Wo in Rikon einst Spindeln ratterten, weht heute ein kreativer Geist
Im Atelier des Ehepaars Köder finden Menschen einen Ort, um fundiert zeichnen zu lernen oder ihrer Muse beim «Freien Zeichnen» einfach freien Lauf zu lassen.
Neugierig betrete ich den grosszügigen, offenen Raum in der dritten Etage der Alten Spinnerei in Rikon. Im Dachgeschoss des geschichtsträchtigen Gebäudes hat im Sommer ein Atelier seine Türen geöffnet.
Ein bisschen fühle ich mich wie in einer anderen Welt. Die durchgehende Dachschräge und die vielen Holzbalken und -träger verleihen dem 330 Quadratmeter grossen Raum Loftcharakter.
Es liegt eine kreative Atmosphäre in der Luft. Und das nicht nur wegen dem Geruch nach Pinselreiniger. Überall sind Zeichenutensilien auszumachen: grosse Farbstiftkästen, Aquarellfarben, Bleistifte, Gläser mit Pinseln in verschiedenen Grössen, Radiergummis und vieles mehr. Auf einem Tisch liegen unzählige Objekte als Motive bereit. Von getrockneten Brötchen über Steine, Flaschen bis zu einem Schwingbesen.


Nebst zwei- bis sechstägigen Zeichenkursen, findet in diesem Atelier seit Kurzem jeden Freitag von 17 bis 21 Uhr das Format «Freies Zeichnen» statt. Willkommen sind alle, vom Einsteiger bis zum geübten Zeichner.
Als ich meine Reportage ankündigte, kam prompt die Frage, ob ich selbst zum Stift greifen wolle. Meine Antwort war ein sofortiges, begeistertes Ja. Doch ein Blick in das Atelier reicht, um Zweifel in mir aufsteigen zu lassen: Überall hängen beeindruckende Bilder und detaillierte Vorlagen. Es scheint, als würde das Niveau dieses Orts mein bescheidenes Zeichentalent deutlich übersteigen.
Zuletzt gezeichnet habe ich wohl noch im Teenageralter. Und zwar wie man es in der Primarschule lernt: Objekte mit einem Bleistift vorzeichnen, dann alles flächig ausmalen. Das machte ich zwar recht ambitioniert. Allerdings waren die Resultate weit entfernt von realistischen Bildern.
Die Gründer und Betreiber des Ateliers Rikon, David und Vlada Köder, begrüssen mich herzlich. Einige Jahre führte das Ehepaar ein Atelier in Horgen. Nach einer Pause fanden sie den zu ihren Ideen passenden leer stehenden Raum in der Alten Spinnerei in Rikon und sind nun dabei, ein vielseitiges Atelier mit diversen Kursen und Events aufzubauen.
Der studierte Designer und langjährige Creative Director David Köder vermittelt seit 2013 die Zeichenmethode von Betty Edwards in der Schweiz. Ausser in England, gebe es den Grundlagenkurs in dieser Form seines Wissens in Europa zur Zeit nur in Rikon. Die amerikanische Professorin revolutionierte Ende der Siebzigerjahre das Verständnis von dem, was Zeichenfähigkeit ist, und schrieb das Theorie- und Praxis-Buch «Drawing on The Right Side of The Brain» (Deutscher Titel «Garantiert Zeichnen lernen»).
Heute verbindet Köder als Künstler, Cartoonist, Illustrator, Fotograf, Autor, Kunstpreisträger und zertifizierter KI-Trainer eine aussergewöhnliche Vielfalt an Kompetenzen – und bringt diese Erfahrung in die Zeichenkurse im Atelier Rikon ein.
Aus seiner langjährigen Praxis entstand auch das Buch «Dein Zeichentalent ist kein Fisch: Die komplett andere Zeichenschule für Begabte, Unbegabte, Halbbegabte, Gestresste und völlig Verzweifelte» (dp.verlag). (ks)


