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Zivilgesellschaftliches Engagement

Migrantenvereine im Oberland: Zwischen Auflösung und Aufbruch

Rückkehr in die alte Heimat, Überalterung, Mitgliedermangel: Manche Migrantenvereine in der Region stehen vor ihrem Ende, andere sind erfolgreich. Eine Spurensuche.

Eine Erinnerung an eine längst vergangene Zeit: die Gründungsmitglieder der Avis-Sektion Uster im Jahre 1979.

Foto: Avis Uster

Migrantenvereine im Oberland: Zwischen Auflösung und Aufbruch

Zivilgesellschaftliches Engagement

Rückkehr in die alte Heimat, Überalterung, Mitgliedermangel: Manche Migrantenvereine in der Region stehen vor ihrem Ende, andere sind erfolgreich. Eine Spurensuche.

In der Schweiz gibt es heute schätzungsweise rund 100’000 Vereine. Egal, ob grosser Sportverein, nachdenklicher Buchclub oder eine Vereinigung für den Schutz von Gartenzwergen – in der Schweiz scheint es keinen Themenbereich zu geben, der nicht in irgendeiner Form durch einen Verein abgedeckt wäre.

Eine eigene Subkategorie im Cluster des Sozialengagements bilden die Migrantenvereine, welche von Einwanderern aus unterschiedlichen Motiven gegründet worden waren. Häufig erfüllen sie eine zentrale Funktion bei der Integration von Immigranten in die Schweizer Gesellschaft. Doch nicht immer haben sie Bestand.

Ein Beispiel für einen solchen Verein war die Vereinigung der italienischen Blutspender von Uster, welche dem italienischen Dachverband Avis angehörte. Der Verein löste sich Ende 2024 nach 48 Jahren auf. Der Grund: Mitgliedermangel.

Wir haben während der Vereinszeit Tausende Blutspenden gesammelt und 38 Konzerte organisiert.

Vittorino Marsetti, Gründungsmitglied Avis-Sektion Uster

Vittorino Marsetti war bereits bei der Gründung der Vereinigung im Jahr 1976 dabei. Er hat alle Hochs und Tiefs des Migrantenvereins erlebt, von der ersten bis zur letzten Sitzung hat er sich engagiert. Er erzählt die Geschichte des Vereins mit einem lachenden und einem weinenden Auge. «Wir haben während der Vereinszeit Tausende Blutspenden gesammelt und 38 Konzerte organisiert.»

Blutspendekultur ins Zürcher Oberland gebracht

In Italien gibt es seit beinahe hundert Jahren einen grossen Blutspendeverein. Diese Kultur wurde von Mitgliedern bei der Einwanderungsbewegung in den 1970er Jahren in die Schweiz importiert. Marsetti und seinen Kollegen kam die Idee zur Vereinsgründung nach zwei Blutspenden des italienischen Dachvereins in Uster.

Durch Teilnahme an verschiedenen Festen mit einer eigenen Gastroküche – angeboten wurde jeweils Pizza und Pasta – zeigte der Verein Präsenz in Uster. Auch durch italienische Konzertvorführungen liess der Verein immer wieder von sich hören. Für seine Mitglieder organisierte er zudem regelmässige Reisen nach Italien.

Er setzte bewusst auf ein Transnationalitäten-Modell: «Viele unserer Mitglieder waren Schweizer Bürger. Sehr viele schätzten unsere Gemeinschaft. In den Vereinsstatuten steht klar, dass es keine Unterschiede hinsichtlich Nationalität, Religion oder politischer Ansichten geben darf», beteuert Marsetti.

Und dennoch ist nun Schluss. «Lange war es gut gegangen, doch inzwischen sind rund 80 Prozent unserer ehemaligen Mitglieder nach Italien zurückgekehrt. Und die neue Generation hat kein Interesse an einem solchen Verein, sie ist anderswo involviert», sagt Marsetti etwas frustriert. Die Menschen seien bereit gewesen, Blut zu spenden, aber nicht unentgeltlich bei anderen Aktivitäten mitzuarbeiten. Vor allem wollte niemand neue Verpflichtungen übernehmen, da viele im beruflichen oder familiären Leben bereits voll ausgelastet waren.

Ein langsamer, aber stetiger Untergang

Die Rückkehr und Überalterung ehemaliger Mitglieder sei nicht das einzige Problem neuerer Zeit für den Verein gewesen: In den letzten zehn Jahren habe der Verein immer mehr seine Präsenz zurückgefahren, nicht mehr an Festen teilgenommen und die Konzertreihe «Un palco all’opera» eingestellt.

Das Team vom AVIS Uster bietet am Stadtfest 2011 feine Pizzas an.
Ein Blick in die Backstube: Mitglieder des Avis Uster backen Pizza am Stadtfest Uster 2011.

Dies alles taten sie freilich nicht freiwillig. Auf seiner Website erklärt der Verein unter anderem seinen Ausstieg am Beispiel des Ustermer Stadtfests 2015: Die zunehmende Professionalisierung in der Gastronomie machte es dem Verein schwierig, mit dem neuen Niveau mitzuhalten. Er sah den Zweck des Stadtfests verloren: «Es bleibt zwar ein wunderbares Dorffest mit tollen Attraktionen, aber eines, in dem ehrenamtliche Vereine keinen Platz mehr haben.»

