Willkommen in Turbenthal: Von Pannenleitern und Single-Körbli
Rund 30 frischgebackene Turbenthaler genossen eine Sightseeingtour durch ihre neue Wohngemeinde. Sie plauderten dabei aus dem Nähkästchen, was ihnen so gefällt – und was nicht.
Am vergangenen Samstag musste man sich nicht wundern, wenn man knapp 60 Personen durch Turbenthal marschieren sah: Es war Neuzuzügertag. Die kurze Vorstellung des Gemeinderats und der Behörden fand in diesem Jahr im Singsaal des Schulhauses Breiti statt.
Dann stiegen die rund 30 Einwohner, die Behörden- und Ortsparteienmitglieder sowie Mitarbeiter in Cars. Die idyllische Fahrt führte über «Stock und Stein» von Turbenthal nach Wila, durch das Steinenbachtal und auf den Sitzberg.
Die kleine Kirche hinter den sieben Bergen
Die Kirche Sitzberg wusste die neuen Dorfbewohner mit ihrem besonderen Charme zu verzaubern. Wer würde so versteckt schon eine Kapelle vermuten? Viele Teilnehmende bezeichneten diesen Programmpunkt später als eines der Highlights an diesem Tag.
Aufgrund der Strassensperrung zwischen Sitzberg und Bichelsee ging es für einmal auf derselben Strecke zurück. Via Turbenthal führte der Weg nach Neubrunn, wo sich die Schulgemeinden im gleichnamigen Schulhaus präsentierten.
Der Werkhof war der letzte Posten, der mit den Cars angefahren wurde. Hier rückte sich die Feuerwehr mit ihrem eindrücklichen Wagenpark ins rechte Licht. «Das Tanklöschfahrzeug ist das Herzstück unserer Wache», erzählte Oberleutnant und Zugchef Andri Furrer stolz. Er erklärte auch, weshalb eine Sanierung des Gebäudes wegen Platzmangel dringend notwendig sei.

Beim krönenden Abschluss können sich die Neuzuzüger von Turbenthal jeweils mit der Drehleiter in luftige Höhen befördern lassen. In diesem Jahr jedoch fiel diese beliebte «Auffahrt» ins Wasser, da die Drehleiter streikte. Und das, obwohl sie laut Gemeindepräsident René Gubler (FDP) gerade frisch aus der Revision kam.
Spontane «Rettungsaktion»
Die beiden Buben Wilhelm und Albert konnten gerade noch als Letzte ihren am Boden wartenden Grosseltern von oben zuwinken. Als die Feuerwehrleute die Drehleiter wieder einfahren wollten, blieb sie auf etwa vier Metern Höhe stehen – und bewegte sich keinen Zentimeter mehr.
Die Brüder mussten von den Feuerwehrleuten zu Fuss über die Drehleiter nach unten begleitet werden. Sie nahmen diese spontane «Rettungsaktion» gelassen. Dass ihr Wochenende bei den Grosseltern so viel Action mit sich bringen würde, hatten sie vermutlich nicht erwartet.

«Die beiden wohnen mit ihren Eltern im Tessin und sind Nachwuchsspieler beim Hockeyclub Lugano», erzählte Grossvater Rolf Berger. Er und seine Frau Annamaria sind im Juli von Schaffhausen nach Turbenthal gezogen. «Ich geniesse das Wandern an der Töss», schwärmt Rolf Berger. Einen Wermutstropfen hat er aber: «Die Ortschaft ist recht arm an Beizen – viele sind am Wochenende geschlossen.» Man habe sich aber darauf eingestellt: «Jetzt gehen wir halt am Freitag auswärts essen statt am Wochenende», sagt Annamaria Berger.
An diesem Samstag jedoch konnten die Neuzuzüger auswärts essen: Zum Abschluss lud Gemeindepräsident Gubler zum Apéro im Pflegezentrum Lindehus ein.


Unter den Gästen sitzt eine vierköpfige Familie mit einem grossen Husky. Sandra Walter und Martin Berwert sind mit den Kindern Lars (15) und Saskia (17) sowie Hündin Lilo von Ehrikon nach Turbenthal gezogen. Ihnen gefällt vor allem die Abgeschiedenheit. «Wir können in Büel wirklich Fuchs und Hase gute Nacht sagen», erzählt Mutter Sandra. Sogar den Teenagern gefällt die ruhige Lage, allerdings: «Das Internet ist voll schlecht bei uns oben, und ohne Töffli oder Motorrad wären wir ziemlich abgeschnitten von der Welt», sagt Saskia geradeheraus.


Auch Etienne und Désirée Kietzler haben sich der ruhigen, abgelegenen Lage wegen für ihr neues Zuhause auf dem Sitzberg entschieden. An schönen Wochenenden herrsche auf dem Sitzberg zwar reger Töffverkehr, «aber sonst ist es sehr idyllisch», schwärmt Désirée Kietzler. «Das war unsere Bedingung, als wir aus Fehraltorf weggezogen sind», ergänzt ihr Mann Etienne.
Erst noch gezügelt, jetzt schon Bekanntschaften geknüpft
Ursula Hunkeler und Leo Bachmann sind in ein angeregtes Gespräch vertieft. Die beiden sind sich einig: In Turbenthal sind die Leute noch gemütlicher und offener. «Ich finde es sehr sympathisch, dass man sich hier noch grüsst», sprudelt es begeistert aus Ursula Hunkeler heraus. Sie ist aus Wald hergezogen. Auch Leo Bachmann, den es eher zufällig nach Turbenthal verschlagen hat, sieht das so: «Die Leute sind nett, gesprächig, und man bekommt immer mal wieder ein Lächeln geschenkt.» Er sei positiv überrascht von seinem neuen Zuhause.
Die beiden sind sich heute zum ersten Mal begegnet, ebenso ihre beiden Sitznachbarinnen, Sabine Flütsch und Elisabeth Kissing. Sabine Flütsch und Leo Bachmann sind sich schon ein paarmal über den Weg gelaufen, da sie im selben Mehrfamilienhaus wohnen. «Wir haben aber nicht gewusst, dass wir beide am heutigen Tag teilnehmen», erzählt Sabine Flütsch lachend. Sie ist vor rund einem Jahr von Russikon nach Turbenthal gezogen.

Allerdings, da sind sich alle vier einig, sei der Fluglärm in Turbenthal nicht zu unterschätzen. «Mit dem hätte ich nicht gerechnet», sagt Hunkeler. «Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht hergezogen», gesteht Flütsch. Kissing, die in Kloten arbeitet, findet es dort wesentlich schlimmer. «Ich bin abgehärtet.»
Dem fröhlichen Grüppchen scheinen die Themen nicht auszugehen. Inzwischen dreht sich das Gespräch darum, wie man als Neuzuzüger ohne Kinder oder Hund Kontakte knüpft. «Man sollte sich halt doch einen Hund anschaffen», lautet eine Idee. «Es bräuchte ein Ü50-Begegnungszentrum», eine andere. «So, wie früher die Jugi – einfach für uns älteren Leute!» Und plötzlich geht das Gespräch in eine ganz unerwartete Richtung: «Gibts in der Migros Turbenthal eigentlich auch Single-Einkaufskörbli?»
