Ein letztes Mal Zeitungsbündeli-Weitwurf in Dübendorf
Vereine ausgeschlossen
Dübendorfer Vereine dürfen künftig nicht mehr Altpapier einsammeln. Auf der letzten Tour hatte der Turnverein noch mal Gelegenheit dazu: Erinnerungen an eine Zeit mit verruchter Lektüre – und ohne Sicherheitsvorschriften.
Fast ausnahmslos kommen die Sportlerinnen und Sportler des Turnvereins Dübendorf frühmorgens mit dem Velo auf das Areal der Recyclingfirma Loacker gefahren. Hierher wollen sie an diesem Samstag das Altpapier bringen, das die Einwohner die letzten fünf Wochen gesammelt und heute vor die Haustür gestellt haben. Die freiwilligen Helfer tun dies das letzte Mal.
Denn die Stadt Dübendorf verzichtet darauf, weiterhin Vereine für diese Arbeit aufzubieten (wir berichteten). Ab kommendem Jahr übernimmt eine professionelle Firma das Einsammeln. Wegen der schwindenden Papiermenge, die an die Strassen gestellt wird, lohne sich der Aufwand für die Vereine nicht mehr. Sammeltage werden künftig nur noch alle zwei Monate statt wie bisher monatlich durchgeführt.
120 Franken pro Tonne bekommen die Männerriege und Volley Dübi, die beide Teil des Turnvereins sind. Heute dabei sind 16 Männer und eine Frau, um die Routen mit drei Kehrichtfahrzeugen und drei Lieferwagen abzufahren.
Mit 82 geschmeidig wie ein Jüngling
Leiter der Papiersammlung ist Marc Daume, der bereits mit Gipfeli und einer grossen Thermoskanne angereist ist. «Wer schon einen Kaffee braucht, bediene sich. Er ist heute stark.»
Er zeigt einem Team auf einer ausgedruckten Karte das zugewiesene Gebiet. Daume ermahnt: «Nicht auf der Ladefläche herumstehen und nicht überladen. Und denkt an das Netz, um die Ladung zu sichern.» Worauf einer aus der Runde grinsend meint: «Es ist das letzte Mal. Wir können machen, was wir wollen.»
Von solch anarchistischen Ideen halten Thomas Kuhn und Emil Hilber wenig. Sie ziehen sich die hellblauen Leuchtwesten mit den Emblemen des Turnvereins, der Männerriege und von Volley Dübi an und fahren los in Richtung Stettbach. Dort angekommen, bewegen sie den Lkw langsam durch die engen Strassen des Dübendorfer Ortsteils, um auch sicher kein Papierbündeli zu verpassen.
Hilber sichtet das erste Bündeli, springt aus dem Fahrzeug und kümmert sich darum. Zu Fuss jagt er die Strasse hinauf und wirft Zeitungspakete auf die Ladefläche. Emil Hilber erledigt die Arbeit mit der Geschmeidigkeit eines Jünglings – dabei ist der Mann 82 Jahre alt.
Manche Zeitungen sind akribisch und sogar mit schmucker Kordel verschnürt und liegen bündig wie mit der Wasserwaage ausgelotet übereinander. Andere Bündel fallen beinahe auseinander und sind mit Papiersäcken oder gar Büchern gespickt. Beides gehört eigentlich nicht in die Papiersammlung.
Als die beiden mit dem Fahrzeug den letzten Hinterhof in Stettbach abgegrast haben, bleibt noch ordentlich Platz für Papier auf der Pritsche. Auch die grossen Gewerbehäuser wie die Eventlocation The Hall helfen nicht dabei, die Vereinskasse mit zusätzlichem Papier aufzubessern.
Zeiten mit Sexheftli
«Etwas mager», ist denn auch der Kommentar von Marc Daume, der in der Recyclingfirma den zurückgekehrten Lieferwagen erfasst. Das Abladen übernehmen die Vereinsmitglieder Kuhn und Hilber zusammen mit einem Loacker-Mitarbeiter. Am Fuss eines riesigen Papierbergs deponieren sie das Häufchen aus Stettbach. Das Vorher-und-nachher-Wiegen des Lieferwagens bringt das Ergebnis zutage: 400 Kilogramm Papier.
