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Muskelkater und Disziplin

Dieses Paar aus Bauma holte sich die begehrte Six-Star-Medaille

Karin Schönbächler und Markus Kradolfer laufen gemeinsam durch die grossen Marathonstädte der Welt. Nicht immer schnell, aber konsequent. Ihr Beispiel zeigt, dass Ehrgeiz und Genuss sich nicht ausschliessen müssen.

Das Paar hat innerhalb von neun Jahren die wichtigsten Marathons dieser Welt absolviert.

Foto: Eleanor Rutman

Dieses Paar aus Bauma holte sich die begehrte Six-Star-Medaille

Muskelkater und Disziplin

Karin Schönbächler und Markus Kradolfer laufen gemeinsam grosse Marathons dieser Welt wie diejenigen in New York oder in Tokio. Ihr Beispiel zeigt, dass Ehrgeiz und Genuss sich nicht ausschliessen müssen.

Eigentlich hätte es eine einmalige Sache werden sollen. Karin Schönbächler plante zu ihrem 50. Geburtstag, noch einmal den grossen Marathon in New York zu laufen. «Ich hatte in meinen Dreissigern mehrmals an Marathons teilgenommen – und danach 20 Jahre nicht mehr.» Diesen Wunsch wollte sich die Immobilienmaklerin erfüllen.

Ihr Partner Markus Kradolfer fand die Idee grossartig. Der Wirt des Restaurants Bahnhof in Bauma entschied kurzerhand, am Marathon mitzurennen. «Zuerst mussten wir ihm aber Laufschuhe kaufen, er hatte ja gar keine», erzählt Schönbächler und lacht.

Was als spontane Geburtstagsidee begann, entwickelte sich für das Paar aus Bauma zu einem jahrelangen Projekt. Denn kaum war der erste Marathon geschafft, stand für Kradolfer fest: «Wir werden alle Six Majors laufen.»

Die Abbott World Marathon Majors vereinen die sechs renommiertesten Marathons der Welt: New York, London, Berlin, Chicago, Tokio und Boston. Wer alle sechs Läufe erfolgreich absolviert, erhält die begehrte Six-Star-Medaille.

Was in der Ziellinie passiert

Schönbächler nahm die Ansage zunächst nicht allzu ernst. «Ich dachte noch: Jaja, das sagt er jetzt, direkt nach dem Lauf. Morgen hat er Muskelkater und nie mehr Lust darauf.» Denn die meisten Läufer würden beim Überqueren der Ziellinie denken: «Geil, ich habs geschafft, aber ich mache das nie mehr.»

Doch es kam anders. «Das Gefühl, einen Marathon zu Ende gelaufen zu haben, ist unbeschreiblich, ja überwältigend», sagt der 57-Jährige. Auch seine Partnerin bestätigt: «Ich habe immer geweint, wenn ich die Ziellinie überschritten habe», das sei schon vor 20 Jahren so gewesen.

So begann 2017 die Reise zu den World Marathon Majors. Kürzlich haben die beiden ihr Ziel tatsächlich erreicht. Vor wenigen Wochen kehrten sie aus Boston zurück mitsamt der begehrten Six-Star-Medaille im Gepäck. Stolz zeigen sie ihre hart erkämpften Schätze.

Besonders Boston blieb dem Paar in Erinnerung, allerdings aus einem unerwarteten Grund. «Den Marathon in Boston mussten wir zweimal laufen», erzählt Kradolfer. Schönbächler ergänzt lachend: «Wir waren sechs Minuten zu spät im Ziel.»

Der Grund findet sich in den Teilnahmebedingungen. Wer nach den offiziellen sechs Stunden die Ziellinie überquert, wird zwar registriert, erscheint aber nicht mehr in der offiziellen Wertung für die Six-Star-Medaille. «Ich lese das Kleingedruckte halt selten», sagt Schönbächler und schmunzelt.

Wegen Filmli keine Medaille

Dass sie die Zeitlimite verpassten, lag nicht etwa an mangelndem Ehrgeiz. «Manchmal trödeln wir während eines Marathons schon ein wenig herum», gibt Kradolfer zu. Unterwegs werde fotografiert, gefilmt oder kurz angehalten, um die Stimmung festzuhalten. «Manchmal drehen wir kleine Videos», erzählt er.

Eine Wertung für den Six Star gab es deshalb beim ersten Boston-Anlauf nicht. Schönbächler bemühte sich zwar noch, mit den Organisatoren zu verhandeln. «Doch das Thema Nachhaltigkeit liessen sie nicht gelten.» Also mussten die beiden ein zweites Mal antreten.

