Mönchaltorferin erfüllt sich Traum vom B&B in Finnland – zum zweiten Mal
Polarlichter und Rentiere
Kerstin Naujoks aus Mönchaltorf führt im Winter ein ganz anderes Leben. Vor zehn Jahren hat sie ein Bed & Breakfast in Lappland eröffnet. Seither musste sie viele Herausforderungen überwinden.
Finnisch kann Kerstin Naujoks immer noch nicht. «Du kannst schreiben, dass ich das offen zugebe», sagt sie und lacht herzlich. Doch das hat sie bisher nicht davon abgehalten, in den Wintermonaten ein Boutique-Hotel in Lappland zu führen.
Vor zehn Jahren begann das Abenteuer der Mönchaltorferin, die ursprünglich aus Norddeutschland stammt. Ihr Sohn arbeitete damals in Levi in Finnland als Snowmobil-Guide. Gemeinsam mit ihrem Mann besuchte Kerstin Naujoks den Nachwuchs – und war sofort schockverliebt in die Gegend.
Danach ging es Schlag auf Schlag. Sie suchte nach einer Lokalität im hohen Norden, um etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. In der Ortschaft Köngäs am Ounasjoki, einem der grössten Flüsse Finnlands, wurde sie fündig. Innert zwei Wochen wurde ein ehemaliges Fährgebäude zum Bed & Breakfast mit 16 Schlafplätzen umgestaltet. «Jokimaja» heisst das B&B, das übersetzt «Hüttchen am Fluss» bedeutet.
Eigentlich hatte sie nur eine Saison von Dezember bis März für Gäste geplant. «Da wir aber weiterhin Buchungsanfragen erhielten, verlängerten wir die Saison bis April», erinnert sie sich. Köngäs ist eine Nebenortschaft des bekannten finnischen Wintersportorts Levi. In Levi leben in der Nebensaison eigentlich nur 600 Einwohner. Im Winter verwandelt sich das Dorf zu einer Touristenhochburg mit bis zu 15’000 temporären Bewohnern.
Das Jokimaja liegt im ruhigen, neun Kilometer entfernten Köngäs. Bei bis zu minus 30 Grad Celsius Aussentemperaturen und äusserst wenig Tageslicht kann hier die Stille des skandinavischen Winters erlebt, Rentierfarmen besucht und mit Huskies Schlitten gefahren werden – Polarlichter inklusive.

Ein geerdeter, entschleunigender Aufenthalt weg von Hektik und Luxus, das ist ihr Konzept. Die meisten Gäste kommen aus der Schweiz oder aus Deutschland, doch es stossen immer mehr internationale Besucher dazu. «Einmal fuhr ein Paar mit einem Maserati ohne Winterreifen vor und erkundigte sich als Erstes nach der Tiefgarage», erinnert sie sich. «Sie hatten unser Angebot nicht ganz richtig eingeschätzt.»
Jeweils im November reist Naujoks zusammen mit ihren Hunden Ivy und Barney mit Auto und vollgepacktem Anhänger für die Wintersaison in den Norden. Gerade hat sie eine neue Kühlbox gekauft, um kiloweise Raclettekäse für ihre Gäste mitnehmen zu können.
Mindestens vier Tage dauert die Reise von Mönchaltorf nach Köngäs. «Ich mache auch immer einen Stopp an der Ostsee, um meine Verwandten zu besuchen.» Von Travemünde geht es mit der Fähre 33 Stunden nach Helsinki. «Dann sind es nur noch 1000 Kilometer.»
In diesem Jahr beginnt die Saison am 20. Dezember. Bis dahin gibt es noch viel vorzubereiten. «Und ich weiss nie, was mich oben erwartet.»
Zwangspause wegen Wasserschaden
Genau so war es im November 2017, als Kerstin Naujoks bei der Ankunft in Köngäs feststellen musste, dass ihr B&B einen Wasserschaden erlitten hatte und das Haus mit den Gästezimmern seit acht Wochen überflutet war. «Ich musste alle Buchungen absagen», erinnert sie sich. «Das war wirklich schlimm.»
Gleichzeitig tat sich für sie eine neue Chance auf. Denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie das Areal nur gemietet. «Der Vermieter entschied sich gegen eine Renovation auf eigene Kosten, sondern bot mir die Anlage zum Kauf an.» Und sie musste nicht zweimal überlegen.
Von Glück im Unglück kann allerdings nur so halb die Rede sein. Denn mit dem Umbau von Jokimaja begann für Naujoks ein Spiessrutenlauf. «Ich weiss nach wie vor nicht warum, aber ich musste vier Jahre auf die Baubewilligung warten – in dieser Zeit wurde ich von vielen Menschen enttäuscht, habe vor Gericht verloren, musste viele Niederlagen einstecken.»
Von 2018 bis 2024 konnten keine Gäste empfangen werden. Dafür lief im Hintergrund umso mehr. «Ich stürzte mich in die Arbeit, als wir dann endlich umbauen konnten.» Vieles wurde renoviert, anderes neu erstellt. Da Jokimaja zum Ortsteil von Köngäs gehört, das nicht an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen ist, wurde sogar eine neue Quelle gebohrt.
Eines der Häuser auf der Anlage war zuvor extern vermietet worden. Denn in rund 30 Kilometern Entfernung liegt eine der grössten Goldminen Europas. «20 Männer, die dort arbeiten, lebten ebenfalls hier auf dem Gelände.» Als der Mietvertrag während der Zwangspause auslief, entschied sich Naujoks, dieses Haus ebenfalls für ihr B&B zu nutzen und umzubauen.