Es war nicht ungewöhnlich, dass wir das Fahrzeug ab und zu überladen haben.
Marc Daume
Turnvereinsmitglied und langjähriger Papiersammler
Marc Daume hat den generellen Rückgang der Zeitungsbündeli im Lauf der Jahre hautnah miterlebt. Schliesslich ist der 55-Jährige einer der Veteranen des Papiersammelns. Bereits als 18-Jähriger lupfte er als junges Mitglied des Turnvereins in Dübendorf die Bündeli von der Strasse auf die Pritschen der Lieferwagen. Zu zweit oder zu dritt seien sie damals auf den Ladeflächen der kleinen Lastwagen gesessen, um die kurzen Strecken von einem Zeitungshaufen zum nächsten abzufahren.
«Es war nicht ungewöhnlich, dass wir das Fahrzeug ab und zu überladen haben und dann und wann ein Bündeli herunterfiel.» Früher brachten die Vereine das Papier noch zum Bahnhof Dübendorf, wo Helfer das Sammelgut direkt in einen Eisenbahnwagen warfen. Doch nicht alle Magazine und Zeitschriften schafften den Weg ins Recycling. Einige wurden abgegriffen. «Sexheftli waren sehr beliebt», sagt Daume. «Heute gibt es die nicht mehr – alles digital.»
Die Papiermengen der letzten gut 30 Jahre hat Daume akribisch erfasst: Am meisten Papier warf eine Sammlung im Jahr 1998 ab. Auf dem Gebiet südlich der Glatt, was etwa der Hälfte Dübendorfs entspricht, hat der Verein knapp 80 Tonnen Papier gesammelt. Den Negativrekord verbuchte Daume im vergangenen August, als auf drei Vierteln des Stadtgebiets nur gerade 13,4 Tonnen zusammenkamen.
Papier gibts bei den Alteingesessenen
Mit gemischten Gefühlen macht sich Männerriege-Präsident Patrick Schärli auf die letzte Tour. «Es ist schade, aber ein nachvollziehbarer Schritt der Stadt.»
Je mehr Alteingesessene, desto mehr Papier.
Patrick Schärli
Präsident Männerriege Dübendorf
Der Mitte-Gemeinderat hat soeben zusammen mit Werner Aebli und Fahrer Ignaz Lombris eine volle Lieferwagenladung Papier abgegeben. Auf ihrer Runde haben sie ein Dankesschreiben und Schokolade von einer Familie Amstutz bekommen.
Ihr Gebiet umfasst das Gfenn, von wo aus sie weiter entlang dem Flugplatz fahren. Im Gebiet zwischen Birkenweg, Rotbuchstrasse, Chaletstrasse und Alpenstrasse wartet reichlich Beute auf die drei Sammler. «Je mehr Alteingesessene, desto mehr Papier», sagt Schärli.
An diesem Morgen ist auch Stadtrat Dominic Müller (Die Mitte) anzutreffen. Schärli begrüsst ihn und fragt: «Hast du kein Papier für uns?» Er habe es zum Haufen des Nachbarn gelegt, sagt Müller, und: «Danke für euren Einsatz.»
Ein paar Tonnen zum Abschluss
Der hat sich gelohnt: Über eine Tonne Papier bringen die drei zur Sammelstelle zurück. Patrick Schärli will nun eine Papiersammelfirma gründen. Mit der könne er ein «Retro-Vereinspapiersammeln» einführen. Ein Witz, den er seinen Männerriege-Gspänli erzählt.
Doch auch mit der Abschaffung des Papiersammelns durch Vereine wird den Mitgliedern die Arbeit nicht ausgehen. Wöchentlich dürfen sie künftig drei statt zwei Personen für den samstäglichen Dienst in der Hauptsammelstelle beschäftigen. Damit steigen auch die Vereinseinnahmen von 1000 auf 1500 Franken pro Einsatz.
Bei der Dernière hat der Turnverein auf drei Vierteln des Stadtgebiets immerhin noch mal 22,1 Tonnen Papier eingesammelt, was 2652 Franken in die Vereinskasse spült. Ein Teil davon wird allerdings bereits am selben Tag wieder für das traditionelle Mittagessen nach getaner Arbeit investiert.