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Projekt "Die Woche"

Turbenthalerin kreiert Paralleluniversum für ihre Superhelden

«Fuck Cancer», steht auf ihrem Sweatshirt. Silvia Isgrò hat einen direkten, klaren Weg gefunden, krebsbetroffenen jungen Menschen unbeschwerte Momente zu ermöglichen – in denen sie neue Kraft schöpfen können.

Silvia Isgrò engagiert sich mit viel Herzblut für krebsbetroffene junge Menschen.

Foto: Karin Sigg

Turbenthalerin kreiert Paralleluniversum für ihre Superhelden

Ferienprojekt für krebsbetroffene Jugendliche

«Fuck Cancer» steht auf ihrem Sweatshirt. Silvia Isgrò hat einen direkten, klaren Weg gefunden, krebsbetroffenen jungen Menschen unbeschwerte Momente zu ermöglichen.

Ihr fröhliches Lachen steckt an, ihre herzliche Art gibt dem Gegenüber das Gefühl, sich schon seit Jahren zu kennen. Man merkt Silvia Isgrò an, dass sie Menschen gern hat und über eine hohe Sozialkompetenz verfügt. Deshalb verwundert es nicht, dass sie sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich für ein soziales Projekt engagiert.

Seit über 25 Jahren organisiert die Turbenthalerin Feriencamps und Ausflüge für krebsbetroffene junge Menschen zwischen 16 und bald 30 Jahren. Gerade ist sie aus einem verlängerten Wochenende mit einer Gruppe zurück. Sie reisten mit dem Zug via Berninapass nach Sondrio und wieder zurück.

Ihr Engagement ist für sie ein Herzensprojekt – das wird spürbar, sobald sich ihre Augen mit Freudentränen füllen, während sie erzählt. «Diese jungen Menschen haben mich nachhaltig beeindruckt, sie sind meine Superheldinnen und -helden», sagt die 53‑Jährige. Wenn die Gruppe zusammenkomme, fühle es sich an wie ein Paralleluniversum, «als ob alles einfach gut ist».

Diese Wahrnehmung teilt auch Pirmin Breu, ein weiterer Betreuer: «Es ist bewundernswert, wie diese jungen Menschen mit ihrem Schicksal umgehen und so sozial und unvoreingenommen durchs Leben gehen. Wir ‹Alten› können viel von ihnen lernen.»

Wie alles begann

Krebsbetroffenen jungen Menschen eine tolle Zeit zu bieten, lautet die Grundidee des Projekts. Unbeschwertheit zu erleben, fernab von Therapien, Sorgen, Ängsten. Die Initialzündung erfolgte im Jahr 1998, mit der Idee einer krebskranken Jugendlichen. «Lilly sagte, dass es viele solche Angebote für betroffene Kinder oder Erwachsene geben würde, jedoch kaum für Jugendliche.»

Silvia Isgrò arbeitete damals als Buchhalterin bei der Krebsliga des Kantons Zürich und vernahm, dass unter deren Dach ein entsprechendes Projekt ins Leben gerufen werden sollte. «Für die Leitung des Feriencamps suchten sie eigentlich jemanden mit einer pädagogischen Ausbildung», erinnert sie sich. «Durch meine Erfahrung in der Jugendriege und bei Entlastungswochenenden mit beeinträchtigten Kindern fühlte ich mich aber durchaus befähigt für diese Aufgabe.» Und so konnte die damals 27-Jährige 1999 ihr erstes Lager mit krebsbetroffenen Jugendlichen durchführen.

Prägende Momente

Allerdings nicht ganz ohne Berührungsängste: Wie geht man «richtig» mit Menschen um, die in jungen Jahren schon ums Überleben kämpfen mussten? «Ich hatte ein mulmiges Gefühl, dabei etwas falsch zu machen oder zu sagen.»

