So hart trifft die Vogelgrippe die Hobby-Geflügelzüchter
Züchter aus Bisikon nimmt Stellung
Der Verein Kleintiere Schweiz hat seit 2022 fast die Hälfte seiner Geflügelhalter verloren. «Sie wollten ihren Tieren nicht mehr zumuten, monatelang unter Hausarrest gestellt zu werden», sagt Präsident Urs Weiss aus Bisikon.
Besorgniserregend. Es sei einfach nur besorgniserregend. Urs Weiss ist Präsident des Vereins Kleintiere Schweiz. Und damit der oberste Hobby-Geflügelzüchter im Land. Ende letzter Woche war bekannt geworden, dass nach Bern nun auch der Kanton Zürich seinen ersten Vogelgrippefall hat. Eine Graugans, gefunden in Männedorf. «Es handelt sich um die hochansteckende Variante des Vogelgrippe-Virus H5N1», schreibt das Zürcher Veterinäramt.
Was Weiss umtreibt, sind jedoch nicht die beiden Vogelgrippefälle – «die waren mit den Vogelzügen im Herbst zu erwarten». Seine Sorge gilt vielmehr der Frage, ob nun noch mehr Vereinsmitglieder ihr Hobby an den Nagel hängen. 2022 zählte Kleintiere Schweiz beim Rassegeflügel rund 3500 Mitglieder. Heute sind es noch knapp 1950. «Die meisten haben nicht aus Angst vor dem Virus das Handtuch geworfen», sagt er. «Sie wollten ihren Tieren nicht mehr zumuten, wieder monatelang Hausarrest zu bekommen.»
Beobachtungszonen entlang der kantonalen Gewässer
Hausarrest gilt aktuell auch rund um den Fundort in Männedorf. In einem Radius von drei Kilometern muss das dortige Geflügel während 30 Tagen in geschlossenen und überdachten Räumlichkeiten gehalten werden. In den sogenannten Beobachtungszonen, drei Kilometer breite Streifen entlang von Zürich-, Greifen- und Pfäffikersee, Limmat und Rhein, müssen die Halter sicherstellen, dass ihre Hühner, Enten und Gänse keinen Kontakt zu Wildvögeln haben.
Dazu reicht im Prinzip ein feinmaschiges Netz, Freigang ist aber trotzdem verboten. Anders als in den letzten Jahren gelten die Massnahmen in den Beobachtungszonen diesen Herbst erst ab 50 Exemplaren.
Urs Weiss würde mit seinen 48 Tieren «haarscharf schlüfe», wie er es nennt. Er züchtet in Bisikon, einer Aussenwacht von Illnau-Effretikon, Zwerg-Cochins-Hühner. Daneben hält er Pommernenten. Seine Hühnerhäuser verfügen jeweils über einen kleinen Wintergarten, einen gedeckten, mit Maschendraht versehenen Aussenbereich.
«Bei widrigen Witterungsverhältnissen mag das ein Weilchen funktionieren. Aber irgendwann gehen die Hühner aufeinander los.» Seine Enten tierschutzkonform einzusperren, sei hingegen fast nicht umsetzbar. «Wassergeflügel braucht zwingend eine Badegelegenheit.»

Geben Züchterinnen und Züchter auf, werde das zum Problem für den Rassenerhalt. «Eine genetische Variabilität innerhalb der Arten ist extrem wichtig, um eine Inzuchtdepression zu vermeiden.» Das gelte besonders für Pro-Specie-Rara-Sorten wie das Appenzeller Barthuhn, das Schweizerhuhn oder die Diepholzer Gans. Aber auch für Rassen wie das Amrock-Huhn aus den USA oder Sussex aus England, die beide seit über 100 Jahren in der Schweiz gezüchtet werden.
Ausstellungen sorgen für Einhalt der Rassenstandards
Eine wesentliche Rolle spielen die Kleintierausstellungen, die aktuell vielerorts stattfinden. Fachleute beurteilen dort, ob die Tiere den Rassenstandards entsprechen und beispielsweise keine Übertypisierung – also keine übermässige Veränderung von Merkmalen durch selektive Zucht – besteht. «Können diese Jurierungen nicht stattfinden, ist das für die Zucht ein Debakel», sagt Weiss.

An den Ausstellungen werden aber nicht nur der schönste Güggel, die schönste Ente gekürt, sie seien auch eine Chance, der Bevölkerung die Tiere näherzubringen. «Viele entfernen sich immer mehr von der Landwirtschaft und der Tierhaltung. Oft wissen sie nicht mehr, was es nur schon bei den Hühnern an Varietäten gibt.» In dieser gesellschaftlichen Entwicklung sieht Weiss noch ein weiteres Problem: «Züchten heisst Selektieren und Selektieren heisst Töten. Auch darüber können wir an den Ausstellungen aufklären.»
Der Veranstaltungskalender von Kleintiere Schweiz ist gut gefüllt. Allein dieses Wochenende finden drei Ausstellungen statt, in Weisslingen, Rorschacherberg und Saignelégier. Es sei denn, das Vogelgrippe-Virus macht den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung.
Mit Schaudern erinnert sich Urs Weiss an die Absage der nationalen Geflügelschau in Winterthur vor vier Jahren. 400 Züchter aus der ganzen Schweiz mussten mit ihren Tieren zu Hause bleiben. Ein Jahr zuvor war die Ausstellung ebenfalls ins Wasser gefallen – wegen Corona.
