Die Liebe zu Hunden geht nicht vergessen
Helfer auf vier Beinen
Der Volketswiler Verein Abri organisiert Hundebesuche im Heim Sonnweid in Wetzikon. Die kleinen Hunde Minnie, Lilli und Jayden haben dabei einen grossen Einfluss auf die dementen Bewohner.
Ruhig und geduldig sitzen acht Bewohner des Demenzzentrums Sonnweid in Wetzikon in einem Kreis. Sie leben in diesem Heim, weil sie an unterschiedlich stark fortgeschrittenen Stadien der Demenz leiden. Diese beeinträchtigt ihr Kurz- und Langzeitgedächtnis, ihre Orientierungs- und Sprachfähigkeit sowie die Motorik.
Das kleine Grüppchen wartet auf Gabriela Sansone. Oder genauer gesagt auf ihre Hunde: den Zwergpudel Lilli sowie die Zwergspitze Minnie und Jayden. Denn mehrmals im Monat werden die Betroffenen von Therapietieren besucht, die sie streicheln und mit denen sie interagieren können.
Volketswiler Verein unterwegs
Gabriela Sansone, ausgebildete Therapiehundeführerin vom Verein Abri aus Volketswil, stellt sich und die Hunde freundlich den Bewohnern vor. Dass darauf nicht immer eine Reaktion folgt, verunsichert sie nicht. Seit 15 Jahren macht die pensionierte Pflegefachfrau mehrmals in der Woche tierische Besuche. Sie ist mit ihrem Einsatz Teil des Abri-Teams, welches Besuche mit Therapiehunden in Kinderheimen, Kliniken, Hospizen, Alters- und Pflegeheimen organisiert.
Sansone kniet mit Minnie im Arm vor eine Frau, fragt, ob sie gerne einen Hund auf dem Schoss hätte. Als die Antwort nicht klar ist, setzt sie das Tier versuchsweise hin und beobachtet dabei genau die Reaktion der Bewohnerin. Nachdem diese mit Anspannung und Skepsis reagierte, nimmt sie den Hund wieder weg.
«Als Therapiehundebegleiterin muss ich fast mehr auf die Bewohner achten als auf meine Hunde», erklärt Sansone. Dies, weil die menschlichen Reaktionen manchmal unvorhersehbar seien. «Es kam auch schon vor, dass Betroffene den Tieren unbewusst wehtun oder sich in ihrem Fell festkrallen und nicht mehr loslassen.» Als sie nicht hinschaut, zieht einer der Bewohner Lilli am Kopf hoch. Auch auf die Mitarbeiter der Sonnweid müsse sie achten. «Damit sie die Hunde nicht hochheben und weglaufen, weil sie die Tiere so süss finden», sagt sie und lacht.
Die Hunde wirken beruhigend
Die meisten Bewohner sind aber sehr glücklich, wenn sie einen Hund halten dürfen. Lilli hat sich auf dem Schoss eines Mannes an dessen Bauch gelehnt und eine Pfote in dessen Hand gelegt. Eine Frau grinst stolz in die Runde, weil Jayden brav auf ihren Beinen sitzt. Minnie leckt eifrig die Hand einer Bewohnerin ab. «Ich bin schon ganz nass», ruft sie verwirrt, aber erfreut.
Ein Patient streift durch die Station und an der Runde vorbei. «Wollen Sie auch mal streicheln?», fragt Sansone ihn und hält ihm einen ihrer Hunde entgegen. Der Mann schaut sie zerstreut an und streichelt dann ihren Arm.
Zwei der Bewohner sind in der Zwischenzeit eingeschlafen. «Die Hunde haben eine beruhigende Wirkung auf Menschen», sagt Sansone. «Ich merke während meiner Besuche, wie sich die Energie im Raum verändert.»
Minnie entdeckt mit einem Blick aus dem Fenster eine Kuh und bellt, wodurch eine Bewohnerin aus dem Schlaf aufschreckt. Sie ahmt die Hündin nach – «Grrr» – und bringt so die Runde zum Lachen.
