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Von der Streuobstwiese in die Pet-Flasche

Warum junge Männer in Nänikon Apfelsaft pressen

Beim Verein Konkret in Nänikon kann die Öffentlichkeit kostenlos Apfelsaft pressen. Vergangene Woche waren die jungen Männer aus Zivildienst, Praktikum und Arbeitsintegration des Vereins an der Reihe. Dabei wurde schnell klar: Hier geht es um viel mehr als nur Most.

Jetzt ist Muskelkraft gefragt: Bei der Mostpresse wird gedreht.

Foto: Tanisha Tinner

Warum junge Männer in Nänikon Apfelsaft pressen

Von der Streuobstwiese in die PET-Flasche

Beim Verein Konkret in Nänikon kann die Öffentlichkeit kostenlos Apfelsaft pressen. Vergangene Woche waren die jungen Männer aus Zivildienst, Praktikum und Arbeitsintegration des Vereins an der Reihe. Dabei wurde schnell klar: Hier geht es um viel mehr als nur Most.

Ein kleines, unscheinbares Schild mit der Aufschrift «Mosten» hängt an einem Maschendrahtzaun in Nänikon. Dahinter liegt das Gelände des Vereins Konkret. Es ist etwas abgelegen, umgeben von saftig grünen Wiesen, die nächsten Häuser sind ein paar hundert Meter entfernt. Hier kann die Öffentlichkeit ihre Äpfel eigenständig zu Most verarbeiten. Läuft man ums Haus herum, fällt einem sofort die Mostpressanlage ins Auge: Ein silberner Häcksler und eine alte Holzpresse stehen hier für die Besuchenden bereit.

Am grossen Tisch neben der Presse sitzen rund 20 junge Männer – überwiegend Zivildienstleistende – beim Feierabend. Es wird Mate getrunken, gegessen, geraucht und geplaudert. Die Männer absolvieren ihren Zivildienst, ein Praktikum oder eine Arbeitsintegration beim Verein Konkret. Die gemeinnützige Organisation setzt sich für Natur- und Landschaftsschutz im Kanton Zürich ein. Heute steht für sie ein entspannter Wochenausklang auf dem Programm: Nach einer anstrengenden Arbeitswoche im Feld dürfen sie zum Wochenabschluss erstmals selbst an der DIY-Mostpresse des Vereins Apfelsaft herstellen.

Auf Apfel-Pirsch

Lisa Pfister, Projektleiterin beim Verein Konkret, teilt die Zivildienstleistenden in drei Gruppen ein. Denn auf sie warten drei Aufgaben: Äpfel sammeln, mehr über die Hintergründe des Projekts erfahren – und natürlich mosten. Im Lauf der nächsten Stunden durchlaufen alle Gruppen jede der Stationen.

«Dieses Jahr gibt es fast keine Äpfel», sagt Pfister. Normalerweise dürfen die Nutzerinnen und Nutzer der Mostpresse die Äpfel selbst auf dem Feld neben dem Vereinsgelände sammeln. Weil dort aber kaum etwas gewachsen ist, sammeln die Zivildienstleistenden nun Äpfel bei anderen Bauern aus der Region.

Mit einem weissen Kastenwagen macht sich die erste Gruppe auf den Weg – raus aufs Feld zu einem Bauern nahe dem Greifensee, der noch ein paar alte Hochstammbäume stehen hat. Im Wagen liegt der Geruch von Erde, Schweiss und kaltem Rauch. Im hinteren Teil des Autos stapeln sich leere Harasse, bereit zum Füllen.

Dann schwenkt der Wagen auf ein unbefestigtes Feld. Die sechs Männer steigen aus. Eine paar wenige Apfelbäume stehen vereinzelt in der Landschaft. «Die zwei da drüben dürfen wir nicht schütteln, hat der Bauer gesagt», meint Zivi Linus und zeigt mit ausgestrecktem Arm über das Feld. Einer aus der Gruppe nickt, ein anderer reibt sich die Hände und sagt: «Los gehts.»

Sie greifen zu schwarzen Harassen und beginnen, die heruntergefallenen Äpfel aufzusammeln. Die guten kommen in die Harasse, die angefaulten in einen eigenen Eimer.

Auch wenn das Sammeln der Äpfel für Linus etwas langweilig ist, da er lieber mit Maschinen arbeitet, erkennt er den Sinn dahinter. «Wenn ich sehe, dass die alten Bäume weiterleben, dann denke ich: Ich habe auch was dazu beigetragen», sagt er mit einem Lächeln.

Zivildienstleistende arbeiten beim Verein Konkret, und heute durften sie mosten.
Für gute Äpfel gehen die jungen Männer aufs Ganze.

