Gossau hängt an seinem Heimatmuseum – trotz angeblich zu wenigen Besuchern
Im Sommer fürchteten einige Gossauerinnen und Gossauer noch um die Existenz ihres Heimatmuseums. Eine Gemeindeversammlung machte aber schnell klar, wie sehr das Dürstelerhaus der Dorfgemeinschaft am Herzen liegt.
Das 50-Jahr-Jubiläum, das Gossau kürzlich feierte, um mit dem Dürstelerhaus seinem Heimatmuseum zu huldigen, mutet, was die Anzahl der Jahre betrifft, fast schon etwas untertrieben an, wenn man bedenkt, dass dieses Gebäude als Zeitzeuge bereits seit 365 Jahren existiert. Das alte Giebelhaus ist der letzte «lebende» Repräsentant der Gemeinde, der von einer längst vergangenen Epoche zeugt.
Und trotz dem Stolz, den Gossau wegen seines Heimatmuseums verspürt, sind dessen Erhalt und der jährliche Förderbeitrag über 100'000 Franken nicht unumstritten. An der letzten Gemeindeversammlung im Sommer wurde der hohe Kostenbeitrag seitens der SVP moniert, die das Dürstelerhaus anscheinend am liebsten verschenken würde.
Es genüge, wenn man das Haus abtransportieren und dem Ballenberg zur Verfügung stellen würde, machte SVP-Präsident Claudio Zanetti deutlich. Die Besucherzahlen des Museums seien in den vergangenen Jahren so drastisch gesunken, dass sich ein Erhalt des Hauses erübrige.
Mit seiner Haltung war er dann doch relativ allein, die Stimmbürger sprachen sich mit 87 zu 25 Stimmen deutlich für den jährlichen Kostenbeitrag aus. Man könne über Budgetposten streiten, aber nicht über die Geschichte von Gossau. Nicht die Rentabilität, sondern die konservierte Vergangenheit Gossaus stehe im Vordergrund, hiess es. Dies ganz zur Erleichterung des Gemeinderats, der ebenso geschlossen hinter dem Haus und den anfallenden Kosten steht.
«Das Haus wurde dank der Bevölkerung vor 50 Jahren gerettet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es ist ein Fenster zur Vergangenheit», äussert sich Gemeindeschreiber Thomas-Peter Binder in einem kürzlich erschienenen Sonderheft zum Dürstelerhaus. Der Schlüssel für eine lebenswerte Zukunft liege eben auch in der Vergangenheit.
Das Dürstelerhaus an der Grüningerstrasse in Unter-Ottikon wurde 1592 erstmals erwähnt und 1660 neu erbaut. Den Charakter verleihen dem Haus die Giebel, die alten Fensterläden, die alte Einrichtung, die Wandmalereien und dessen Kräutergarten. Früher lebten Wohlhabende in dem Heimatmuseum. Ab 1870 nutzte die ehemalige Textilfirma JDEWE (Gründer Johannes Dürsteler) das Haus fast 100 Jahre lang. Es diente als Kosthaus für Arbeiterinnen und Arbeiter. 1970 wurde das Gebäude vor dem Abbruch gerettet. Die JDEWE schenkte es der Gemeinde unter der Bedingung, dass Gossau darin ein Museum betreibt.
Ein Haus der Antworten
Das Dürstelerhaus liefert bis heute Antworten darauf, wie es sich damals im Gebäude und überhaupt in Gossau lebte. Dazu birgt es Schätze der Gossauer Geschichte und würdigt diese in Form von dauerhaften wie kürzeren Ausstellungen. So zeigen die ortshistorisch ausgestatteten Räume die alte Stube mit geschnitzten Stühlen und einen Kachelofen vom bekannten Stäfner Freiheitskämpfer Mathias Neeracher. Die Küche ist mit entsprechenden Utensilien aus der damaligen Zeit bestückt.



Der grösste Schatz aber ist die Sammlung von rund 3000 Fotografien. Aber nicht diese Bilder sind das Besondere, sondern deren detaillierte Erklärungen, die der Gossauer Ortshistoriker Jakob Zollinger (1931–2010) verfasste. Zollinger, der als eines von sechs Kindern einer Kleinbauernfamilie aus Herschmettlen entstammte, hatte sich die Erforschung der Geschichte des Zürcher Oberlands zu einer Lebensaufgabe gemacht und war allein deshalb dem Dürstelerhaus eng verbunden. Auch ihm ist es zu verdanken, dass das Ortsmuseum heute überhaupt noch an seinem Platz steht.
Gleiches kann vom Gossauer Filmemacher Arthur Stocker (1935–2020) gesagt werden. Wenn auch eher im Hinblick auf die Konservierung der Geschichte Gossaus. In der Altrüti fand einst die Premiere seiner neunteiligen Filmreihe «Gossau im Wandel der Zeit» statt. Diese Filme zeigten geschichtsträchtige Ereignisse wie den Glockenaufzug im Jahr 1933 oder die Wetzikon-Meilen-Bahn, deren Strecke früher durch Gossau führte.
