«Wir haben ein selektives Bildungssystem, deshalb braucht es Noten»
Die Schule Pfäffikon hinterfragte an einer Konferenz das klassische Schulsystem. Ist es denn veraltet? Eine Expertin erklärt, wieso.
Die Schulpflege in Pfäffikon hat ein neues Projekt unter dem Titel «Lernerfolg für alle» lanciert. Damit will sie Massnahmen erarbeiten, um die Herausforderung zu trotzen, die aus der Vielfalt im Klassenzimmer hervorgeht. In Pfäffikon diskutierten Lehrerinnen, Heilpädagogen, Klassenassistenzen und weitere Mitarbeitende über ihre Visionen für die Zukunft.
Dabei wurde klar, dass der klassische Unterricht hinterfragt wird. Vielmehr setzen die Lehrpersonen auf Freiräume und Beteiligung der Schulkinder. Ist das Schulsystem, wie es die meisten von uns noch kennen, veraltet?
Wir haben bei Katharina Maag Merki, Bildungsforscherin, Professorin und ehemalige Primarschullehrerin in Dürnten, nachgefragt.
Frau Maag Merki, was sind aus Ihrer Sicht zentrale Voraussetzungen dafür, dass möglichst alle Kinder erfolgreich lernen können?
Eine hohe fachliche Kompetenz der Lehrperson und eine gute Beziehung zu den Kindern. Es sollte der Lehrperson gelingen, sensibel gegenüber den individuellen Voraussetzungen der Kinder zu sein und mit ihrem Engagement den Unterricht so zu gestalten, dass die Kinder diese Lernangebote vollumfänglich nutzen können. Ein Unterrichtsangebot, das in einer Klasse funktioniert, kann unter Umständen in einer anderen nicht passend sein. Lehrpersonen müssen somit kontinuierlich prüfen, was funktioniert, und sich anpassen.
Die meisten von uns kennen die Schule anders, als sie heute praktiziert wird – weniger individuell und inkludierend. Woher kommt der Wandel von heute?
Die empirische Forschung zeigt schon seit 40 Jahren, dass eine stärkere Individualisierung und eine möglichst hohe Integration im Bildungssystem sinnvoll sind. In den Schulen, bei den Lehrpersonen, aber auch bei den Eltern braucht es Zeit, bis diese Konzepte breit Fuss fassen und gut verankert werden können.
Schulkinder sollen beispielsweise selbstbestimmter lernen und selbst entscheiden, was sie wann lernen. Wieso?
Weil man Wissen nicht durch einen Trichter ins Hirn schütten kann. Das Auswendiglernen ist in unserem Bildungssystem ein gängiger Weg, teilweise sogar durchaus erfolgreich. Wenn es aber darum geht, Dinge zu verstehen, dann müssen wir uns alle mit diesen Dingen individuell auseinandersetzen. Da braucht jeder Mensch seine Zeit und seinen Freiraum. Die Selbstbestimmung ist aber nicht eigentlich der Hauptpunkt.
Sondern?
Was die Schüler lernen, ist in unserer Schule vorgegeben und der Spielraum begrenzt. Im Zentrum steht hingegen die Fähigkeit, dass die Kinder lernen, mittels geeigneter Strategien den eigenen Lernprozess zu planen, zu gestalten und zu überwachen – und sich dort Hilfe holen, wo sie nicht selber weiterkommen.
Was heisst das für den Frontalunterricht? Ist er ein Auslaufmodell?
Es gibt Themen, die im Frontalunterricht am besten erarbeitet werden können. Beispielsweise Basiswissen: Die Lehrperson führt die Kinder in ein neues Thema ein und legt damit den Grundstein für die weitere individuelle Vertiefung mit dem Lerngegenstand. Aber Frontalunterricht ist nicht gleich Frontalunterricht. Wenn eine Lehrperson spricht und die Kinder passiv von der Wandtafel abschreiben müssen, ist das sinnlos. Vielmehr sollte es ein Pingpong zwischen beiden sein.
Wo liegt die Herausforderung?
Dass das Unterrichtsgespräch für die einen Kinder zu anspruchsvoll ist und für die anderen zu langweilig. Daher braucht es dringend eine Individualisierung in der Vertiefung des Lernthemas.
Was wäre eine gute Mischung?
Es gibt eine gängige Regel: ein Drittel Frontalunterricht, ein Drittel selbständiges Lernen und ein Drittel kooperatives Lernen mit den anderen Schulkindern. Dabei unterstützt die Lehrperson im Hintergrund und gezielt bei jenen Kindern, die bei den Aufgaben selber nicht mehr weiterkommen.
