Wenn das Leben aus den Fugen gerät
Mobbing, Schwierigkeiten in der Ausbildung, falscher Freund: In Julia Rochats Leben lief vieles irgendwie schief. Sich professionelle Hilfe zu holen, kostete sie Überwindung. Heute weiss die Oberländerin, dass sie kein Einzelfall ist.
An diesem Donnerstagnachmittag fegt der Herbststurm durchs Oberland. Julia Rochat, die eigentlich anders heisst, scheint davon unbeirrt. Ihr Gesicht strahlt Offenheit aus, ihr Lächeln erscheint herzlich und echt. Ihr gepflegtes Erscheinungsbild unterstreicht ihren «aufgeräumten» Eindruck.
Doch als die 25-Jährige über ihre Vergangenheit spricht, verdüstert sich ihre Miene, und ihr Blick wird traurig. Was sie erzählt, geht unter die Haut.
Ohne ins Detail zu gehen: Rochat hatte eine turbulente Kindheit. Sie kämpfte mit psychischen Problemen. Mit Mobbing. Mit Traumata. Mit einer toxischen Beziehung. Und mit der Herausforderung, mit einer Diagnose umzugehen.
Sie fühlte sich unverstanden und «falsch»
Von ihrem zehnten Lebensjahr an besuchte die Oberländerin eine Heilpädagogische Schule. In dieser Institution können Jugendliche bei Bedarf bis zu ihrem 20. Lebensjahr lernen.
Doch mit 17 Jahren wollte Julia Rochat nicht mehr die Schulbank drücken. Sie entschied sich für eine Praktische Ausbildung (PrA) in der Hauswirtschaft.
Dieser Grundausbildung hängte sie eine zweijährige EBA-Lehre auf dem zweiten Arbeitsmarkt als Coiffeuse an. Allerdings lief es dort nicht gerade glatt. «Schon nach einem Jahr hätte ich die Lehre am liebsten abgebrochen», erinnert sich die junge Frau. Sie hatte im Lehrbetrieb mit viel Gegenwind und fehlender Unterstützung zu kämpfen.
Dass sie trotzdem durchgehalten hat, erfüllt sie heute mit Stolz: «Meine Mutter hat mir beigebracht, etwas Angefangenes immer zu Ende zu bringen.»
Der Lehrabschluss war geschafft – doch die Motivation für die Stellensuche liess zu wünschen übrig. Suchen, ohne wirklich zu wissen, wofür der Einsatz erfolgen soll. In dieser Situation des Antriebsmangels steckt Rochat nicht allein.
Das bestätigt auch Roni Fruman, Leiter der Beratungsstelle für Jugendliche und junge Erwachsene in Pfäffikon. «Zahlreiche junge Erwachsene verlieren durch Enttäuschungen, schwierige Entscheidungen oder unvorhergesehene Wendungen im Leben nicht nur ihre angestrebten Ziele aus den Augen, sondern schliesslich auch jegliche Motivation.»
Sozialdienst als grosse Stütze
Frumans kostenlose Beratungsstelle Nextstep ist Teil des Sozialdiensts Bezirk Pfäffikon und ein Pilotprojekt. Im September 2026 entscheiden die Stimmberechtigten des Bezirks endgültig über dessen Zukunft. «Ich helfe jungen Menschen, aus ihrer Aussichtslosigkeit in eine echte Perspektive zu kommen», erzählt der Sozialpädagoge, Kunsttherapeut und psychologische Berater.
Das kostenlose und niederschwellige Angebot setzt dort an, wo noch nicht zig Stellen involviert sind. «Die jungen Menschen sollten unterstützt werden, bevor sie in den Mühlen von Ämtern und Beistandschaft landen», ist er überzeugt. Das würde persönliche Leidensgeschichten und langjährige Sozialfälle verhindern.
«Ich setze kleine, erreichbare Ziele, sodass die Betroffenen schnell erste Erfolge erleben», erklärt er seine Vorgehensweise. Das brauche zwar seine Zeit, wirke dafür langfristig und nachhaltig. Fruman findet es erstaunlich, wie wenig es oft braucht, um Negativspiralen zu durchbrechen. «Wenn eine Person dann von sich aus überzeugt ist, ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen, habe ich einen guten Job gemacht.»
Mut und Zuversicht
Tatsächlich scheint auch bei Julia Rochat die Beratung durch Roni Fruman einen Wendepunkt in ihr Leben gebracht zu haben. Im Gespräch wirkt es, als ob sie sich mit ihrer Vergangenheit ausgesöhnt und die Motivation gefunden hat, dranzubleiben. Aktuell sucht sie eine Stelle im Detailhandel oder im Service. Zwar sagt sie: «Die vielen Bewerbungsabsagen frustrieren mich.»
Dennoch verspüre sie zum ersten Mal seit langer Zeit einen Funken Hoffnung und Zuversicht. «Endlich habe ich das Gefühl, wieder so etwas wie Kontrolle über mein Leben zu haben.»
Gefühl der Verbundenheit
Während ihrer Therapien fand sie in einer bestimmten Erkenntnis besonderen Halt: «Die Gewissheit, dass andere Ähnliches erleben, schafft ein Gefühl der Verbundenheit und des Trostes.»
Erschreckend ist für Julia Rochat die hohe Dichte an jungen Menschen, die psychologische Hilfe suchen. «Die meisten von ihnen haben Mühe, mit dem unglaublichen Druck umzugehen, den vor allem Gymnasium und Studium, aber auch die Stellensuche mit sich bringen.» Entsprechend musste auch sie feststellen, dass die Institutionen momentan überlastet sind: «Auch wenn man als Notfall gilt, gibt es noch Wartezeiten.»
Gefragt nach ihren Träumen für die Zukunft, hat die 25-Jährige schon konkrete Vorstellungen: «Eine EFZ-Lehre im Detailhandel machen und mich irgendwann zur Filialleiterin hocharbeiten.» Mit dem Ziel, sich später einmal selbständig zu machen. Mit einem Laden oder auch einem eigenen Klub oder einer Bar. «Einen Barkeeper-Kurs habe ich schon gemacht», erzählt sie strahlend. Sobald ihre finanziellen Mittel es ermöglichen, möchte sie einem Hobby nachgehen, «Fussball würde mich reizen».
Wer weiss – vielleicht erfüllt sich sogar ihr Kindheitstraum. «Schon seit meinem zehnten Lebensjahr will ich Kriminalpolizistin werden.» Die junge Frau betont, dass ihre schwierigen Erlebnisse die positive Einstellung zur Polizei nur noch verstärkt hätten: «Sie hat mir immer wieder geholfen.» Genau diese Erfahrung möchte sie, die bereits in jungen Jahren so viel durchgemacht hat, an andere weitergeben.
Goldene Regeln
Im Lauf der Jahre hat Julia Rochat wertvolle Erkenntnisse gesammelt. Die drei wichtigsten möchte sie mit Menschen in ähnlichen Situationen teilen:
Hilfe annehmen! Auch wenn es schwerfällt.
Nicht aufgeben! Egal, wie unmöglich etwas scheint.
Nach vorn schauen! Egal, was früher war – das Jetzt ist wichtig. (ks)
