Die Frau, die mit Frequenzen arbeitet
Arbeiten mit Heilkräften
Stephanie Bär war lange im Sport zu Hause: als Sportlehrerin, Reiterin und Tänzerin. Heute übt sie einen ungewöhnlichen Beruf aus. Ein Gespräch über Wahrnehmung, Stille und das Unsichtbare.
Eigentlich ist Stephanie Bär ein Bewegungsmensch: Die 49-Jährige ist nicht nur eine an der ETH ausgebildete Sportlehrerin, sondern auch Pferdenärrin und Tänzerin. Auch im Gespräch wirkt die Ustermerin lebhaft und voller Energie.
Wir treffen uns am Greifensee. Bär erzählt von ihrer tiefen Verbundenheit zur Natur. «Am liebsten würde ich meine Klienten nur draussen treffen», sagt sie. In der Praxis schätzten viele jedoch einen geschützten Raum.
Mit der Zeit fand die Bewegungskünstlerin immer mehr in die Stille. Sie begann zu meditieren, praktizierte Yoga und beschäftigte sich mit Kung-Fu sowie Qigong. «Ich nenne es den Weg nach innen gehen», sagt sie. Dadurch habe sie auch die Langsamkeit entdeckt und ihre Wahrnehmung geschärft.
Heute unterrichtet Bär Yoga, Meditation, Qigong und Paartanz in Volketswil und Uster. Dance your Soul heisst ihre Website. Auf ihrem Weg entwickelte Bär zunehmend ein feines Gespür für Stimmungen und körperliche Wahrnehmungen – und fand schliesslich zu einer ungewöhnlichen Tätigkeit: dem sogenannten Heilströmen.
Alte Methode aus Japan
Bei dieser Art der Behandlung arbeitet sie mit ihren Händen. Oft berührt sie ihre Klienten dabei am Handrücken. «Mit Strömen ist das Übertragen von Frequenzen gemeint.» Bär beschreibt die Methode so, dass Menschen auf subtile Reize reagieren können, wenn sie mit ihnen in Kontakt geht. «Ein Nervensystem nimmt Signale wahr und kann beruhigend oder regulierend auf ein anderes wirken», sagt sie.
Welche Wirkung das entfalte, sei von Mensch zu Mensch unterschiedlich. «Der Empfänger bestimmt automatisch die passende Frequenz, die in dem Moment für die Heilung gebraucht wird.»
Mit klassischem Handauflegen sei Heilströmen jedoch nicht vergleichbar. «Handauflegen kann jeder, Heilströmen geht noch etwas tiefer», erklärt sie. Die Methode stammt ursprünglich aus Japan und nennt sich Jin Shin Jyutsu. Die Lehre geht davon aus, dass die Lebensenergie in mehreren Bahnen durch den Körper fliesst und den Menschen mit Kraft versorgt.
«Diese Körper- und Energiearbeit basiert darauf, dass Beschwerden mit blockierten Energien zusammenhängen», erklärt Bär. «Mit dem Erkennen von Blockaden und Traumata ist der erste Schritt zur Auflösung bereits gemacht.» Dabei sei Präsenz wichtig.
Berührung an sich könne sowieso schon heilsam wirken – darauf weise eine aktuelle Studie des Klinikums Heidelberg hin. Diese liefert Hinweise darauf, dass positive Interaktionen wie körperliche Nähe und Berührungen biologische Heilungsprozesse beeinflussen können.
Heilsversprechen macht Bär aber keine. «Wer kann das schon?», entgegnet sie. Auch Ärzte könnten keine Garantie auf Heilung geben. «Ich kann unterstützen, aber die Person muss ebenfalls bereit sein, etwas in ihrem Leben zu verändern.»
Sie nennt ihre Klienten auch nicht Patienten. «Das Wort bedeutet Geduld – und die braucht es bei mir nicht unbedingt.» Manchmal könne es sehr schnell gehen.
Verstorbene in Träumen
Eine besondere Sensibilität zeigte sich bei Bär bereits in ihrer Jugend. Mit 18 jobbte sie auf einem Reiterhof, dessen Besitzer seine Frau verloren hatte. Die Teenagerin träumte einige Zeit später von der Verstorbenen. «Die Frau sagte mir im Traum, ich solle ihrem Mann ausrichten, er solle wieder Freude am Leben finden und sich auf eine neue Partnerschaft einlassen.»
