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Seit über 50 Jahren

Obst und Gemüse fürs Oberland: Dafür steht er jede Nacht um 3 Uhr auf

Der Obst- und Gemüsehändler Peter Preisig aus Hinwil beliefert die Region seit Jahrzehnten mit frischer Ware – wir haben ihn einen Tag dabei begleitet.

Peter Preisig beliefert die Region nicht nur mit Tomaten.

Foto: Letizia Vecchio

Obst und Gemüse fürs Oberland: Dafür steht er jede Nacht um 3 Uhr auf

Seit über 50 Jahren

Der Obst- und Gemüsehändler Peter Preisig aus Hinwil beliefert die Region seit Jahrzehnten mit frischer Ware – wir haben ihn einen Tag dabei begleitet.

Es ist noch dunkel draussen und viel zu kühl für diesen Morgen im Mai, an dem wir Peter Preisig vor dem Engrosmarkt in Zürich-Altstetten treffen. Als er uns durch die Rückspiegel seines weissen Lieferwagens erspäht, springt er zur Begrüssung direkt hinaus.

«Ich bin der Peter», sagt er mit einem offenen Lächeln im Gesicht. Auch seine wenige Monate alte Tibet-Terrier-Hündin Tara-Ni ist mit von der Partie, muss aber im Wagen bleiben, während Preisig in der kommenden Stunde sorgsam seine Ware auf dem Markt aussucht. Der Markt gilt auch als das wichtigste Frischwarendrehkreuz der Schweiz und versorgt täglich Restaurants, Händler und Gastronomiebetriebe mit Obst, Gemüse und weiteren Lebensmitteln.

Die Tage im Leben des Hinwiler Obst- und Gemüsehändlers beginnen früh, genauer gesagt um 3 Uhr mitten in der Nacht. Dann steht der 73-Jährige auf, um sich auf die etwa 30-minütige Autofahrt nach Zürich-Altstetten zu machen. Tagein, tagaus, fünfmal in der Woche.

Peter Preisig (links) verhandelt mit einem Obst- und Gemüseverkäufer auf dem Engrosmarkt.
«Was für Erdbeeren gibts heute?» Peter Preisig verhandelt mit einem Obst- und Gemüseverkäufer.

Für Preisig ist das kein Problem, es ist sein Rhythmus – und das seit über 50 Jahren. Bereits im Alter von 22 Jahren kaufte er auf dem Grossmarkt seine Ware ein, damals noch für sein Obst- und Gemüsegeschäft am Hottingerplatz in Zürich.

«Ich kann es mir gar nicht mehr anders vorstellen», berichtet er, auf das frühe Aufstehen angesprochen. «Da ich eher ein Morgenmensch bin, klappt das Aufstehen problemlos. Um diese Zeit ist der Tag noch in Ordnung, und man sieht vieles, was andere Personen nicht sehen: Tiere, Pflanzen und manchmal auch lustige Leute.»

Aktuell beliefert er noch fünf Betriebe

Der Laden in Zürich ist schon lange Geschichte, genau wie der, den er von 1975 bis 2009 in Hinwil führte. Doch die Leidenschaft für vitaminreiche Früchte ist geblieben, obwohl Preisig mittlerweile deutlich über dem Pensionierungsalter ist. «Ich mag den Job einfach, er erfüllt mich mit Freude», sagt er mit strahlenden Augen. Besonders schön sei für ihn, dass ihn eigentlich jeder auf dem Areal kenne.

Vor einem Jahr feierte der Hinwiler sein 50-Jahr-Dienstjubiläum. Aktuell beliefert er noch insgesamt fünf Betriebe im Oberland, darunter ein Altersheim, Gastgewerbe und Unternehmen, etwa den Steiner-Beck.

Inzwischen ist es 4.15 Uhr, der Markt öffnet seine Pforten. Preisig geht zielgerichtet zum ersten Händler: Hier kauft er ein paar Kräuter, die auf seiner Einkaufsliste stehen. Ein Altersheim habe sie bestellt. Lange wird hier aber nicht verweilt, es geht hinein in die Markthalle, in der der Grossteil des Obsts und des Gemüses angeboten wird.

Peter Preisig beliefert die Region seit über 50 Jahren mit frischem Obst und Gemüse
Trotz unchristlicher Uhrzeit findet man im Engrosmarkt in Zürich-Altstetten bereits viele Menschen vor.