Schliesslich konnte sie Ruedi Hunziker, der die Gruppe als Fotograf begleiten sollte, im Vorfeld beruhigen. «Sie sind einfach Menschen wie du und ich – wenn du Angst hast, stellst du den Krebs vor den Menschen.» Dieser Moment sei prägend gewesen, sagt Isgrò. Seither mache sie keine Unterschiede mehr, weder bei kranken, betagten noch beeinträchtigten Menschen: «Jeder darf der Mensch sein, der er oder sie sein kann oder will.»

Man sieht Frauen und Männer vor einen Gemälde
Die jungen Frauen und Männer mit Fotograf Ruedi Hunziker (hinten links).

Übrigens gehört Ruedi Hunziker auch heute noch zum «harten Kern» der Begleitpersonen. «Es ist eine tiefe Freundschaft entstanden.» Der Fotograf selbst sagt, dass es für ihn ein Privileg sei, junge Menschen ein Stück auf ihrem Weg begleiten zu dürfen. «Das macht mich demütig, dankbar und glücklich zugleich.»

Entwicklung des Projekts und Organisation

Das Angebot wurde von Beginn weg gut angenommen, viele Menschen ab etwa 16 Jahren nutzten die Ferienwoche. Im Jahr 2017 entschieden sich Isgrò und die anderen Betreuungspersonen, darunter auch eine Pflegefachfrau vom Kinderspital, einen eigenständigen Verein, «Die Woche:-)», zu gründen. «Um organisatorisch und finanziell unabhängig zu sein.»

Die Finanzierung der Freizeitangebote stellt Silvia Isgrò durch Gönnerbeiträge und Spenden sicher. Sie ist heute im administrativen Bereich selbständig, leitet eine Naturspielgruppe in Turbenthal und begleitet den Waldmorgen von einem Kindergarten in Wilen TG. All die administrativen, organisatorischen und finanziellen Belange des Vereins managt sie quasi nebenbei.

Auch die Ferienwoche selbst hat sich mit den Jahren gewandelt: Seit 2024 verreisen sie nicht mehr für eine ganze Woche am Stück, sondern aufgeteilt auf mehrere Anlässe übers ganze Jahr. «So gibt es mehr Möglichkeiten, dass alle mal teilnehmen können.»

Man sieht eine Gruppe junger Menschen auf einer Treppe stehen.
Auszeit: Silvia Isgrò organisiert die Ausflüge, sodass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich um nichts kümmern müssen.

Das Programm ist bunt gemischt: von Ausflügen an verlängerten Wochenenden über Workshops wie Kickboxen, Holz schnitzen, Speckstein schleifen oder Graffitis sprayen bis hin zu Bogenschiessen oder Linedance. «Ich versuche, möglichst oft Ideen unserer Teilnehmenden umzusetzen oder Aktivitäten zu organisieren, die man allein vielleicht eher nicht macht.»

Gemeinschaft, Trauer und Halt

Auf die Frage, wie sie mit der psychischen Belastung im Zusammenhang mit dem Projekt umgeht, zögert Silvia Isgrò einen Moment. «Die gibt es nicht», sagt sie schliesslich. «Es gibt traurige Momente, wenn es Teilnehmenden nicht gut geht oder sie ihren Kampf verlieren.» Doch in solchen Situationen fühle sie sich getragen vom Zusammenhalt der Gruppe. «Niemand steht alleine da.»

Dazu erzählt sie ein Beispiel: «Tanja, eine junge Frau in unserer Gruppe, erkrankte nach einigen Jahren erneut und starb schliesslich an einem Hirntumor. Das machte uns natürlich alle sehr traurig. Auf der Heimfahrt von der Beerdigung sprachen wir darüber, wie wir sie wahrgenommen haben.» Alle hätten ihre Macke gekannt: bei Hunger jederzeit ein «Schüsseli» zu essen: Cornflakes mit Milch. «Tanja und ihr ‹Schüsseli› gehörten für uns zusammen wie der Deckel zum Topf.»

So in Erinnerungen schwelgend, stieg die Gruppe am Bahnhof Oerlikon aus und fragte in einem Hotel nach Schälchen, Milch und Cornflakes – und bekam alles. «So stiessen wir traurig und zugleich lächelnd mit unseren ‹Schüsseli› auf Tanja an.» Was so belastend und schwer gewesen sei, habe auf diese Weise beim Zusammensein leicht werden können.