Zunächst wusste sie nicht, wie sie damit umgehen sollte. «Ich war ja noch so jung und traute mich kaum, diese Botschaft zu überbringen», erzählt sie. Doch schliesslich wurde ihr klar, dass sie sie nicht für sich behalten durfte. Sie schrieb dem Witwer schliesslich einen Brief. «Einige Zeit später hat er tatsächlich wieder geheiratet.»
Es geht um ein Nervensystem, das lernt, besonders aufmerksam auf feine Signale zu reagieren.
Stephanie Bär
Hei
In den Jahren danach habe sie ihre Feinfühligkeit immer bewusster wahrgenommen – nicht zuletzt durch eigene schmerzhafte Erfahrungen. Sie beschreibt ein starkes Gespür für Stimmungen, Spannungen und emotionale Zwischentöne bei anderen Menschen.

Auch Fachleute gehen davon aus, dass belastende Erlebnisse die Wahrnehmung verändern können. «Dabei geht es weniger um Übersinnliches als um ein Nervensystem, das lernt, besonders aufmerksam auf feine Signale zu reagieren», sagt Bär.
Nach einschneidenden Erfahrungen könne sich diese Aufmerksamkeit nochmals verstärken. 2009 erlitt sie eine Fehlgeburt. Es wäre ihr zweites Kind gewesen. «Der Fötus ist im dritten Monat gestorben, und wir bemerkten es lange nicht», erzählt sie. Im Spital musste er entfernt werden.
«Ich fühlte mich damals mit meinem Schock und der Trauer völlig allein gelassen.» Eine Pflegefachfrau habe zu ihr gesagt, sie solle nicht so traurig sein, das sei egoistisch, es gebe genug Kinder auf der Welt.
«Besonders gefehlt hat mir jemand, der einfach präsent und verständnisvoll gewesen wäre.» Geblieben ist bei ihr eine gesteigerte Feinfühligkeit durch diesen Vorfall.
Weil sie danach Zeit hatte, sich ganz ihrer damaligen zweijährigen Tochter zu widmen, hat sie überhaupt erst gelernt, langsamer zu werden. «Auch meine Tochter hat mich geschult.» Auch sie sei sehr feinfühlig.
Pferd «rief» um Hilfe
Als ihre Tochter später einen Reiterhof besuchte, machte Bär nämlich eine weitere prägende Erfahrung. Ein Pferd hat die Aufmerksamkeit der Teenagerin auf sich gezogen. «Sie hörte einen Hilferuf des Pferds in ihrem Kopf», erzählt sie. Zunächst hat die Mutter gezweifelt.
Als Bär den Wallach jedoch einige Tage später in seiner Box besuchte, hat sie dessen Unruhe bemerkt. Er habe gezittert und sich ständig bewegt.
«Während der Sanierung der Reithalle durfte das Pferd nicht mehr auf die Weide. Es war völlig verstört.» Für sie sei schnell klar gewesen: «Das Pferd muss dort raus.» Nach einiger Bedenkzeit habe ihre Familie den Wallach gekauft. «Die finanzielle Belastung nahmen wir auf uns, einfach, weil wir ihn gerne haben und helfen wollen», sagt die Ustermerin.
Kommunikation aus dem Jenseits
Zurzeit beschäftigt sich die umtriebige 49-Jährige mit der Sanierung der Wohnung ihres verstorbenen Vaters. Auch dort erlebe sie immer wieder ungewöhnliche Momente. «Es fühlt sich an, als wäre mein Vater noch irgendwie präsent», sagt sie. Kürzlich sei etwa der Architekt im Lift stecken geblieben. «Als ein Möbelhändler die Lieblingsmöbel meines Vaters demontieren wollte, ist die Uhr an der Wand durchgedreht.»
Für Bär sind solche Erlebnisse kein Zufall. Sie glaubt, dass sich Verstorbene manchmal bemerkbar machen – besonders dann, wenn noch etwas ungeklärt ist. Angst macht ihr das keine. Vielmehr hat sie das Gefühl, dass manche Menschen nach ihrem Tod noch etwas loswerden oder klären möchten. Auch in ihren Sessions tauchten manchmal Verstorbene auf, die noch etwas mitteilen wollten.
Stephanie Bär bewegt sich mit ihrem ungewöhnlichen Beruf in einem Feld, das sich weder eindeutig erklären noch klar einordnen lässt. Vieles von dem, was sie beschreibt, ist wissenschaftlich nicht überprüfbar. Die Wirkung von Präsenz und Berührung hingegen schon. Wer ihr begegnet, trifft auf eine Frau, die aufmerksam zuhört und Menschen Raum für ihre Fragen, Hoffnungen und Unsicherheiten lässt. Was daraus entsteht, das bleibt offen.
