Vom Primarschüler bis zum Grosi – in Uster treffen sich Panini-Fans aller Generationen
Tauschbörse in der Stadtbibliothek
In Uster wurde kurz vor WM-Beginn die Bibliothek zum Pausenplatz umfunktioniert: Rund 85 Kinder, Jugendliche und Erwachsene hatten sich versammelt, um die bunten Bildli untereinander zu tauschen.
Der Raum ist zum Bersten gefüllt: Dutzende Kinder, aber auch einige Jugendliche und Erwachsene haben sich an diesem Nachmittag in der Stadtbibliothek Uster versammelt – «bewaffnet» mit Hunderten Panini-Bildern, die sie doppelt haben und gegen andere eintauschen möchten.
Der Geräuschpegel ist dementsprechend hoch – Besucher, die in Ruhe in einem Buch blättern möchten, haben sich den falschen Tag ausgesucht. Die Kinder sitzen in kleinen Gruppen zusammen, manche von ihnen haben Listen erstellt, auf denen sie fein säuberlich ihre noch fehlenden Bildli aufgelistet haben.



Der 14-jährige Andrin geht sogar noch einen Schritt weiter: Er nutzt die App Sticker Swap, um sein Panini-Inventar zu katalogisieren. Damit kann man die bereits vorhandenen Karten ganz einfach anwählen, die fehlenden werden dann in übersichtlicher Form angezeigt.
Andrin ist an diesem Nachmittag bereits zum zweiten Mal bei der Tauschbörse. «Es ist alles ein wenig hektisch und chaotisch. Dafür habe ich aber heute schon 15 neue Bilder eintauschen können», erzählt er. Der 14-Jährige ist gerade in ein Tauschgeschäft mit Heidi (72) verwickelt.
Es wird ein wenig gefeilscht, im Anschluss wechseln die Bildli schon fast routiniert den Besitzer. «Meistens tauscht man eins gegen eins», erklärt der Junge. Viele fehlen ihm dabei nicht mehr – noch 20 Stück, und sein Album ist komplett.
Heidi wiederum ist heute mit ihrem sechsjährigen Enkel in die Bibliothek gekommen. «Er ist noch ein wenig zu klein, um das allein zu machen. Dafür kann er im Anschluss die Bilder ins Album kleben», erzählt sie. Doch auch die Ustermerin ist ein grosser Panini-Fan. «Ich sammle die Karten seit über 30 Jahren.» «Hast du die Alben von früher noch?», will Andrin daraufhin wissen. «Puh, da müsste ich noch mal nachschauen», entgegnet ihm Heidi.
Warum Panini-Sticker bis heute Kult sind
Die Geschichte von Panini beginnt 1945 im italienischen Modena. Aus einem kleinen Zeitungskiosk entstand 1961 das Unternehmen Panini, nachdem die Panini-Brüder mit neu verpackten Fussballbildern überraschend grossen Erfolg hatten. Das erste eigene Sammelalbum erschien im selben Jahr, das erste offizielle Panini-Bild zeigte den italienischen Fussballer Bruno Bolchi.
Die Sticker werden seither in zufällig zusammengestellten Tütchen zusammen mit einem Sammelalbum verkauft. Um sicherzustellen, dass sich innerhalb eines Päckchens keine doppelten Bilder befinden, entwickelte Panini 1964 die legendäre Misch- und Eintütmaschine Fifimatic, die bis heute im Werk in Modena im Einsatz ist.

Das Album komplett zu füllen, ist dabei alles andere als einfach. Hier gilt ein mathematisches Prinzip aus der Stochastik, das sogenannte Coupon-Collector-Problem: Je voller das Album wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, bereits vorhandene Sticker erneut zu ziehen. Deshalb werden Tauschbörsen zum Schlüssel für ein vollständiges Album.
Das aktuelle WM-Album umfasst 980 Sticker und ist damit das grösste WM-Sammelalbum der Panini-Geschichte. (eve)
Doch wer glaubt, Panini sei nur etwas für fussballbegeisterte Buben und ihre Grossmütter, der irrt: Auch bei Mädchen gibt es einen regelrechten Hype, solche Sticker zu sammeln. Die beiden Schwestern Sheila und Lena und ihre gemeinsame Freundin Diana (alle 13) sind an diesem Mittwoch aus Wetzikon in die Stadtbibliothek gekommen, um ihre doppelten gegen fehlende Bildli einzutauschen.
Sheila und Lena kommen aus einer fussballbegeisterten Familie. «Unser Vater schaut wirklich jedes Spiel, der Fernseher läuft durch», erzählen sie. Weil innerhalb der Familie jeder sein eigenes Album hat, fehlen ihnen jeweils noch mehrere hundert Sticker. Diana braucht dagegen «nur» noch 90 Stück. Mit dem Sammeln angefangen habe sie, nachdem sie vom Onkel 50 Päckli zum Geburtstag geschenkt bekommen habe.



Auch der sechsjährige David ist heute zum Sammeln in die Bibliothek gekommen – und darüber hinaus ein grosser Fussballfan. «Er spielt sogar beim FC Wetzikon», erzählt seine Mutter Christiane für ihn – er selbst ist etwas schüchtern. Da die Familie aus Portugal stammt, kommt natürlich auch Davids Lieblingsspieler von dort: Ronaldo.
Bibliotheksleiterin freut sich über den grossen Andrang
Dass die Tauschbörse so gut angenommen wird, freut auch die Bibliotheksleiterin Gabriela Mattmann. «Es ist ein Selbstläufer.» Die Börse, die insgesamt dreimal stattgefunden hat, war von Mal zu Mal besser besucht. «Früher hat man die Karten auf dem Pausenplatz getauscht, mich eingeschlossen. Mir hat damals Maradona gefehlt», erinnert sie sich mit einem Lächeln auf den Lippen zurück.
Mattmann übernahm die Leitung der Bibliothek im März von Roman Weibel – und wollte bewusst Neues ausprobieren. «Besonders Kinder und Erwachsene, die vielleicht sonst nicht in Bibliotheken gehen, kann man auf anderen Wegen erreichen», erklärt sie. «Im besten Fall kommen sie dann wieder.»

Neben der Tauschbörse organisiert die Bibliothek daher schon länger gemeinsam mit anderen Akteuren diverse Events –beispielsweise eine Flickstube für lädierte Kleidung oder einen Crashkurs für den Smartphone-Gebrauch, der sich an Senioren richtet. «Wir möchten in der Bibliothek einen ‹dritten Ort› abseits des Zuhauses und der Arbeit schaffen – am liebsten konsumfrei», erklärt Mattmann.
Mit der Tauschbörse endet zwar vorerst das Panini-Fieber in der Stadtbibliothek, für viele Sammlerinnen und Sammler geht die Suche nach den letzten fehlenden Stickern aber weiter. In der Jugendarbeit Uster gibt es weiterhin Gelegenheit zum Tauschen.
