Abo

Gesellschaft

Im Galopp durch den Keller

Der Reitsimulator aus Wetzikon sucht ein neues Zuhause

Doris Wetter bietet seit 2021 Reitstunden auf einem Simulator an. Damit ist jetzt Schluss – und das Plastikpferd soll einen neuen Besitzer finden.

Doris Wetter aus Wetzikon verkauft ihren Reitsimulator.

Foto: Talina Steinmetz

Der Reitsimulator aus Wetzikon sucht ein neues Zuhause

Doris Wetter bietet seit 2021 Reitstunden auf einem Simulator an. Damit ist jetzt Schluss – und das Plastikpferd soll einen neuen Besitzer finden.

Ein Pferd im Keller – das mag wild klingen. Doch genau das hat Doris Wetter bei sich zu Hause in Wetzikon.

Seit 2021 bietet die jetzt 63-Jährige Reitstunden auf dem Reitsimulator an, der genau wie ein echtes Pferd laufen, traben und galoppieren kann. Auf dem Rücken des maschinellen Vierbeiners kann man durch eine digitale Welt, so beispielsweise durch den Wald oder am Strand entlang reiten, oder im Viereck bestimmte Übungen verinnerlichen.

Obwohl sie die Arbeit liebt, sucht sie nun aber nach einem neuen Zuhause für das Pferd ohne Beine: «Aus gesundheitlichen Gründen und weil ich mich auf anderes konzentrieren will, möchte ich den Simulator weitergeben», sagt die Wetzikerin.

Für 56’500 Franken – verhandelbar – kann man Besitzer des Simulators werden. Wetter gibt das Gerät inklusive aller Gadgets ab. Zugehörig sind nicht nur Leinwand, Beamer und Programme, sondern auch Aufstieghilfe, Sattel und Zaumzeug des Plastikpferds.

Vom Kind bis zum 84-Jährigen

Geeignet ist der schwarze Hengst prinzipiell für jede reitbegeisterte Person. Doris Wetter hat damit zwar Teile ihres Unterhalts verdient, der Simulator ist aber durchaus auch für den privaten Gebrauch denkbar. «Die Nutzung kann an persönliche Bedürfnisse angepasst werden», sagt sie.

Wahrscheinlicher sieht sie aber die Weiterführung als kommerzielles Projekt. «Ich würde mir wünschen, der Simulator geht an jemanden, der meine Arbeit, oder zumindest einen Teil davon, weiterführen will», erzählt die 63-Jährige.

Seit sie den Simulator besitzt, hat Doris Wetter regelmässig Reitstunden angeboten. Und das für ein breites Klientel: Sowohl Kinder, die zum ersten Mal in sicherer Umgebung und ohne Risiko auf dem Rücken eines Pferdes sitzen wollen, als auch ältere Menschen, die fit bleiben möchten, haben ihre Dienstleistung in Anspruch genommen.

«Ich hatte mal einen 84-Jährigen, der sich im Sattel wohlfühlen wollte, um mit seiner Enkelin einen Ausritt zu machen», erzählt sie mit einem Lächeln.

Die nötige Feinfühligkeit

Vor allem aber wurde der Simulator zu Analysezwecken und zur Traumabewältigung genutzt. «Viele Kundinnen und Kunden versuchen herauszufinden, warum ihr ‹echtes› Pferd Probleme macht. Die Sensoren am Simulator zeigen oftmals sehr genau, wo der Schuh drückt.»

Des Weiteren helfe der Simulator dabei, sich wieder an das Reiten zu gewöhnen – so etwa nach einem Sturz oder einem anderen Vorfall. «Ich hatte schon Kunden auf dem Pferd, die gefühlt 45 Minuten nicht geatmet haben», berichtet Wetter. «Es mag für Aussenstehende komisch klingen, aber viele Reiterinnen und Reiter haben auf dem Plastikpferd wieder Vertrauen in sich und den Reitsport gefunden.»

Man sieht ein Plastikpferd vor einer Leinwand, auf der eine Reitlandschaft abgebildet ist.
Auf dem Rücken des schwarzen Hengstes haben viele Kundinnen und Kunden von Doris Wetter wieder Vertrauen gefunden.

Falls der neue Besitzer oder die neue Besitzerin diese Dienstleistung würde weiterführen wollen, könnte Wetter gerne ihre bisherigen Kunden informieren. «Ich glaube, viele begrüssen die Möglichkeit, weiterhin Reitstunden auf dem Simulator in Anspruch nehmen zu können.»

Sollte das dem Wunsch des neuen «Pferdehalters» entsprechen, wünscht sie sich jemanden mit dem nötigen Einfühlungsvermögen. «Wenn jemand mit einem Trauma kommt, braucht es Verständnis.» Reiterfahrung brauche man für die Weiterführung ihres Angebots auf jeden Fall – ansonsten würde es schwierig, Körperstellung und Verhalten auf dem Simulator zu interpretieren. So hat Doris Wetter beispielsweise lange auf einem Hof gelebt und teilweise bis zu fünf Pferde unterhalten.

Ein letzter Ritt

Der Simulator steht ab sofort zum Verkauf bereit und kann mittels regulärem Pferdetransporter aus dem Raum in Wetzikon transportiert werden. Wetter wird wehmütig, wenn sie darüber nachdenkt. «Er war ein grosser Teil meines Lebens», sagt sie.

Jetzt will sie sich mehr ihrer Familie widmen, so beispielsweise ihrer kleinen Enkelin. Gleichzeitig soll der Simulator andere Reitfans begeistern und «sicherlich nicht» in Wetzikon verstauben. Es ist ein zweischneidiges Schwert, die Abgabe des schwarzen Hengstes.

«Doch wenn ich einen neuen Besitzer finde, der genauso Freude hat wie ich und meine Kundschaft, bin ich zufrieden», sagt sie bestimmt. Und sicher ist: «Bevor der Simulator meine vier Wände verlässt, reite ich nochmal durch den digitalen Wald.»

Haben Sie Interesse?

Wer sich gut vorstellen kann, dem Simulator ein neues Zuhause zu geben, kann sich gerne bei Doris Wetter direkt melden. Die Wetzikerin ist über ihre Website unter reitsimulator-swiss.ch gut erreichbar.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.