Doch die jungen Männer wissen, wie man etwas Action in die sonst eher monotone Aufgabe bringt: Einer klettert auf einen der Bäume und schüttelt kräftig. Die anderen ducken sich lachend und halten sich die Arme vors Gesicht, während die Äpfel wie grosse Hagelkörner zu Boden prasseln. Ein besonders schöner Apfel hält sich hartnäckig am Ast. Linus springt hoch und pflückt ihn von Hand.

Vom Baum zum Beton

Zurück auf dem Vereinsgelände wird die Ausbeute ausgeladen. Dann versammelt sich die Gruppe im Kreis um Lisa Pfister, die die Hintergründe des Projekts «DIY-Mostpresse» erklärt.

Die Mostpresse gibt es seit rund fünf Jahren. Entstanden ist die Idee aufgrund eines Gesprächs mit einem benachbarten Bauern. «Der Landwirt klagte, dass ihm die Äpfel beim Mähen im Weg liegen und er sie nicht alle verwerten kann», erklärt Pfister. «Wir haben ihm angeboten, beim Aufsammeln und Verwerten zu helfen», berichtet die Projektleiterin weiter. Ohne diese Unterstützung würde der Bauer die Bäume wohl irgendwann fällen.

Das möchte der Verein verhindern, aus einem guten Grund: Hochstammbäume, wie sie früher in der Schweiz weit verbreitet waren, sind wichtige Lebensräume für viele Tiere, darunter Vögel, Insekten und Igel. Solche Obstgärten bieten diesen Tieren Schutz und Brutmöglichkeiten. Ohne diese Bäume würde die Biodiversität in der Region deutlich leiden.

Zivis am Mosten
Nachbarfeld des Vereins Konkret: Nur noch wenige Hochstammbäume stehen heute hier, der Grossteil fiel dem «Baummord» zum Opfer.

Die noch vorhandenen Hochstammbäume müssten deshalb dringend geschützt werden, erklärt Pfister. Denn zwischen 1950 und 1975 kam es in der Schweiz zu einem «Baummord», bei dem über elf Millionen dieser Bäume gefällt oder sogar gesprengt wurden. «Das Alkoholgesetz von 1887 sollte die sogenannte Kartoffelschnapspest eindämmen», sagt Pfister. Billiger Schnaps aus Kartoffeln, Obst von Hochstammbäumen und Beeren war damals weit verbreitet und diente oft als Ersatz für Mahlzeiten bei der armen Landbevölkerung.

Doch statt nur die Schnapsproduktion zu begrenzen, um das Problem zu lösen, wurden viele Obstbäume massenweise zerstört. Wo früher ganze Obstgärten mit Hochstammbäumen standen, sind heute meist Siedlungen oder Gewerbegebiete entstanden, wie Pfister den Männern auf Luftbildaufnahmen zeigt.

Nicht ganz vegan, aber «mega geil»

Zurück bei der Presse kann das eigentliche Mosten beginnen – der Teil, auf den sich viele am meisten freuen. Die Äpfel werden gewaschen, zerkleinert, gehäckselt und schliesslich gepresst. Besonders die Häckselmaschine hat es Linus angetan. «Das hier macht mir deutlich mehr Spass», sagt er und grinst. «Endlich kann ich wieder an einer Maschine arbeiten.»

Nach gut zehn Minuten Arbeit füllt der erste goldig-braune Most die PET-Flaschen. Einer der Zivis nimmt einen Schluck und ruft begeistert: «Ist mega geil!»

Linus ist zunächst etwas skeptisch: «Viele Äpfel waren schon leicht faul oder hatten Viecher drin.» Einer aus der Gruppe wirft ein: «Ich hab vorhin einen Ohrwurm halbiert.» Linus grinst: «Vegan ist der Saft sicher nicht», sagt er und nimmt trotzdem einen Schluck. «Schmeckt gut.»

Ein Grund, warum der Most den Zivis wahrscheinlich so gut schmeckt, könnte auch der Tipp von Pfister sein: «Ein paar Birnen in den Häcksler dazugeben, das bringt die Süsse», erklärt sie. «Nur gemostete Äpfel, das ergibt oft recht sauren Saft.»

DIY-Mostpresse: Wann? Wo? Wie?

Die Benutzung der DIY-Mostpresse in Nänikon ist noch bis zum 5. Oktober möglich. Sie steht an der Schwerzistrasse 60 auf dem Gelände des Vereins Konkret. Die Presse kann jederzeit genutzt werden: Sie ist sieben Tage die Woche rund um die Uhr offen. Man kann eigene Äpfel mitbringen oder Äpfel aus der Box vor Ort verwenden, solange Vorrat vorhanden ist. Das Mosten ist kostenlos. Wer möchte, kann eine Spende hinterlassen. Falls im Herbst noch viele Äpfel fallen, wird das Angebot möglicherweise verlängert. Aktuelle Informationen dazu gibt es auf der Website des Vereins Konkret.

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