Ein Stück professionalisierter
Geführt wurde das Museum seit Anfang an ausschliesslich durch Freiwillige, die sich unentgeltlich engagierten. Dies änderte die Gemeinde im März 2023 mit der Einstellung von Jasmin Gadola, die das Dürstelerhaus seither professionell leitet. Schon im vergangenen Herbst war die von ihr konzipierte Ausstellung «Feste und Feierlichkeiten» zu sehen, deren Fokus auf Dorffesten, der Fasnacht, Hochzeiten oder dem Samichlaus lag. Die Ausstellung regte Gossauerinnen und Gossauer dazu an, dem Ortsmuseum eigene aktuelle oder historische Bilder zur Verfügung zu stellen.
Frau Gadola, was hat sich im Dürstelerhaus seit Ihrem Start als Kuratorin verändert?
Jasmin Gadola: Ich wurde 2023 befristet angestellt. Seit Juni wissen wir, dass wir so weiterfahren können. Somit hat sich also die Planungssicherheit ergeben, nach der wir uns sehnten. Zudem wollen wir den Leuten näherbringen, dass es sich nicht nur um ein klassisches Heimatmuseum und ein altes Gebäude, sondern auch um einen Lern- und Begegnungsort handelt. Inzwischen handhaben dies viele Museen so. Wir zeigen im Untergeschoss mit der Küche und der Vorratskammer einerseits, wie einst in Gossau gelebt wurde. In den oberen Stockwerken führen wir Wechselausstellungen durch wie beispielsweise jene über Jakob Zollinger, Arthur Stocker und kürzlich über den Gossauer Künstler Roberto Lauro. Das Haus steht aber auch regionalen Kunstschaffenden offen, denen wir auf Wunsch gerne unter die Arme greifen.
Wie sehen die Besucherzahlen aus? Es heisst, um diese stehe es nicht allzu gut. Auch daher kamen die Bestrebungen, den jährlichen Beitrag für das Haus zu streichen.
Was die angeblich niedrigen Besucherzahlen betrifft, handelt es sich um eine Frage der Sichtweise. Denn früher wurden die Besucherzahlen gar nicht erfasst, also sind überhaupt keine handfesten Vergleiche zu ziehen. Anhand des Gästebuchs ist schwer zu eruieren, wie viele hierherkamen. Im Jahr 2023 kamen mindestens 380 Personen. Das klingt nach nicht viel, aber im letzten Jahr waren es bereits über 500 Personen. Zumal man bedenken muss, dass das Museum meist nur einmal pro Monat geöffnet ist.
Die Zahlen sind also eher steigend und nicht, wie behauptet wurde, sinkend …
Das ist richtig! Im aktuellen Kalenderjahr waren nämlich bereits 677 Besucher bei uns, und das Jahr ist ja noch nicht zu Ende. Eine gute Zahl wäre meines Erachtens eine Anzahl von 1000 Besuchern pro Jahr. Allerdings würde hier jede Person, die das Haus besucht, mit eingerechnet. Also auch Schulklassen oder Leute, die das Archiv des Hauses nutzen.
Was ist in naher Zukunft geplant? Gibt es neue Ausstellungen?
Ja, wir planen weitere Ausstellungen des Formats «Gossau im Wandel», wie die Ausstellung zum Thema der Melioration, also der Trockenlegung des Mönchaltorfer und des Gossauer Riets während des Zweiten Weltkriegs, die aktuell läuft. Wir konnten mit Gossauer Zeitzeugen über Ereignisse aus den 1940er Jahren sprechen, die in den 1930er Jahren geboren wurden. Die Ausstellungen sollen vor allem einen audiovisuellen Charakter erhalten, also unsere grosse Sammlung an Fotografien, Filmen und Tonaufnahmen zeigen. Dazu kommen noch nicht definierte Gastausstellungen sowie eine historische Ausstellung, die sich im Rahmen des kürzlich erfolgten Jubiläums um die Zahl 50 dreht. 50 Fotografien, 50 Filme und 50 Gegenstände. Schon bald wird zudem eine Leseecke eingerichtet mit allen alten Ausgaben des Ortsblatts «Gossauer Info», das leider eingestellt wurde.
Das Gossauer Ortsmuseum präsentiert nicht nur Ausstellungen, sondern dient auch als Treffpunkt. Während der Öffnungszeiten können sich Besucher im Bistro verköstigen. Ausserhalb der Öffnungszeiten ist es möglich, für verschiedenste Anlässen Räume zu mieten. Für Personen aus Gossau ist die Miete kostenlos. Weitere Informationen gibt es unter www.duerstelerhaus.ch.