Was ist mit Hausaufgaben?
Zentral ist, welche Ziele mit den Hausaufgaben verfolgt werden. Wenn Hausaufgaben nur erledigt werden können, wenn die Eltern oder ein älteres Geschwister helfen, dann verstärken sie die Bildungsbenachteiligungen einzelner Kinder, und die Hausaufgaben sind Stress für die Familien. Wenn die Hausaufgaben darin bestehen, zu beenden, was im Unterricht nicht geschafft wurde, was tendenziell bei schwächeren Kindern der Fall ist, dann werden diese mehr darunter leiden. Viele Schulen haben aus diesem Grund Hausaufgaben ganz abgeschafft beziehungsweise sie in den Unterricht integriert.
Was wäre sinnvoll?
Wenn Kinder etwas selbständig entdecken können, beispielsweise etwas in der Nachbarschaft erkunden, dann machen Hausaufgaben durchaus Sinn und können die Selbständigkeit der Kinder fördern.
In Pfäffikon wurde auch die Beurteilung durch Noten hinterfragt. Sind dies veraltete Methoden?
Wir haben ein äussert selektives System. Die Frage ist, wie entschieden wird, ob ein Kind nach der 6. Primarschulklasse in die Sekundarschule A oder B oder C kommt. Und dazu braucht es ein Mass, was bei uns die Noten sind. Würden wir von diesem System wegkommen, bräuchten wir keine Noten und könnten in der Primarschule stärker den Fokus auf die Förderung und nicht auf die Auslese richten. Was Kinder aber bei ihrem Lernen wirklich immer brauchen, ist Feedback.
Sind Noten und Feedback nicht im Grunde dasselbe?
Nein, Noten sind ein Hammerschlag zu einem Zeitpunkt X: Sie zeigen, ob es geklappt hat oder eben nicht. Das Feedback hingegen ist notwendig und Teil des Lernprozesses. Die Kinder erfahren dadurch, wo sie stehen und wohin sie sich entwickeln müssen. Die Art und Weise, wie man das Feedback kommuniziert, ist zentral, ob die Kinder motiviert sind, die noch nicht erreichten Ziele zu verfolgen, oder ob sie durch das Feedback demotiviert werden.
Wie steht es ums Bildungssystem in der Schweiz?
Die Schweiz hat zwar ein gutes, funktionierendes System. Trotzdem haben wir grosse Probleme. Beispielsweise ist der Bildungserfolg überdurchschnittlich stark von der Familie abhängig – wie ich vorhin bei den Hausaufgaben erwähnt habe. In dieser Hinsicht hinken wir vielen Ländern aus Europa hinterher. In der Schweiz können zudem 20 bis 25 Prozent unserer Jugendlichen am Ende der obligatorischen Schule keine einfachen Mathematikaufgaben bearbeiten oder Texte lesen. Das ist ein Problem, das wir dringend beheben müssen.
Ein Wandel ist also notwendig?
Ja durchaus. Es gibt jedoch viele Hürden. Politische Prozesse dauern lange. Ausserdem ist das System in jedem Kanton anders. Finanzielle Ressourcen braucht es auch für zusätzliche Fachpersonen und die nötige Infrastruktur. Ausserdem gibt es natürlich viele Schülerinnen und Schüler, die erfolgreich durch die Bildungsbahn durchkommen. Deswegen wird das System von Politikern und Eltern oft als richtig angesehen. Sie sehen aber nicht, dass ein Viertel der Kinder zu den Verlierern gehört.
Kann man dann überhaupt etwas tun?
Es gibt für Schulen Spielräume, auch wenn sie an das System gebunden sind. Wie in Pfäffikon auch, gibt es viele Schulen, die alternative Lernformen konzipieren und innerhalb des bestehenden Systems sehr gute Arbeit leisten, um allen Kindern möglichst gerecht zu werden. So können die Lernvoraussetzungen für die Kinder verbessert werden, dies halt aber nur dort, wo die Schulen diese Spielräume nutzen. Man muss aber auch sagen, dass es Zeit braucht, bis Reformen tatsächlich in allen Klassenzimmern verankert werden. Hier sind nicht nur die Schulen gefordert, sondern es braucht ein kluges Zusammenspiel zwischen Schulen und Behörden.
» Lesen Sie hier, was die Schule Pfäffikon mit dem Projekt «Lernerfolg für alle» erarbeiten will «
