Mut, Wille und Schönheit – Ukrainerin startet in Uster durch
Mit dem russischen Angriffskrieg kam die Angst um ihre Familie – und der Wunsch nach Sicherheit. Heute betreibt Alyona Muzalova ihr eigenes Beauty-Studio in Uster. Und lebt nach wie vor in Schwerzenbach, ihrer ersten Schweizer Heimat.
«Meine Mutter, meine damals siebenjährige Tochter und ich wurden aus dem Leben gerissen», erzählt Alyona Muzalova. Bis im März 2022 lebte sie in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine. Wegen des russischen Angriffskriegs konnte sie nicht mehr in ihrer Heimat bleiben und musste eine Entscheidung treffen: «Vor allem für die Zukunft meiner Tochter.»
Wenige Tage nach Kriegsbeginn flüchtete sie mit ihrer Familie. «Wir haben versucht, in der Ukraine zu bleiben. Wir haben drei Tage im Badezimmer geschlafen, die Raketen gehört, die Panzer gesehen.» Da wusste sie – sie kann nicht bleiben.

Heute, gut dreieinhalb Jahre später, hat sie sich ein neues Leben aufgebaut. Sie ist nicht nur sozial, sondern vor allem auch unternehmerisch in ihrer neuen Wahlheimat verankert und führt seit wenigen Monaten ihr eigenes Unternehmen «Muza Studio» für ästhetische Behandlungen in Uster.
Ein Land, das Sicherheit bietet
Heute ist sie froh, dass ihre Flucht sie in die Schweiz führte. Doch das war ursprünglich gar nicht der Plan. «Wir haben einfach alles gepackt, was in unser Auto passte. Der Rest blieb in der Ukraine zurück.» Eigentlich wollte sie nach Spanien zu einer Freundin. Auf dem Weg stoppte sie in Bremgarten bei einer guten Freundin, um sich auszuruhen.
Die sportliche Blondine machte sich eines Morgens auf zu einer Joggingrunde und sah etwas, das sie nachhaltig beeindruckte. «Ich begegnete zwei kleinen Kindern, die sich an den Händen hielten und in der Morgendämmerung ganz allein auf dem Weg in den Kindergarten waren. Da wusste ich: Dieses Land bietet Sicherheit.» Sicherheit – das war das Einzige, was sie in dieser Situation für ihre Familie wollte. Noch heute treibt es ihr die Tränen in die Augen, wenn sie davon spricht.
Das musste ich alles zurücklassen – aber der Durchhaltewillen reiste mit mir in die Schweiz.
Sie blies die Weiterreise nach Spanien ab und suchte nach einer Wohnlösung in der Schweiz. Über Vermittlungskontakte gelangte sie an eine Familie in Schwerzenbach, die bereit war, ukrainische Flüchtlinge aufzunehmen. Fünf Monate waren Muzalova, ihre Mutter und ihre Tochter Teil der Familie, bis sie selbst eine Wohnung fanden. «Eine wunderbare Familie. Sie haben alles mit uns geteilt, uns geholfen, Anschluss zu finden. Wir stehen auch heute, über drei Jahre später, noch mit ihnen in Kontakt.»
Alles, ausser aufgeben
Mit der Flucht in die Schweiz wollte sie ihrer Familie eine Zukunft ermöglichen. Zeitgleich liess sie nicht nur Freunde und Erinnerungen, sondern auch ihre Existenzgrundlage zurück in ihrer Heimat. Während ihre Tochter relativ schnell in die 1. Klasse kam und Anschluss fand, wusste die heute 42-Jährige nicht so recht, was sie mit sich anfangen sollte.
Sie versuchte die ukrainische Community zu unterstützen, plante Konzerte und organisierte Showrooms, in denen sie ukrainische Handwerkskunst anderer Geflüchteter anbot. «Ich wollte eine Brücke zwischen den Ukrainern und den Schweizern schaffen. Doch abgesehen von oberflächlichem Interesse fruchtete das nicht.»

