Geboren, um zu konsumieren?
Seit wir denken können, werden wir mit Kommerz eingedeckt. Das laugt mental aus – und lässt den Wunsch nach konsumfreien Inseln aufkommen.
Ich starte ein Experiment – in den nächsten Tagen möchte ich zählen, wie oft ich in meinem Alltag mit Werbung konfrontiert bin. Der Aufsteller vor der Starbucks-Filiale im Bahnhof Winterthur, der mir neuerdings auch einen Kaffee mit Tiramisu-Geschmack verkaufen will? Da kommt ein Strich aufs Protokoll. Werbeanruf? Strich. Anzeigen in den sozialen Medien? Strich!
Ob ich das Experiment durchziehen werde? Fakt ist: Die Masse an fürs Portemonnaie belastenden Reizen, die tagein, tagaus auf uns einprasselt, ist gewaltig. So gross, dass man sie vielleicht gar nicht sauber zu protokollieren vermag.
Werbung ist für mich das klassische Beispiel eines zweischneidigen Schwerts: Während sie im Grunde der Inbegriff eines Systems ist, das uns zu immer mehr Konsum und damit zur Zerstörung unseres Planeten anregt, übt sie auch eine wahnsinnige Anziehungskraft auf mich aus. Und wer sagt, Werbung wirke bei ihm oder ihr nicht, lügt ohnehin.
Schon seit Kindertagen finde ich alles an ihr faszinierend: Von historischen Plakaten über Logos, Werbejingles und Claims hin zu den Menschen, die Plakatwände neu bekleben – haben Sie die mal beobachtet?
Als Kind mit einer blühenden Phantasie nahm Werbung früh einen grossen Platz in meinem Leben ein. Ich habe mir sogar eigene, an reale Marken angelehnte Unternehmen ausgedacht, nur um im Anschluss mit Stift und Papier Werbeplakate für sie zu zeichnen – mit einer Selbstverständlichkeit, die ich heute bezeichnend finde.
Soll das so sein? Ist das, wie ein normales Aufwachsen im «Late-Stage-Kapitalismus» auszusehen hat? Ein Aufwachsen geprägt von externen Reizen, gesteuert von Konzernen, die ihre Profitgier nur geschickt genug darstellen müssen, um damit ganze Generationen zu prägen?
Dass wir alles unserer monetären Logik unterwerfen, macht mich teilweise traurig. Ich frage mich dann: Trage ich eine Mitschuld, dass Jahr für Jahr der Untergang des Kinos herbeigeredet wird, weil ich selbst kaum hingehe? Dass mein Lieblingscafé mit den bequemen Sofas schliesst, weil ich zu Hause auch guten Kaffee brühe? Dass es immer weniger Diskotheken gibt, weil ich mit Mitte zwanzig nicht jedes Wochenende feiern gehe?
Angebot und Nachfrage bedingen einander, und so lautet die Antwort eigentlich: Ja. Und doch finde ich: Es braucht wieder mehr konsumfreie Inseln. Sogenannte Third Places – Orte zwischen Daheim und dem Arbeitsplatz, an denen wir einfach sein können – ohne alle 20 Minuten einen «Pumpkin Spice Latte» bestellen zu müssen. Oder meinetwegen einen mit Tiramisu-Aroma. So viel Utopie sollten wir uns doch leisten können.