Der Islam als Leitfaden einer jungen Generation

Ein weiterer Migrantenverein in der Region ist der albanisch-islamische Kulturverein (AIKV) aus Wetzikon, der sich hauptsächlich mit der islamischen Religiosität und Kultur beschäftigt. Der AIKV-Vorstand schreibt auf Anfrage: «Aktuell haben wir keine grundsätzlichen Probleme, Mitglieder zu finden.» Der Verein machte zuletzt mit dem Bauprojekt einer neuen Moschee auf sich aufmerksam.

Wir verstehen Religion als verbindendes Element, das über kulturelle Grenzen hinausgeht.

AIKV-Vorstand

Doch warum ist der AIKV im Gegensatz zur italienischen Blutspendevereinigung attraktiv? Der Vorstand argumentiert: «Unsere Moschee versteht sich heute nicht nur als Gebetsort, sondern als regionales Begegnungs- und Kompetenzzentrum. Neben religiösen Angeboten fördern wir interkulturelle Treffen, Bildungsangebote, Jugendprogramme sowie gesellschaftliche Dialoge.» So bliebe man für verschiedene Altersgruppen attraktiv. Zentrales Element sei jedoch der Islam: «Wir verstehen Religion als verbindendes Element, das über kulturelle Grenzen hinausgeht.»

Veränderungen sieht der Verein hauptsächlich in der Digitalisierung und Altersstruktur: «Während früher vor allem die erste Migrantengeneration im Vordergrund stand, legen wir heute einen starken Fokus auf Jugendliche und junge Erwachsene, die hier aufgewachsen sind. Sie bringen neue Perspektiven, Erwartungen und Kompetenzen mit.»

Zivilgesellschaftliches Engagement verändert sich über die Zeit.

Fachstelle für Migrantenvereine

Diese Mischung aus klarer religiöser Linie sowie gezielter Weiterentwicklung und Anpassung an die Erwartungen der hiesigen Migrantengeneration könnte den Erfolg des AIKV erklären.

Engagement verändert sich mit der Zeit

Der Kanton Zürich führt keine systematische Statistik über Migrantenvereine. Die zuständige Fachstelle kann daher nur allgemeine Aussagen zur Thematik liefern: «Zivilgesellschaftliches Engagement verändert sich über die Zeit. In Forschung und Praxis werden unter anderem Generationenwechsel, veränderte Engagementformen, Digitalisierung sowie transnationale Bezüge als mögliche Einflussfaktoren diskutiert.»

Dies stützt sich mit den Beobachtungen von Vittorino Marsetti: Viele Vereine wurden von der ersten Generation gegründet. Die zweite oder dritte Generation fühlt sich oft stärker verankert und engagiert sich eher in Schweizer Vereinen oder hat weniger expliziten Bedarf nach ethnischen Strukturen. Das Verschwinden von Migrantenvereinen könnte somit nicht als Verlust, sondern als Erfolg von Integration verstanden werden.

In den letzten 50 Jahren hat sich auch das Lebensmodell vieler Menschen verändert, wie aus einer Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) hervorgeht. Heute pendeln die Menschen mehr zwischen der Schweiz und ihrem Heimatland, was die kontinuierliche Vereinsarbeit vor Ort erschwert.

Die Fachstelle für Migrantenvereine sieht noch weitere Gründe: «Wir beobachten, dass sich Engagementformen pluralisieren – beispielsweise durch themenbezogene Initiativen oder digitale Netzwerke. Daraus kann jedoch nicht auf ein generelles ‹Verschwinden› der Vereine geschlossen werden.»

Auffällige regionale Cluster

Damit Migrantenvereine dennoch sichtbar bleiben, betreibt der Kanton Zürich eine entsprechende Online-Plattform. Diese bietet zwar keine vollständige Auflistung aller Migrantenvereine, sie gibt jedoch einen guten Überblick.

So lässt sich beispielsweise herauslesen, in welchen Regionen wie viele Migrantenvereine bestehen. Für das Zürcher Oberland sind im Bezirk Uster 17, im Bezirk Hinwil 7 und im Bezirk Pfäffikon sogar nur 2 Vereine registriert. Es scheint also einen Zusammenhang zwischen dem urbanen Grad der Region und der Ausbreitung von Migrantenvereinen zu geben.

Auffallend sind auf der Plattform zudem die vielen türkischen Vereine, welche – wie der AIKV – alle einen starken religiösen Bezug zum Islam aufweisen. In Uster sind ausserdem überdurchschnittlich viele italienische Migrantenvereine aktiv. Ob ein Überangebot zum Verschwinden der Ustermer Avis-Sektion geführt hat?

Vittorino Marsetti relativiert: «Die Zusammenarbeit zwischen den Vereinen war immer vorhanden. In der Regel waren unsere Mitglieder auch Mitglieder anderer Vereine. Aber jede Organisation verfolgte den Zweck, für den sie gegründet worden war.»

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