Während andere demonstrieren, halten sie den Betrieb am Laufen
Reportage zum Tag der Arbeit
Arbeit nervt – oder etwa doch nicht? Der 1. Mai lädt dazu ein, diese Frage zu stellen. Wir haben uns im Oberland umgesehen, wer am Tag der Arbeit trotzdem arbeitet.
Am Bahnhof Wetzikon ist noch nicht viel los, morgens um halb neun am 1. Mai. Von Demonstrationen oder gar Unruhen ist nichts zu spüren. Vielleicht sind viele Oberländer schon verreist – oder nutzen den ersten Tag ins verlängerte Wochenende, um auszuschlafen. Oder – sind schon bei der Arbeit. Denn auch an diesem – unter anderem im Kanton Zürich – offiziellen Feiertag gibt es Berufsgruppen, auf die man heute nicht verzichten kann.
Wir sehen uns um, wer alles zu diesen «Helden des Alltags» gehört. Und wie es für sie ist, in Einsatz zu sein, wenn andere frei haben oder für ihre Arbeitsrechte demonstrieren.
Mit Musik sagt er der Unordnung den Kampf an
Gerade ist ein Mitarbeiter der Stadt Wetzikon daran, den lauschigen Kopfsteinpflaster-Platz am Bahnhof von Müll zu befreien. Mehmet Islami in der leuchtend-orangen Arbeitsjacke trägt Kopfhörer und scheint ganz auf seine Arbeit fokussiert zu sein. «Ich höre gern Musik zur Arbeit, dann kann ich mich besser konzentrieren und werde nicht so stark von den Umgebungsgeräuschen abgelenkt», erklärt er.
Dass er an einem Feiertag arbeiten muss, stört ihn nicht, im Gegenteil: «Heute habe ich meine Ruhe – und weniger Leute schmeissen ihren Abfall weg.» Denn die Wertschätzung von der Bevölkerung, die könnte laut ihm manchmal schon besser sein. «Viele werfen ihre, oft noch halbvollen Bierdosen, direkt vor meine Füsse.» Für ihn ist das eine Frage des Respekts – und der Erziehung.»
Wo wir gerade bei Respekt und Erziehung sind: Auch die Polizei ist am heutigen Feiertag im Einsatz. Wir treffen auf ein Zweierteam der Stadtpolizei Wetzikon:
Dank ihm sind wir sicher: Josef Holdener, Stadtpolizei Wetzikon
«Seit Schichtbeginn um 7.30 Uhr sind wir auf Kontrollfahrten durch Wetzikon und natürlich immer auf Abruf, falls ein Notruf eintrifft. Anders als bei unseren Kollegen in der Stadt Zürich, wo am 1. Mai Demonstrationen auf dem Programm stehen, ist für uns heute ein Arbeitstag wie jeder andere. Vergleichbar mit einem Sonntag, an dem es eher ruhig ist. Im Oberland gab es bisher höchstens vereinzelte Aktionen wie das Aufhängen von Bannern oder Sprayereien. Seit 18 Jahren bin ich bei der Polizei, seit fünf Jahren in Wetzikon. Unsere Arbeit wird vor allem dann wertgeschätzt, wenn wir Menschen bei unseren Einsätzen helfen können. Wenn wir einschreiten müssen, natürlich eher weniger… Persönlich mag ich es, wenn etwas läuft. Meine Freizeit verbringe ich dann gerne im engsten Freundeskreis.»
Entgegen geläufiger Klischees aus Krimis und Serien ist Josef Holdener nicht mit einem Donut zum Interview erschienen. Dass diese und weitere Backwaren auch am Tag der Arbeit duftend in den Regalen auf uns warten, dafür sorgt unser nächster Alltagsheld. Der vermutlich schon am längsten von allen auf den Beinen ist:
Dank ihm gibts Zopf und Gipfeli: Patrick Fischlin, Inhaber Café-Bistro Stellwerk Bubikon
«Seit Mitternacht stehe ich in der Backstube, um 4.30 Uhr bekam ich Unterstützung von meiner Mitarbeiterin Bettina. Wenn alle Backwaren fertig sind, helfe ich jeweils bei den Auslieferungen in die Badis, Altersheime und mit dem Znünibus. Dann gehts ab in die Küche, Mittagessen kochen – heute bereite ich Lasagne für etwa 50 Personen zu. Spätestens um 16 Uhr, wenn der Laden schliesst, habe auch ich Feierabend. Wobei ich dann manchmal noch meiner Frau Katja im Büro helfe. Nur dank ihrer tatkräftigen Unterstützung ist es überhaupt möglich, dass ich sieben Tage die Woche hier stehen kann – sie hält mir den Rücken frei. Vor 40 Jahren habe ich den Beruf des Bäckers/Konditors erlernt und freue mich heute noch täglich darüber, das Resultat meiner Arbeit zu sehen. Der 1. Mai unterscheidet sich bei uns nicht von anderen Feier- oder Sonntagen. Wobei die Stimmung schon etwas entspannter anders ist. Seit zehn Jahren sind wir mit unserem Geschäft selbstständig. Dass wir täglich etwa 400 Kunden begrüssen dürfen, haben wir vor allem der Bevölkerung aus Bubikon und den umliegenden Gemeinden zu verdanken. Für die etwa 8000 Pendler am Bahnhof Bubikon ist ein Besuch bei uns allerdings fast nur möglich, wenn die ÖV Verspätung haben.»