«Und noch heute, wenn ich mir eine Schale Cornflakes gönne, huscht mir im Gedenken an Tanja ein Lächeln ins Gesicht.»

Leben nach dem Krebs – und warum das Projekt bleibt

Aus den Jugendlichen von einst sind inzwischen junge Erwachsene geworden. Nach fünf Jahren ohne Krebs gelten sie offiziell als geheilt. Doch: «Die belastenden Therapien wie Chemo‑ oder Bestrahlung hinterlassen ihre Spuren am Körper – die meisten von ihnen haben lebenslang ein ‹Bürdeli› zu tragen.»

Damit spricht Silvia Isgrò bleibende Folgeschäden an, etwa Gleichgewichts‑ oder Hormonstörungen, beeinträchtigtes Sehvermögen oder Gelenkprobleme, die manchmal sogar Prothesen nötig machen. Ein wichtiger Lernprozess sei deshalb, die persönlichen Wünsche dem anzupassen, was möglich sei. «Das ist manchmal schwierig und schmerzhaft, weil Pläne und Träume unmöglich zu erreichen werden.» Doch im Rückblick sei der Weg immer der richtige.

Isgrò erzählt von einer Teilnehmerin, die gern Ergotherapeutin geworden wäre. Aufgrund der Therapien gegen ihre Leukämieerkrankung sind Nekrosen in den Gelenken entstanden – damit wird abgestorbenes Knochengewebe aufgrund einer Durchblutungsstörung bezeichnet. Deshalb ist ihr Berufswunsch nicht mehr möglich. «Sie hat sich neu orientiert und wird mit grosser Wahrscheinlichkeit im Herbst ihr Studium zur Sozialberaterin beginnen.»

Vertrauen und neue Stärke

«Auch aus diesem Grund ist es wichtig, dass die jungen Menschen wieder Vertrauen in den eigenen Körper bekommen», erklärt die Turbenthalerin. Sie erzählt von einem Jugendlichen, der sich während eines Anlasses von einem Kollegen herausfordern liess, eine Runde auf der Go‑Kart‑Bahn zu rennen. «Er war völlig überrascht über sich selbst, wie viel Kraft in ihm steckt.»

Mit Freude blickt Silvia Isgrò auf die vielen Jahre zurück, in denen sie die Jugendlichen und jungen Erwachsenen begleiten darf. Viele von ihnen kennt sie seit ihrer Jugendzeit. Umso mehr würde sie sich freuen, wenn noch weitere Betroffene dazustossen. «Jedes neue Gesicht öffnet auch wieder einen neuen Horizont. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit ist ungebrochen und nur im ‹analogen› Leben zu finden.»

So beschreiben die Jugendlichen die gemeinsamen Erlebnisse

«Es ist jedes Mal ein Nachhausekommen. Egal, wo wir hingehen.»

«Silvia ist etwas mehr Mensch, als wir es uns gewohnt sind.»

«Seelenfrieden! Wir sind zu einer grossen Familie zusammengewachsen. Ein Wochenende fühlt sich an wie eine komplette Ferienwoche, da man alle Sorgen und Probleme vergessen kann.»

«Es ist ein Abschalten vom Alltag. Ich kann geniessen. Mir tut es jedes Mal sehr gut, und ich freue mich auf jedes Wiedersehen.»

«Das Glück verdoppelt sich an diesen Tagen ums Dreifache!»

«Schweres läuft nebenher mit und verwandelt sich in Leichtigkeit. Tiefgründige Gespräche führen zu einer noch engeren Verbindung. Es sind einfach extrem wertvolle und wunderschöne Momente.»

«Lachen, lachen, lachen.»

«Mir bedeutet besonders das gegenseitige Verständnis in unserer Gruppe sehr viel. Bei euch kann ich einfach so sein wie ich bin, ohne mich erklären zu müssen.»

Weitere Informationen, Spenden: www.verein-die-woche.ch

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