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Gesellschaft

Leben auf 20 Quadratmetern: Tiny Houses in Wetzikon bezogen

An der Binzackerstrasse in Wetzikon stehen seit diesem Winter fünf Tiny Houses. Nun sind die ersten Häuschen der Siedlung bewohnt. So lebt es sich auf engstem Raum.

Leben auf 20 Quadratmetern: Tiny Houses in Wetzikon bezogen

Brachland umgedacht

An der Binzackerstrasse in Wetzikon stehen seit diesem Winter fünf Tiny Houses. Nun sind die ersten Häuschen der Siedlung bewohnt. So lebt es sich auf engstem Raum.

Kieselsteine knirschen unter den Füssen, ein Güterzug rattert vorbei. «Der fährt zum Glück nur zweimal täglich hier durch», sagt Peach Humbel, als der Lärm abklingt. Die Anwohnenden störe es kaum. «Dann hält man das Gespräch halt für 30 Sekunden kurz an.»

Wer in den letzten Wochen zwischen Kempten und Wetzikon aus dem Zugfenster geblickt hat, bemerkte vermutlich die Veränderungen auf der Brache an der Binzackerstrasse. Seit Anfang Jahr ist hier wieder Leben eingekehrt. Dies allerdings nicht mit einem grossen Wohnblock, sondern in ganz kleiner Form: Fünf Tiny Houses des Familienunternehmens Tinybau GmbH schaffen einen etwas anderen Wohnraum.

Jahrelang schien die Zeit auf dem Areal der ehemaligen Gärtnerei Iten in Wetzikon stillzustehen. Ein privater Gestaltungsplan für das Quartier nahe dem Bahnhof Kempten scheiterte zuletzt aufgrund unterschiedlicher privater und öffentlicher Interessen, wie es seitens der Eigentümerfirma Specogna Immobilien AG heisst.

Klein wohnen im Trend

Was ursprünglich als Trend in den USA begann, fasziniert mittlerweile immer mehr Menschen in der Schweiz. Im Oberland werden solche kleinen Wohnhäuser bereits seit Jahren gebaut, beispielsweise in Steffen Brauns Holzwerft GmbH in Saland. Während der Corona-Pandemie wurden auch die Zwillingsbrüder Ruedi und Peach Humbel sowie Peachs Sohn Dominic Humbel vom «Tiny-Fieber» gepackt.

Alle drei haben zuvor eigene Renovationsarbeiten umgesetzt, doch der Gedanke an ein grösseres Projekt mit kleineren Häusern liess sie nicht los. Ruedi Humbel bringt die energietechnische Erfahrung mit, Peach Humbel handwerkliche Fertigkeiten und der Humbel-Junior das sanitäre Fachwissen. Zu dritt gründeten sie die Tinybau GmbH.

Sechs Jahre später vermietet das Ustermer Unternehmen nun an der Binzackerstrasse seine Häuschen auf Rädern. Für 1300 Franken monatlich gibt es ein knapp 20 Quadratmeter grosses Haus sowie 5 Quadratmeter Stauraum im alten Gärtnereigebäude.

Geheizt wird mit Pellet- oder Stückholzöfen, jedes Haus hat zudem Solarpanels auf dem Dach. Weiter wird das Regenwasser gesammelt und in einem separaten Sanitärhäuschen gefiltert. «Im Sommer reicht das vermutlich nicht aus, dann liefere ich noch zusätzliches Wasser an», ergänzt Peach Humbel. Das Abwasser fliesst unter der Erde in einen Wassercontainer, der zur Abwasserreinigungsanlage gebracht werden muss.

Bei den meisten Tiny Houses ist bereits klar, wer darin einzieht – das erste Haus ist seit Februar bewohnt. Doch die Siedlung beginnt erst mit ihrer Entwicklung. Manche Häuser erhalten zusätzlich eine Veranda, der ehemalige Zirkuswagen wird innen noch weiter ausgebaut. «Die Leute, die darin wohnen, tüfteln oft auch selber noch weiter rum.»

Dabei haben sie viele Freiheiten. Den Quartierplatz – momentan ist es eher ein Stück Wiese mit einer Feuerschale – können sie beispielsweise selber gestalten. «Man muss da schon etwas der Typ dafür sein», meint Humbel, «andere suchen aber einfach nach einer günstigen und unkomplizierten Wohnform.»

Beim Blick in ein noch unvermietetes Haus fallen viele Ähnlichkeiten zu einer «normalen» Wohnung auf, aber: Jeder Zentimeter wird optimal genutzt. Dieses wurde vom Pfäffiker Tiny-House-Hersteller Teimi Homes gebaut.

Viel Interesse – viele Hürden

Den Traum von einem eigenen Tiny House haben mittlerweile viele Menschen. «Leider bekommen wir oft Anfragen, die unrealistisch sind», sagt Humbel. Denn nur mit dem Kauf eines 20-Quadratmeter-Hauses hat man noch kein neues Eigenheim. «Die grösste Schwierigkeit sind Baubewilligungen und Stellplätze.»

Damit kämpfte auch das Tinybau-Trio. So dauerte es über ein Jahr, bis die drei in Wetzikon das «Go» erhielten. Für Kleinwohnformen gelten in der Schweiz grundsätzlich die gleichen Bestimmungen wie für «normale» Wohngebäude. «Man muss jeweils ein Schlupfloch finden, um diese Vorgaben geschickt anwenden zu können», erklärt Humbel.

Als Beispiel nennt er die Wärmedämmvorschriften: «Ein Tiny House ist viel weniger isoliert. Wir können diese Vorschriften gar nicht einhalten.» Daher brauche es eine Ausnahmebewilligung. «Ich sah schon Energienachweisdokumente für Tiny Houses, die waren mehrere Zentimeter dick.»

Dazu kommt die Suche nach einem geeigneten Stellplatz: Für die meisten Landbesitzer lohnt sich der administrative Aufwand nicht. «Wir erhielten etliche Absagen, bis wir den Standort an der Binzackerstrasse fanden.» Auch in Landwirtschaftszonen seien Tiny Houses grundsätzlich nicht erlaubt.

Humbel sieht vor allem überschüssiges Land von Privatpersonen oder die Zwischennutzung von Brachezonen als Möglichkeiten für Stellplätze. «Man betoniert mit einem Tiny House den Boden nicht zu. In einem halben Tag kann es wieder abtransportiert werden.» Danach könne das Land anderweitig genutzt werden.

Die Nutzung des Areals an der Binzackerstrasse ist vorerst bis September 2028 befristet. Was dann mit den Häuschen auf Rädern geschieht, kann Humbel momentan noch nicht sagen. «Hoffentlich geht es in irgendeiner Form weiter. Ich bin jetzt aber erst mal froh, dass die Siedlung hier steht.»

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