Hinter den zwölf Dübendorfer Samichläusen steht eine Frau
Sie bestimmt in der Männerdomäne
Zahlreiche Samichläuse besuchen aktuell rund 100 Familien in und um Dübendorf. Das zu koordinieren, ist eine beträchtliche Organisationsaufgabe – geschultert von einer einzigen Frau. Ein Blick hinter die Kulissen offenbart, wie viel Arbeit hinter der Tradition steckt.
«Der Samichlaus-Virus ist ansteckend, aber nicht gefährlich», sagt Cornelia Schwarz-Nigg. Sie ist stolz auf diesen Spruch, wie ihr Lächeln verrät. 1982 hat sie sich bei der Gründung der St.-Nikolaus-Gesellschaft Dübendorf damit infiziert, seit 16 Jahren ist sie nun Präsidentin des Vereins.
Bereits in ihrem ersten Amtsjahr konnte sie einen Samichlaus-Einzug zusammen mit der St.-Nikolaus-Gesellschaft Zürich organisieren. «Das hat mich mit Freude erfüllt, denn weibliche Präsidenten gab es zu dieser Zeit im Kanton noch keine», erklärt Schwarz-Nigg.
Auch wenn in Dübendorf nur Männer als Samichlaus und Schmutzli walten dürfen und die Präsidien eine Männerdomäne sind, sind viele Frauen Teil des Vereins mit 70 Mitgliedern. Sie helfen wie auch die Männer ehrenamtlich als Fahrerinnen, liebevoll «Eseli» genannt, Köchinnen («Küchenfeen»), Hüterinnen für die Gewänder («Hudeli») oder verpacken Geschenksäckli.
Organisation ist eine Einpersonenshow
Die Organisation dieser gemeinsamen Arbeit aber, «die mache vor allem ich», so Schwarz-Nigg. Während des ganzen Kalenderjahrs nimmt sie Anmeldungen für Samichlaus-Besuche entgegen. Richtig los geht es dann ab Oktober: Sie kontaktiert die Mitglieder, teilt sie je nach deren Verfügbarkeit in Teams ein, fixiert Daten und kümmert sich um die Anmeldungen der Familien.
Die Arztpraxismitarbeitende investiert zahlreiche Stunden pro Woche, telefoniert und beantwortet E-Mails in ihrer Freizeit. Jetzt aber, in der Woche vom St.-Nikolaus-Tag, «kann ich mich zurücklehnen». Nun machen die Samichlaus-Teams die Arbeit: Bis zum Sonntag besuchen sie in Dübendorf und den umliegenden Gemeinden rund 100 Familien, dazu kommen Schul-, Altersheim- und Firmenbesuche sowie mehrere Einzüge.
Das Hauptquartier der St.-Nikolaus-Gesellschaft, das sie «Waldhüsli» nennen, ist die Sanitätshilfsstelle des Bevölkerungsschutzes unter dem Sitz der Glattwerk AG. Hier hat Schwarz-Nigg die Pläne aufgehängt. Von den Besuchszeiten, den Adressen und der Anzahl der Steckbriefe über die zu besuchenden Kinder hat sie alles durchgetaktet. Jetzt leistet sie dem Team Gesellschaft, das sich am Dienstag auf die Familienbesuche vorbereitet.
Adventsstimmung im Bunker
Während sich der Samichlaus und der Schmutzli umziehen, führt Schwarz-Nigg durch die liebevoll eingerichteten Räume: Da stehen mehrere Tische, an denen die Vereinsmitglieder vor und nach den Einsätzen zusammensitzen. «Wir sind wie eine Familie», sagt die Präsidentin. «Mir ist es wichtig, dass die Teams nach den Ausflügen immer ein warmes Essen serviert bekommen und Anekdoten zu den Einsätzen austauschen können.»
Auf den Tischen liegen Mandarinen und Nüsse bereit, an Girlanden hängen Kinderzeichnungen, und überall sind kleine Samichlaus-Figuren im sonst sehr kahlen Bunker zu entdecken.
Der Samichlaus knabbert von einem Fleisch-Käse-Plättli, bevor er sich den Schnauz anklebt. «Das Plättli stellen wir jeweils bereit, damit Samichlaus und Schmutzli nicht der Magen knurrt, während sie bei einer Familie auf Besuch sind», erklärt Schwarz-Nigg.
In den Liegeräumen für verwundete Personen im Fall eines Notfalls werden aktuell Samichlaus- und Schmutzli-Kleider aufbewahrt. Die Gewänder hängen an den Spitalbettgestellen, auf den Matratzen liegen die Perücken, Kreuze und Glocken.
«Jeder Samichlaus hat ein auf ihn zugeschnittenes Gewand, eine eigene Perücke und einen angepassten Kopfschmuck», so Schwarz-Nigg. «Dass die Mitra, wie der Kopfschmuck heisst, gut passt, ist besonders wichtig: Sonst rutscht dem Samichlaus der Hut über die Augen, während er mit den Kindern spricht.»
Die Gewänder kosten bei einer Neuanschaffung 800, die Perücken aus Büffelhaar 700 Franken. «Weil sie so wertvoll sind, geben wir sehr viel Sorge dazu. Einige der Gewänder sind zwischen 30 und 40 Jahre alt», so Schwarz-Nigg. Haben sie Löcher, werden diese geflickt. Die Perücken werden einmal im Jahr von einem spezialisierten Coiffeur gepflegt und frisiert.
Alles für die Tradition
Nachdem sich das Samichlaus-Schmutzli-Team angezogen und besprochen hat, macht es sich auf den Weg zu den Familien. Dass sie als Präsidentin nicht dabei sein kann, stört Schwarz-Nigg nicht. «Ich bin bei allen Einzügen dabei, und manchmal stellen mich die Teams als Bauernfrau oder Eselhalterin vor und nehmen mich mit.»
Auf diese Weise bekommt sie die Reaktionen auf die Tradition mit, für die sie so viel Zeit investiert. «Ich liebe es, die leuchtenden Augen der Kinder zu sehen», meint Schwarz-Nigg. «Aber auch die Begeisterung der Eltern oder Senioren bedeutet mir sehr viel, wenn sie sich an ihre Kindheit erinnern.» Von der Bevölkerung kämen den Teams sehr viel Dankbarkeit und Respekt entgegen.
Vom medial viel diskutierten Samichlaus-Sterben spürt die Präsidentin nichts. «Während der Corona-Pandemie hat sich unser Netzwerk aus Familien, die wir regelmässig besuchen, etwas ausgedünnt», sagt sie. In den vergangenen Jahren hätten sie dieses aber langsam wieder auf Prä-Pandemie-Niveau gebracht. «Ich muss halt einfach immer dranbleiben …»