«Nächster Halt Kemptth… äh Winterthur!»
Ungewollter Rekord
In einem internen Dokument halten die SBB die Anzahl irrtümlicher Durchfahrten an Schweizer Bahnhöfen fest. Der Spitzenreiter liegt in der Region.
Es sind seltene Ereignisse im Netz der für ihre Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit so bekannten SBB. Doch es kommt vor, dass ein Lokführer oder eine Lokführerin schlicht vergisst, einen fahrplanmässigen Halt einzulegen.
«Irrtümliche Durchfahrten» nennen die SBB soche Ereignisse und führen penibel Buch, an welchen Bahnhöfen im Land Passagiere besonders oft stehengelassen werden. Die Resultate sind nicht für die Öffentlichkeit gedacht, doch das Ranking der Jahre 2024 und 2025 fand den Weg in diese Redaktion.
Und der Trommelwirbel bei der Rangverkündigung gehört dem Bahnhof Kemptthal in der Gemeinde Lindau. Insgesamt 20-mal fuhren S-Bahn-Züge in den vergangenen zwei Jahren irrtümlich weiter, statt im Valley anzuhalten, wie es im Fahrplan steht. Damit verweist Kemptthal die nachfolgenden Bahnhöfe in Liestal BL (14) und Pully VD (10) mit beachtlichem Abstand auf den zweiten und dritten Rang.
Dazu muss man wissen, dass die Signalisation im Eisenbahnverkehr von jener im Strassenverkehr abweicht: Ein grünes Signal in einem Bahnhof bedeutet für einen Lokführer lediglich, dass die vor ihm liegende Strecke frei ist. Ob er anhalten muss oder durchfahren kann, sagt ihm kein Signal, sondern der Fahrplan.
Einer von 170’000 Halten
«Irrtümliche Durchfahrten kommen im SBB-Netz insgesamt sehr selten vor», hält SBB-Sprecherin Mara Zenhäusern fest und unterstreicht diese Aussage mit einer eindrücklichen Zahl: «Statistisch gesehen geht von 170’000 Halten einer vergessen.»
Das sei für die betroffenen Kundinnen und Kunden natürlich ärgerlich, sagt Zenhäusern: «Jede Abweichung wird im Nachhinein mit dem Lokführer, der Lokführerin besprochen.» Wieso ausgerechnet Kemptthal der Bahnhof mit den häufigsten irrtümlichen Durchfahrten ist, darüber will man sich bei den SBB nur allgemein äussern.
Die Gründe seien unterschiedlich: «So kann es etwa zu Verwechslungen bei Bahnhöfen kommen, an denen Züge nicht immer halten, oder zu kurzfristigen betrieblichen Anpassungen – beispielsweise infolge von Verspätungen, Baustellen oder betrieblichen Störungen. Auch die Vielzahl an Linien und Haltemustern im dichten Taktverkehr erhöht die Komplexität im täglichen Betrieb.»
In Kemptthal dürften Verwechslungen die Hauptursache sein: Während täglich 16 Stunden versorgt die S24, die zwischen Schaffhausen und Zug pendelt, den kleinen Bahnhof. Der letzte Halt der S24 ist um 21.19 Uhr in Fahrtrichtung Zürich.
Dann übernimmt die S7, die während des Tages zwischen Rapperswil und Winterthur verkehrt, ohne in Kemptthal zu halten. In dieser Zeit bedient die S7 auf ihrer Strecke 14 Zwischenhalte, nach 21 Uhr kommt mit Kemptthal ein 15. Halt dazu.
Ein zweiter Bahnhof im Oberland hat es übrigens ebenfalls ins SBB-Ranking geschafft: Mit sechs irrtümlichen Durchfahrten in den Jahren 2024 und 2025 belegt Effretikon den siebten Rang. Am Knotenpunkt halten nicht weniger als fünf S-Bahn-Linien.
Selbstverständlich versuche man diese Irrtümer zu reduzieren, verspricht SBB-Sprecherin Zenhäusern: «Angesichts der hohen Zugdichte und Komplexität des Betriebs lassen sie sich jedoch nicht vollständig ausschliessen.»