Am Eingang bleibt der 73-Jährige stehen, beäugt ein paar Bananen, ordert stattdessen Erdbeeren und geht dann weiter. «Bezahlt wird erst, wenn ich alle Händler abgeklappert habe», erklärt er. Es geht weiter durch die Halle, in der sich zur linken und zur rechten Seite das frische Obst und Gemüse stapelt. Überall wird Preisig mit Namen begrüsst, alle kennen ihn hier gut.

Mehrere Kartons mit Erdbeeren.
Bei diesem Anblick läuft einem das Wasser im Mund zusammen.

Immer wieder ist Zeit für einen kurzen Schwatz mit den Verkäufern, den Überblick über seine Einkaufsliste zu verlieren, wäre für den Hinwiler aber dennoch schlecht. «Dann muss ich noch einmal zurückkommen», erzählt er lachend. So geht es weiter, vorbei an Unmengen von Spargeln, Pilzen, Kirschen, Aprikosen und vielem mehr. Die bunte Vielfalt lädt definitiv zum Naschen und Verweilen ein, doch die Liste arbeitet sich nicht von selbst ab.

Ein Bild aus Obst auf dem Engrosmarkt.
Auch ein wenig Kunst findet man in den Hallen des Engrosmarkts.

Ob es sich um qualitativ hochwertige Ware handelt, sieht Preisig bereits nach wenigen Sekunden. «Irgendwann entwickelt man ein Auge dafür.» Dabei achtet er vor allem auf den Reifegrad der Früchte. Auch deswegen kauft er bei so vielen unterschiedlichen Händlern in der Markthalle ein. «Natürlich möchte ich immer die beste Ware für meine Kunden.» Manchmal probiere er aber auch, um wirklich sicherzugehen.

Kurz vor Schluss fällt auf, dass doch etwas vergessen ging: die Bio-Zitronen! Also schnell zurück zum Stand, im Anschluss wird die Runde noch einmal rückwärts gedreht, um bei jedem einzelnen Händler zu bezahlen. Als wir zurück zum Lieferwagen kommen, ist dieser bereits bis unter die Decke gefüllt. Kein Wunder, setzt Preisig doch jede Woche rund fünf Tonnen Obst und Gemüse um.

Mehrere Kisten frische Tomaten.
Jede Menge frisches Obst und Gemüse.

Die Ware ist verladen, es bleibt noch etwas Zeit für ein kurzes Gespräch – Hündin Tara-Ni darf diesmal mitkommen. Im «Café», einem kleinen Container vor der Warenhalle, erzählt der Obst- und Gemüsehändler aus dem Nähkästchen. Was hat sich verändert in den letzten Jahrzehnten? «Die Bestellung der Ware ist durch die Digitalisierung einfacher und kurzfristiger geworden, früher musste ich noch per Fax vorbestellen», erzählt Preisig.

Zwei Kisten grüne Peperoni.
Diese Peperoni strotzen vor Frische.

Und noch etwas hat sich verändert, das vielen Kundinnen und Kunden im Detailhandel ebenfalls sicher nicht entgangen ist: Einiges aus dem Sortiment, was früher nur saisonal angeboten worden sei, bekomme er jetzt das ganze Jahr, so etwa Beeren aller Art.

Ein bewegtes Berufsleben

Inzwischen ist es 5.30 Uhr, Preisig will sich wieder auf den Weg zurück ins Oberland machen, um seine Kunden pünktlich beliefern zu können. Auf der Fahrt ist noch etwas Zeit, ein paar Themen zu vertiefen. Denn der Hinwiler ist nicht nur passionierter Obst- und Gemüsehändler, sondern sass auch lange für die SVP im Kantonsrat. Doch nicht nur das: Preisig lehrte auch 10 Jahre in Winterthur und 20 Jahre lang an der Gewerbeschule in Rüti die Fächer Mathematik, Betriebskunde und Fachunterricht. An den Ständen der Engrosmarkthalle kann man einige seiner ehemaligen Schüler antreffen.

Nachdem die Auslieferung der Ware erledigt ist, wird sich Preisig an diesem Morgen wieder ins Bett legen. «Nur für eine Stunde», erzählt er. Denn um 20 Uhr ist schon wieder Schlafenszeit. Ob das nicht schwierig ist, gerade im Sommer, wo es draussen noch hell ist? «Nein, eigentlich nicht. Manchmal mache ich auch eine Ausnahme.»

Doch auch damit wird irgendwann Schluss sein. Denn in einem Jahr möchte Preisig das Obst- und Gemüsebusiness an den Nagel hängen und endlich mal wieder ausschlafen. «Nächstes Jahr, da werde ich 75. Irgendwann muss dann auch mal gut sein», sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen.

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