Zwischen Saurierskelett und Vanille-Kot: Das Einhorn-Abenteuer im Aatal
Wo ist das goldene Horn? Mit leuchtenden Augen machen sich Nachwuchsforscher in Aathal auf die Suche nach Spuren eines Einhorns. Können Sie der Wissenschaftlerin Louisa Wilson helfen?
Die britische Forscherin Louisa Wilson ist ausser sich. Fassungslos wühlt sie in einer Holzkiste, die mit Ausnahme der polsternden Holzwolle leer ist. «Habt Ihr gesehen, wie der Einhorn-Schädel und das goldene Horn weggekommen sind?», fragt sie die knapp 20 Kinder, die sich um sie geschart haben.
«Es wurde sicher gestohlen», ruft ein etwa achtjähriger Junge. Die junge Frau mit englischem Akzent schaut ihn entsetzt an. «Was nun?», fragt sie. «Wir könnten Spuren suchen», schlägt ein weiterer Bub vor. Erst zaghaft, dann immer eifriger sind die kleinen Helfer bemüht, Louisa bei der Suche nach den Fundstücken zu unterstützen.
Die Spuren führen vorbei an riesigen Knochen und Skeletten von Dinosauriern. Natürlich auch an Spinnen und Schlangen – schliesslich sind die Abenteurer im Regenwald unterwegs.



Tatsächlich befinden wir uns im Sauriermuseum Aathal. Heute spielen die Urzeitgiganten allerdings eine Nebenrolle – im Mittelpunkt stehen Einhörner.
Wissenschaft zum Entdecken
Der Pfäffiker Kinderbuchautor Atlant Bieri hat einen neuen Abenteuerroman für Kinder herausgegeben: «Louisa Wilson und das gestreifte Einhorn». Die Illustrationen hat seine Frau Siriporn Bieri angefertigt. Anstatt mit rosa Glitzer und Regenbogen-Vibes kommt dieses Buch wie ein wissenschaftliches Notizbuch daher. Das hat auch einen Grund: Louisa Wilson schrieb, zeichnete und skizzierte die Erkenntnisse und Erlebnisse ihrer Einhorn-Expedition in dieses Buch.
Die Protagonistin wird durch eine Schauspielerin (Elly Suter) lebendig. Bei Mitmachtheater-Aufführungen in fünf verschiedenen Museen der Schweiz bringt sie Kindern die Geschichte und das Buch näher.




Herr Bieri, Sie sind inzwischen sicher zum Einhorn-Spezialisten aufgestiegen nach so viel Recherchearbeit zu diesem komplexen Thema?
Atlant Bieri: (Lacht.) Ich muss zugeben: Ich hatte eine sehr gute Beraterin. Mein Göttimeitli ist eine absolute Koryphäe auf diesem Gebiet. Und sie hat mich an ihrem grossen Wissen teilhaben lassen. Inzwischen kann ich behaupten, auch ganz gut Bescheid zu wissen.
Dann können Sie mir sicher sagen, wie Einhorn-Kot duftet. Es kursiert schon seit Längerem das Gerücht, dass es sich um Zuckerwatte-Duft handeln könnte …
Nein, nein, es ist Vanille. Ein Ornithologe, den Louisa Wilson während ihrer Forschungsreisen kennenlernte, hat das wissenschaftlich bestätigt. Und der musste es wissen, denn er ist schon mal der Länge nach hingefallen und ist mit seiner Nase direkt neben einem Häufchen gelandet. Ganz klar: Vanille-Duft.