Weil das Angebot in der Region neu ist, haben sich für diesen Abend ausser Vlada Köder, ihrer Schwägerin und mir nur zwei weitere Teilnehmende angemeldet und dann doch kurzfristig auf den nächsten Freitag umdisponiert. «Es ist kein Problem, sie können dann nächsten Freitag den Apéro geniessen – in dieser Form machen wir das viermal», nimmt es die Gastgeberin gelassen.
Auch die Teilnahme ist an diesen ersten Abenden gratis. Danach bezahlen die Zeichnenden einen Unkostenbeitrag von 20 Franken. «Dafür wird aber immer Kaffee und Kuchen zur Stärkung bereitstehen und wohl auch ein kleiner Apéro», verrät Vlada Köder. Achtung, Spoileralarm: Allein schon für den hausgemachten Mohnkuchen lohnt sich die Fahrt nach Rikon.
Im Eingangsbereich ist gegenüber einer Küchenzeile eine gemütliche Sitzgruppe angeordnet. «Es wäre schön, wenn hier mit der Zeit eine Art ‹Künstlercafé› entstehen würde, das Freie Zeichnen am Freitag kann ein Anfang sein», philosophiert Vlada Köder.
Es gehört zum Konzept des Ehepaars, das Atelier in einen lebendigen Raum zum kreativen Austausch zu verwandeln. Sie wollen künftig auch Platz bieten für Ausstellungen, Lesungen und kulturelle Veranstaltungen.
Es geht los
«Was möchtest du zeichnen?», fragt mich David Köder. Ich lasse mich gerne beraten. Er schlägt eine angeblich gut machbare Einstiegsübung vor und wählt für mich ein gezeichnetes Selbstporträt von Gustave Courbet als Vorlage. Ich bezweifle, auch nur entfernt an diese heranzukommen.
Ich suche mir einen Arbeitsplatz am Gruppentisch, an dem bereits Vlada Köder und ihre Schwägerin in die Arbeit vertieft sind. Die Arbeitstische sind im ganzen Raum verteilt. Sie bieten Platz für das Zeichnen in Gesellschaft, aber auch Einzelplätze sind eingerichtet. «Damit jede Person so arbeiten kann, wie sie es mag», erklärt David Köder und fügt hinzu: «mit oder völlig ohne Tipps und angeleitete Übungen.»



Ich bekomme eine umfassende Einführung ins Zeichnen mit Graphitgrund. Nach dem Übertragen des Vorlagenformats auf den Skizzierblock kann es losgehen.
Mit einem Stäbchen aus Graphit färbe ich den Bildbereich dunkel ein. Mit verschiedenen Radierern kann ich nun «zeichnen». Gemäss David Köder sei diese Technik für viele noch ungewohnt. «Aber es ist eine sehr dankbare Methode, um schnell erste Erfolge zu erleben.»



Konsterniert sehe ich zu, wie er meine Vorlage auf den Kopf dreht. «So tricksen wir vermutlich unser Gehirn aus», verrät der Zeichenlehrer. Denn unser Unterbewusstsein versuche immer, auf Erfahrungen zurückzugreifen. Etwa, wie ein Auge aussieht oder wie lang eine Nase ist.
«Wer beginnt tatsächlich zu sehen, zeichnet fast sofort tendenziell anders», berichtet der gebürtige Deutsche. «Hingucken» – und dadurch eben zeichnen lernen – könne mit der richtigen Herangehensweise erfahrungsgemäss jede und jeder. Köder gibt Interessierten lediglich eine Anleitung, wie sie ihr Gehirn trainieren können.
Und dann sind da nur noch die Zeichnung und ich
Etwas zögerlich versuche ich, die Umrisse der umgedrehten Vorlage abzuzeichnen. Dabei nutze ich alles, was ich finden kann, um die exakten Proportionen abzumessen. Der Kursleiter scheint meine drohende Verzweiflung zu spüren. Er rät mir, alle Hilfsmittel wegzulegen und darauf zu vertrauen, was ich sehe. «Kontrollieren kannst du später.» Also eine Art «Loslassen» – das hat schon fast etwas Meditatives.
Und tatsächlich versinke ich kurze Zeit später komplett in die Vorlage. Sehe nur noch die weissen Flächen und übertrage diese in aller Ruhe auf meinen Block. Alles um mich herum scheint zu verschwinden, und die Zeit wird relativ.


Zwei Stunden später ist mein Bild soweit fertig, dass ich es umdrehen darf. Damit bis zum Schluss zu warten, empfiehlt David Köder auch seinen Schülern: «So erlebt man den schönsten Effekt.»
Er hat nicht übertrieben. Ich bin total überwältigt, als ich mein vermeintliches Flächengewirr lüften darf. Kein Rembrandt – aber ein Resultat, auf das ich persönlich stolz bin.

Dieser Wow-Effekt bestätigt sich später auch zu Hause, als ich gefragt werde: «Das hast aber nicht wirklich du gemalt?» Die Tatsache, dass das im Atelier Rikon jeder lernen kann, behalte ich noch etwas für mich. So kann ich für einen kostbaren Moment den Respekt meiner Familie für mein vermeintlich neues «Talent» geniessen.