À propos ÖV: Am Bahnhof Wetzikon lenkt Bujar Pira «seinen» VZO-Bus gerade an die Haltestelle, um seine wohlverdiente Pause anzutreten. Wir dürfen ihn kurz stören:
Dank ihm sind wir mobil: Bujar Pira, VZO-Chauffeur
«Langsam erwacht die Stadt zum Leben – bei meinem Arbeitsbeginn um 5.30 Uhr war es eher ruhig. Die Leute wirken heute entspannt, scheinen die freien Tage zu geniessen. Seit zwanzig Jahren bin ich im Dienst der VZO unterwegs – und noch heute schätze ich den Kontakt zu unseren Fahrgästen sehr. Leider ist dieser viel seltener, seit wir im Bus keine Tickets mehr verkaufen und jeder den Fahrplan auf dem Handy hat. Mit dem Rückgang des Kundenkontakts wurde leider auch die Wertschätzung der Reisenden geringer. Es ist eine andere Zeit – vieles ist selbstverständlich geworden. Deshalb spielt der heutige Tag für viele eine wichtige Rolle. Menschen engagieren sich für faire Arbeitsbedingungen und Löhne, in einer Zeit, da alles teurer wird. Wobei wir es gut haben hier, in anderen Ländern ist es viel schlimmer. An diesem Feiertag zu arbeiten, macht mir nichts aus. Ich habe dafür an anderen Tagen wieder frei. Meine heutige Schicht endet um 14.30 Uhr – danach geniesse ich zwei Wochen Ferien.»
Bevor es ab in die Ferien – oder auf einen Ausflug – geht, machen viele noch einen Abstecher an den Kiosk. Um sich mit Zeitschriften, Zältli und Kaugummi für die Reise einzudecken. Auch hier wird gearbeitet:
Dank ihm bekommen wir unsere Zeitung und Zältli: Gianfranco Iosca, Kiosk-Mitarbeiter Wetzikon
«Eigentlich hätte ich heute frei gehabt, bin aber kurzfristig für jemanden eingesprungen. Das ist für mich aber völlig Ok – heute war erst um 8 Uhr Schichtbeginn. Ausserdem sind die Leute viel lockerer drauf an Feiertagen. Seit drei Jahren arbeite ich an diesem Kiosk. Mir gefällt, dass wir ein vergleichsweise kleines Team sind. Die Wertschätzung ist viel grösser als in grösseren Geschäften, vor allem von den Kunden. Mit der Zeit kennt man die Vorlieben und Geschmäcker der Stammkunden – das schätzen sie sehr.» (Noch während Iosca das erzählt, legt er dem nächsten Kunden schon die Zigis hin, die dieser regelmässig kauft).
Beim Verlassen des Kiosk liegt der Duft nach frischgebratenem Fleisch in der Luft. Gleich um die Ecke ist ein Döner-Stand, an dem noch jemand bei der Arbeit ist:
Dank ihm gibts Döner zum Zmittag
Dieser Mitarbeiter des Döner-Standes (der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte), hatte um 8.30 Uhr Schichtbeginn. Er ist gerade dabei, Tomaten zu schneiden und Fleischstücke vom Spiess abzuraspeln, damit er pünktlich um 9 Uhr, wenn der Stand aufmacht, bereit ist für den ersten Döner. An einem Feiertag zu arbeiten, findet er nicht so schlimm, «besser als arbeitslos zu sein», sagt er. Und fügt an: «Jemand muss heute schliesslich arbeiten, damit die Leute ihr Essen bekommen.»