Mit Louisas Entdeckung von gestreiften Einhörnern sind wahrscheinlich viele Illusionen von pink- oder regenbogenfarbenen Einhörnern zerstört. Gibt es denn nur diese eine zebraähnliche Fellfärbung? Oder besteht noch Hoffnung?
Jene Einhörner, die Louisa im Dschungel des Kongo entdeckt hat, waren gestreift. Sie hat an den Mitmachtheater-Vorführungen ja ein entsprechendes Fellstück dabei. Ob der Stammbaum dieser Einhörner weiterreicht und ob es entsprechend noch weitere Fellfärbungen gibt, das wäre Gegenstand weiterer Forschungsarbeiten. Vielleicht könnten die Resultate in einen nächsten Band einfliessen.
Ihren Aufzeichnungen nach soll die Forscherin eine taffe, junge Frau gewesen sein …
Das war sie allerdings: mutig, stark – und sie konnte sogar Kung-Fu. Aber nicht nur das: Sie war sehr ehrgeizig und intelligent. Als junge Frau um 1840 studieren zu können, das war wohl ziemlich ungewöhnlich, weil Frauen so ziemlich gar nichts durften damals.
Wie schaffte sie das, sie soll ja aus eher armen Verhältnissen stammen?
Sie wurde sehr stark von der wohlhabenden Familie Twinings gefördert. Sie kennen die Twinings bestimmt? (Zeigt einen Teebeutel.)

Was Sie vermutlich noch nicht gewusst haben: Auf dem Twinings-Wappen prangt auf der sichtbaren Seite ein Löwe. Die andere, unsichtbare Seite allerdings zeigt ein Einhorn – stellvertretend für die Einhorn-Schattenregierung.
Dann wurde Louisas Mission bedroht?
Und ob, man wollte ihr Steine in den Weg legen – sie musste sich ganz schön in Acht nehmen …
Vor wem?
Der Geheimbund Unicornis beschäftigte sich schon seit Jahrhunderten mit dem Mythos rund um die Einhörner. Haben Sie gewusst, dass dieser Bund seinen Hauptsitz im Schloss Schadau in Thun hatte? Damals hiess das Anwesen noch Shadow Castle.
Tatsächlich? Und was führte dieser Geheimbund denn nun im Schilde?
Die Mitglieder wollten mit einer Zeremonie, bei der sie ein echtes goldenes Horn einbalsamierten, ihren finsteren Anführer, Lord Dübendorf, wieder zum Leben erwecken. Er wollte um 1840 die Weltherrschaft an sich reissen.
Wie das?
Im eher radikalen Geheimbund hielt sich das Gerücht, dass es unsterblich machen soll, wenn man das Horn eines Einhorns auf sich trägt. Allerdings kann man bei diesem Gerücht nur lachen.
Weshalb?
Dass sie Lord Dübendorf wieder zum Leben erwecken wollten, spricht ja ganz offensichtlich gegen diese These …
Und deshalb wollten sie verhindern, dass Louisa Wilson den Schädel und das Horn bekommt?
Genau, denn sie würde diese Ausgrabungsstücke in ein Museum in England bringen.

Was hätte die Forscherin denn davon gehabt, die Fundstücke ins Museum zu bringen?
Einerseits hätte sie das aus ethischen Gründen getan. Andererseits hing ihre angestrebte Aufnahme in die Royal Society davon ab, dass sie die Existenz von Einhörnern beweist.
Was sie dann auch schaffte?
Das möchte ich an dieser Stelle noch nicht verraten. (Zwinkert mit den Augen.)
Nachwuchsforscher aufgepasst!
Im Sauriermuseum Aathal finden noch zwei weitere Einhorn-Shows statt, die Kinder von sieben bis zwölf Jahren mit auf eine Abenteuerreise nehmen.
Samstag, 8. November, von 14 bis 16.30 Uhr und
Mittwoch, 12. November, von 14 bis 16.30 Uhr
Hier können Nachwuchsforscher selbst Spuren suchen: An 20 Orten in der Schweiz sind «Kothäufchen» von Einhörnern versteckt. Bilder von jedem Häufchen gibt es auf der Website des Autors Atlant Bieri – wer eine «Hinterlassenschaft» findet, darf sie behalten.