Doch aufgeben, das liegt nicht in Muzalovas Natur. «Ich hatte in der Ukraine mehrere Unternehmen, unter anderem ein Restaurant und eine Näherei, und Dutzende Mitarbeitende. Das musste ich alles zurücklassen – aber der Durchhaltewillen reiste mit mir in die Schweiz.» Also suchte sie nach neuen Möglichkeiten, sich in der Schweiz eine Existenz aufzubauen. Und sie wurde fündig: in der Gesundheits- und Beauty-Branche.
Ein Unternehmen, das verbindet
«Es war skurril für mich, wie das hier funktioniert. Dienstleistung ist in der Ukraine ein grosses Thema – wir arbeiten auch spätabends und sonntags, wenn wir Kunden haben», erklärt sie. In der Schweiz arbeite man streng nach Zeit und Regeln. «Das finde ich zwar gut, aber es ist anders.»
Maniküre, Pediküre, Haarextensions, Massagen, Ernährungsberatung. Kurz: körperliche Ästhetik in ihrer Gesamtheit. «Ich habe kein Unternehmen gefunden, dass das auf einem Dienstleistungslevel verbindet, wie ich es gewohnt war», erklärt Muzalova.
Also nahm sie die Sache selbst in die Hand. Ohne jegliche Vorkenntnisse auf dem Gebiet entschied sie sich, damit ihre Zukunft zu gestalten. Sie absolvierte über ein Jahr lang Kurse und erhielt mehrere Diplome in der Ukraine. «Ich wollte von den dortigen Spezialisten lernen – mit dem Ziel, in der Schweiz meinen eigenen Salon zu eröffnen.»
Schönheit und Selbstfürsorge sind eine universelle Sprache, die Menschen über Grenzen hinweg verbindet.
Nun hat sie im Juli ihr Geschäft Muza Studio in Uster eröffnet. In einem bereits bestehenden Beauty-Salon einer Freundin konnte sie ihren eigenen Bereich gestalten und bietet dort ihre Dienstleistungen an. Darunter Behandlungen wie beispielsweise die Pressotherapie oder Anti-Cellulite-Massage, Körperliftings und Körperwickel. Zu ihrem Angebot gehören zudem Haarentfernung, Augenbrauen- und Wimpernbehandlungen oder Peelings.
Über Grenzen hinweg
Heute ist die Ukrainerin gut in ihrer neuen Heimat integriert, hat einen Partner und lebt nach wie vor in Schwerzenbach. «Meine Tochter geht dort auch immer noch in die Schule und spricht fliessend Schweizerdeutsch», erzählt Muzalova stolz.
Ob sie nach Kriegsende zurück in die Ukraine gehen würde, glaubt sie nicht. «Ich könnte mir eher vorstellen, zwei Lebensmittelpunkte zu haben – quasi das Beste aus beiden Leben», sagt sie. Ihr sei es wichtig, dass ihre Tochter nicht nur die Schweiz als neue Heimat sehe, sondern auch ihre ukrainischen Wurzeln kenne. Dennoch soll die Schweiz nicht nur eine Übergangslösung sein. «Auch wenn ich noch kein perfektes Deutsch spreche, fühle ich mich hier zu Hause.»


Mit dem Geschäft in Uster hat sich die 42-Jährige einen Traum erfüllt und ist, wie damals in ihrer Heimat, selbständig und unabhängig. Und das soll so bleiben: «Ich bin nicht hier, um wieder zu gehen. Meine Geschichte soll nicht nur zeigen, dass Flüchtlinge Erfolg haben können. Sondern auch, dass viele von ihnen mit einem Rucksack voller Fähigkeiten kommen, von denen die Schweiz durchaus profitieren kann.»
Dass es sie in die Beauty-Branche verschlagen würde, hätte sie zwar nicht gedacht – aber es sei irgendwie ironisch, sagt sie. «Das, was ich jetzt mache, ist ein bisschen wie ein Spiegel meiner Geschichte: Schönheit und Selbstfürsorge sind eine universelle Sprache, die Menschen über Grenzen hinweg verbindet.»