei keine Option, wenn man einen gesunden Wald wolle. «Deshalb ist unsere Forschungsarbeit ein wichtiger Aspekt für den Wald der Zukunft», ergänzt Sofia van Moorsel.

Einfach die schwächelnde Buche aus dem Wald zu verbannen, sei keine Option. «Die Buche ist sehr wichtig für das Ökosystem im Wald. Sie nimmt viel CO2 auf und sorgt wegen ihrer Verdunstung für ein angenehmes Klima und Schatten. Zudem sind Buchen ein wichtiger Lebensraum für zahlreiche Tiere, welche auf die Baumart spezialisiert sind», erklärt Wittwer. Deshalb werde man als Förster den Wald nicht einfach radikal umbauen und auf Buchen verzichten. «Aber punktuell, in Waldinseln, werden wir solche Buchen pflanzen, die hitzeresistenter sind. Deshalb sind für uns Förster die Erkenntnisse aus dem Projekt wichtig.»

Leute
Hier werden Blätterproben von den einzelnen Buchenbäumchen genommen.

Das Projekt hier in Effretikon läuft rund zehn Jahre. Regelmässig messen die Forscherinnen das Wachstum der kleinen Buchenbäumchen, analysieren die biochemischen Eigenschaften der Blätter und sequenzieren auch das Genom der jungen Bäume. «Wir wollen schliesslich wissen und erklären können, warum gewisse Rotbuchen resistenter sind als andere.»

Erste Erkenntnisse aus dem europäischen Projekt «My Garden of Trees» gibt es schon. «Die gleiche Herkunft zeigte an verschiedenen Standorten sehr unterschiedliche Ergebnisse, was auf starke Wechselwirkungen zwischen Herkunft und Umgebung hindeutet. Es gibt keine beste Herkunft für alle Standorte», heisst es auf der offiziellen Website des Projekts. Hier in Effretikon hat sich bereits gezeigt, dass Buchen aus Norddeutschland im Frühling viel später Blätter entwickelt haben als alle anderen Buchensetzlinge.

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