Die Transformation ist beobachtbar
«Während der Tierbesuche sehe ich Bewohner lachen oder lächeln, die dies in Gruppenaktivitäten selten tun», sagt Alice Schlagenhauf. Sie ist die Leiterin Activent des Demenzzentrums und koordiniert diese Besuche. Mal sind es Ponys, mal Hühner, mal Meerschweinchen, mal Hunde.
Sie beobachte, dass die Hunde Fähigkeiten in den Bewohnern hervorbrächten, die sie als verloren geglaubt habe. «Ein Bewohner konnte die Aufforderung, seine Beine zu strecken, nicht verstehen», sagt sie. «Aber als Gabriela ihm sagte, er solle den Hund an die Leine nehmen, konnte er die Aufgabe ausführen.»
Das kleine Ritual des Anleinens bedeutet das Ende der Besuchsrunde. Sansone hat gemerkt, dass ihre Hunde unruhig werden, nachdem sie etwa eine Stunde lang wie Wärmeflaschen von Bewohner zu Bewohner gereicht wurden. «Das Anleinen gibt den Betroffenen das Gefühl, gebraucht zu werden, und stärkt ihr Selbstwertgefühl.»
«Döffe sii»
Als Nächstes geht die Therapiehundeführerin in die Oase. Dort wohnen Patienten in besonders fortgeschrittenen Stadien der Krankheit, viele von ihnen sind bettlägerig. An einer der Raumtrennungen hängt ein Bild von einer Bewohnerin mit einem der Hunde. Sansone geht auf eine Frau zu, die sie mit «Frau Doktor» anspricht. Sie habe früher als Kinderärztin im Ausland gearbeitet.
Die Hände der ehemaligen Ärztin sind in einer unnatürlichen Position verkrampft, verständlich ausdrücken kann sie sich nicht mehr. Sansone setzt Lilli neben ihr aufs Bett, greift behutsam ihre Hand und führt sie zum Hundefell. «Fühlt sich das gut an?», fragt sie. Die Frau hat Mühe, ihre Augen auf den Hund zu fokussieren, ihre Antwort ist nicht verständlich. Doch nach einigen Minuten Streicheln zeigt sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Schlagenhauf ist fasziniert: «Es ist beeindruckend zu sehen, wie die Tiere winzige positive Veränderungen auslösen können.»
Sansone sagt, sie versuche, nicht zu viel zu sprechen, wenn sie bei den Bewohnern sei. «Sie sollen einfach ‹döffe sii›.» Dass sie kein Mitleid zeigen soll, hat sie gelernt. «Mitleid hilft den Menschen nicht weiter», erklärt sie. «Aber mit meiner Arbeit als Therapiehundeführerin kann ich etwas erreichen.»
Jayden leckt «Frau Doktor» mittlerweile eifrig die Hand ab. «Hunde spüren die innere Aufregung einer Person. Jayden leckt, weil er sie beschwichtigen will.» Die Bewohnerin versucht derweil, seine Schnauze zu greifen. Sansone muss sie davon abhalten, damit sie dem Hund nicht wehtut. «Ich arbeite mit meinen Hunden auf einer Vertrauensbasis. Sie müssen wissen, dass ich sie aus einer brenzligen Situation heraushole, wenn es darauf ankommt. Sonst würden sie nicht so bereitwillig mitarbeiten.»
Wenn Hunde aufs Bett dürfen
Nach dem Besuch bei «Frau Doktor» begibt sich Sansone zu deren Nachbarin. Auch sie ist bettlägerig und scheint kaum mitzubekommen, dass die Hundeführerin gleich drei Tiere auf ihr Bett setzt. Brav legen sich alle drei friedlich hin, was der Bewohnerin ein Lächeln auf das Gesicht zaubert.
Schlagenhauf erklärt, dass in späten Stadien der Demenzerkrankung Betroffene ein Gefühl für ihren Körper verlieren könnten. «Indem die Hunde auf die Beine oder den Schoss der Bewohner liegen, können sie ihnen ein Stück Körpergefühl zurückgeben.»
Was Schlagenhauf aber betont: Die Besuche von Sansone gelten in der Sonnweid nicht als Therapie. Denn eine Therapie verspreche eine Besserung. «Eine Genesung ist bei Demenz aber nicht möglich», erklärt sie. «Mit den Tierbesuchen können wir dafür schöne Momente im Hier und Jetzt ermöglichen.»