Begonnen hatte ihre gemeinsame Laufkarriere bescheiden. Die ersten Trainings führten das Paar die Töss entlang. «Nach knapp einem Kilometer waren wir schon kaputt», erinnert sich Schönbächler. Doch mit der Regelmässigkeit kam die Ausdauer. Ganz ohne Beschwerden ging es allerdings nicht. «Meine Achillessehne macht mir bis heute leicht zu schaffen», sagt Kradolfer. Rückblickend habe er für den ersten Marathon wohl zu wenig lang trainiert. Ein bis zwei Jahre Vorbereitung seien eigentlich das Minimum.

Genuss muss Ehrgeiz nicht ausschliessen

Erstaunlich dabei ist: Beide rauchen. «Ich bin nur eine Gelegenheitsraucherin», sagt Schönbächler mit ironischem Unterton. An schönen Sommerabenden könnten es durchaus mehr Zigaretten werden. «Ja, wir sind beide Lebemenschen», ergänzt Kradolfer. Er selber raucht Zigarren.

Zudem verzichten die beiden auch vor einem Marathon nicht auf kulinarische Gaumenfreuden. Sie reisen meist einige Tage früher an und verbringen die Zeit entspannt. «Am Abend vor dem Lauf gönnen wir uns ein normales Abendessen und ein Glas Wein.»

Oft gebe es zum Beispiel Pasta. Über besonders verbissene Läuferinnen und Läufer am Frühstücksbuffet müssen die beiden manchmal schmunzeln. «Da stehen dann jene, die sich nur ein paar Früchte auf den Teller laden.»

Muskelkater in der U-Bahn

Trotz aller Lockerheit trainieren beide regelmässig. «Manchmal hätte ich schon 1000 Ausreden, um nicht vom Sofa aufstehen zu müssen», sagt Schönbächler. Fragt man genauer nach, dann klingt ihr Wochenprogramm sehr ambitioniert: Konditionstraining am Montag, Tennis am Dienstag, zweimal pro Woche schwimmen und dazu etliche Kilometer rennen. Kradolfer geht dreimal pro Woche joggen. Insgesamt investieren die beiden rund sieben Stunden Training pro Woche.

Nach einem Marathon haben sie jeweils schon etwas Muskelkater, das geben beide zu. «Zeig ihr das Video, als wir die Treppe zur U-Bahn hinuntergestakst sind», sagt er und lacht. Die Journalistin sieht das Video zum Schluss dann doch nicht, aber sie kann es sich gut vorstellen.

Mich nervt, dass mein Partner immer eine Sekunde schneller ist als ich.

Karin Schönbächler

Marathonläuferin und Immobilienmaklerin

Dass sie als Paar gemeinsam laufen, sehen beide als Vorteil. Wenn nur eine Person so intensiv trainiere, gehe viel gemeinsame Zeit verloren. Die beiden starten deshalb gemeinsam – und kommen auch gemeinsam ins Ziel. Fast zumindest. «Er rennt immer eine Sekunde schneller als ich», sagt Schönbächler und verdreht lachend die Augen. «Das nervt mich schon ein bisschen.»

Die grösste Motivation seien ohnehin die Menschen entlang der Strecke, besonders in New York. «Die stehen selbst bei Regen draussen und feuern jeden Einzelnen an», erzählt Schönbächler. «Dann rufen sie: ‹Markus, Markus, you look good!› – auch wenn das in dem Moment überhaupt nicht stimmt.»

Klingt also ganz danach, als könnte jeder mit diesem Sport beginnen. «Ja, wir konnten sogar schon andere motivieren mitzukommen», sagt Kradolfer. Schönbächler bestätigt das. «Am Anfang kann das Training streng sein, aber dann ist man schnell drin.»

Für die beiden ist das gemeinsame Laufen längst mehr als bloss Bewegung, es ist neben der Arbeit ein verbindendes Hobby. «Marathon oder auch Golf ist ein guter Sport für ein Paar in unserem Alter. Doch ich finde Marathon besser.»

Nach Australien reisen

Ganz abgeschlossen ist das Kapitel für die beiden noch nicht. Seit 2024 gehört auch Sydney offiziell zu den World Marathon Majors. Die berühmte Six-Star-Medaille bleibt zwar bestehen, doch ein siebter Lauf wäre möglich.

«Eigentlich sprechen wir gar nicht so gerne über Zukunftspläne», sagt Schönbächler. Sydney komme frühestens nach der Pensionierung infrage. «Wenn wir schon hinfliegen, wollen wir länger durch Australien reisen.» Kradolfer ergänzt: «Vielleicht machen wir vorher sogar noch eher den Marathon in Kapstadt

Und New York? Dorthin möchte die 58-Jährige unbedingt zurückkehren. Zu ihrem 60. Geburtstag im nächsten Jahr will sie erneut starten – dort, wo alles begonnen hat.

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