Nun sind dort Gästezimmer eingerichtet, auch die grosse Küche und der Aufenthaltsraum – das Herz Jokimajas – sowie eine Sauna und ein Loungebereich sind unter einem Dach vereint und grosszügig renoviert worden. «Jetzt ist es so, wie ich es mir immer gewünscht habe.» Die Anlage strahlt in neuem Glanz, im letzten Winter konnte Naujoks endlich wieder Gäste empfangen.
In der Schweiz arbeitete sie als Klangschalentherapeutin und hat ursprünglich eine Ausbildung in der Pflege absolviert. «Ich kümmere mich nach wie vor um Menschen, jetzt einfach auf eine andere Art und Weise.» Im Vordergrund steht jetzt Lappland-Atmosphäre und feines Essen. In Finnland ist sie Gastgeberin, Köchin, CEO, Schneeschauflerin und noch vieles mehr – alles gleichzeitig.
Dabei ist sie aber auf Hilfe angewiesen. Zusammen mit zahlreichen Helferinnen bildet sich jedes Jahr ein kleines Team, das für Kost und Logie mitanpackt. «Wir sind derzeit wieder auf der Suche nach Interessierten.»
Möglichst vieles stellt das Team selbst her: Vom Tee, vor der Haustüre gepflückt und dann getrocknet, über Konfitüre aus finnischen Beeren bis hin zum Brot für das Frühstück, das in der Jokimaja-Küche gebacken wird. Vor Ort kommen Rentierfleisch oder Lachs von lokalen Farmen dazu.


Derzeit im Umbau befindet sich ein weiteres Gebäude auf dem Gelände. Es soll zum «Raum der Begegnung» werden. «Dort wollen wir Angebote wie Yoga realisieren – auch Klangschalentherapien möchte ich wieder anbieten.» Zwar ist die Hauptsaison im Winter. «Aber mein Ziel ist es, Jokimaja auch zur Zeit des Mitsommers für kurze Zeit zu öffnen.» Und im Herbst, während des «Indian Summer», wenn sich die Nadelbäume orange färben, möchte sie einst Malkurse anbieten.
Ehemann stärkt ihr den Rücken
Und, und, und … Während Kerstin Naujoks mit 60 Jahren noch einmal richtig Gas gibt, nähert sich ihr Mann dem Pensionsalter. Dass er über fünf Monate pro Jahr auf seine Frau verzichtet, ist keine Selbstverständlichkeit. An seiner Rede zu ihrem 60. Geburtstag hatte er es vor Kurzem auf den Punkt gebracht: «Das sei sein Dank dafür, dass ich rund 20 Jahre zu Hause geblieben bin, als unsere drei Söhne klein waren», sagt sie. Er hatte sich früh selbständig gemacht, sie ihm den Rücken freigehalten. «Jetzt ist es umgekehrt, und dafür bin ich sehr dankbar.»
Ihr Sohn, der sie überhaupt mit Lappland in Berührung gebracht hat, ist mittlerweile in einer Partnerschaft mit einer Finnin, die er in Levi kennengelernt hat. «Sie wohnen zum Glück ebenfalls im Oberland. So haben wir das Glück, unsere kleine Enkeltochter oft geniessen zu können.» Irgendwann ganz nach Finnland umzusiedeln, kommt für sie jedoch nicht infrage. «Gerade weil unsere Familie hier verwurzelt ist.»
Finanziell wirft das B&B derweil noch keinen Gewinn ab. «Im Moment überwiegen die Investitionen klar.» Nach den Jahren der Pause erhofft sich Kerstin Naujoks nun eine stetige Zunahme von Übernachtungen.
Weitere Informationen zum Bed & Breakfast unter www.jokimaja.com.
