So erinnern sich Oberländer Persönlichkeiten an ihre Schulzeit
Am Montag startet das neue Schuljahr. Der Schulstart markiert für viele Kinder in der Region den Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Sechs Persönlichkeiten aus dem Oberland erinnern sich.
«Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir» – so, und manchmal auch umgekehrt, lautet ein Zitat des römischen Philosophen Seneca. Wie auch immer: Der Anfang der Schulkarriere ist der erste Schritt auf dem Weg ins Erwachsenenleben – und markiert damit auch ein Stück weit das Ende der Kindheit. Auf jeden Fall ist sie ein prägender Moment. Wir wollten von Oberländer Persönlichkeiten aus Kultur, Sport und Politik wissen, wie sie auf dieses Kapitel Lebensgeschichte zurückblicken.
Toni Vescoli, Musiker, Wald

«Nach dreieinhalb Jahren in Peru sind meine Eltern und ich 1950 in die Schweiz, nach Küsnacht, zurückgekehrt. Weil die Schule dort zu weit von unserem Zuhause weg war, haben mich während dieser Zeit meine Geschwister unterrichtet. Da ich schon als fünfjähriger Bub lesen und schreiben konnte, war das schon beinahe ein Problem – ich dachte, ich wüsste bereits alles. Anfänglich habe ich wegen meines italienischen Nachnamens auch auf den ‹Grind› bekommen: ‹Tschinggele Moore, Dräck a de Schnorre!› hiess es damals. Das legte sich dann aber relativ schnell.
Vom Wetter in Peru verwöhnt, war für mich der Winter happig – meinen zwei Kilometer langen Schulweg bestritt ich mit kurzen Hosen und wollenen Strumpfhosen. Gute Leistungen habe ich vor allem in den Fächern erzielt, die nicht so wichtig waren – im Zeichnen, im Singen und bei den Aufsätzen, wenn man die Rechtschreibung ausklammert. Später war es dann besser. In der Lehre zum Hochbauzeichner war ich unter den Jahrgangsbesten.
Schon damals war ich ein Spassvogel. Ständig kamen mir Wortspiele in den Sinn. Weil ich die dann den Banknachbarn zuflüsterte, landete ich oft vor der Türe oder wurde geohrfeigt. Nur ein Lehrer kannte mich gut und verstand, dass ich meine Sprüche nie böswillig meinte. Ich musste für meinen Humor leiden, aber es hat sich ausgezahlt. Meine Klassenkameraden habe ich an so mancher Klassenzusammenkunft wieder gesehen. Die nächste muss ich wegen eines Privatkonzerts absagen. Dafür habe ich alle Klassenkameraden an meinen öffentlichen Auftritt in Küsnacht eingeladen.»


Meret Schneider, Nationalrätin Grüne, Uster

«Meine Zeit im Kindergarten war geprägt von der Vorfreude auf die Schule. Ich wollte unbedingt lesen und schreiben lernen, merkte mir die Erzählungen in Kinderbüchern, um meinen Kindergartengspändli die Bücher ‹vorzulesen›. Tatsächlich herrschte dort die Meinung vor, ich könne lesen, worauf ich des Öfteren Aufschriften ‹vorlesen› musste, die ich selbstverständlich alle erfand – an Kreativität mangelte es mir nie.
Entsprechend begeistert ging ich an meinem ersten Tag zur Schule, in freudiger Erwartung, nun endlich lesen und schreiben zu lernen und die grossen Bücher in unserem Bücherregal lesen zu können. Die Enttäuschung hätte grösser nicht sein können: An unserem ersten Morgen kamen wir in der Klasse zusammen und spielten ein Spiel mit einem Wollknäuel, den man sich zuwarf, um sich vorzustellen. Dann sangen wir ein Lied und mussten unsere Familie malen.
Ich konnte nie gut malen, fand es furchtbar und fragte meinen Lehrer, ob wir stattdessen nicht jetzt lesen lernen könnten. Er verneinte, lobte meine Zeichnung – von der ich wusste, dass sie nicht gelungen war. Schliesslich sah ich auch die Zeichnungen der anderen Kinder und konnte ihn von da an nicht mehr so richtig ernst nehmen. Als ich mittags nach Hause kam und meine Mutter fragte, wie mein erster Schulmorgen gewesen sei, meinte ich: ‹Ich kann immer noch nicht lesen. Es ist wie im Kindergarten, nur mit grösseren Kindern.›
Zum Glück kam das mit dem Lesen dann doch noch, auch wenn ich nie ganz einsah, warum man x-mal den gleichen Buchstaben schreiben sollte und solche Übungen gern einmal verweigerte, weil ich einen anderen Buchstaben schreiben wollte. Retrospektiv hatten meine Primarlehrpersonen sicher kein leichtes Spiel mit mir, und ich kann nur allen Lehrerinnen, Eltern und Kindern für den Schulanfang auf den Weg geben: Bleiben Sie entspannt, wie auch immer Ihre Kinder auf den Schulbeginn reagieren. Viele Wege führen nach Rom, und wenn nicht: Es brauchen auch nicht alle nach Rom zu gehen.»
Fabienne Schlumpf, Langstreckenläuferin, Wetzikon

«Ich bin – mehr oder weniger – immer gerne zur Schule gegangen. Meine Lieblingsfächer waren klar am Anfang das Turnen. Leistungssport war damals aber überhaupt noch kein Thema, das kam dann erst später. Auch Werken und ‹Handsgi› haben mir Spass gemacht – gar nicht gern hatte ich Geschichte. Ich war eigentlich eine ziemlich gute und pflichtbewusste Schülerin, habe immer die Hausaufgaben gemacht, und meine Hefte haben schön ausgesehen. Aber ich habe jetzt nicht pausenlos hinter den Büchern gesessen.
Kontakt zu Schulfreundinnen und -freunden habe ich ehrlich gesagt nicht mehr. Unsere Wege haben sich irgendwie alle verloren. Letztens hatten wir eine Klassenzusammenkunft der Oberstufe, aber wegen eines Wettkampfs habe ich die leider verpasst. Das war megaschade. Über meine Lehrer will ich nicht zu viel sagen, das wäre wohl etwas heikel … wobei, eigentlich habe ich es meistens gut ‹breicht›. Anderen würde ich mitgeben, dass man im Leben immer wieder durchbeissen muss. Manchmal hat man keine Lust auf die Arbeit oder ein Schulfach, machen muss man es trotzdem. So war das auch bei mir – langfristig zahlt es sich aus.»

Cachita, Latin-Musikerin, Wald
«Wenn ich an meinen ersten Schultag zurückdenke, weiss ich noch, dass ich mega aufgeregt war. Den Schulthek, die Kleider und alles, was dazugehört, hatte ich gemeinsam mit meinem Mami schon einen Tag bevor es ernst galt bereitgelegt. Ich war extrem stolz und freute mich, endlich in die erste Klasse gehen zu dürfen. Meine Eltern haben mich beide begleitet.
Ein paar Kinder kannte man noch vom Chindsgi, aber man blickte auch in viele neue, unbekannte Gesichter. Der Schulstart war für mich deshalb nicht nur mit Vorfreude, sondern auch mit viel Nervosität verbunden. Aus dieser Erinnerung kann man mitnehmen: Offen zu bleiben und sich bewusst zu sein, dass es im Leben immer wieder solche ersten Male geben wird.
Ich denke, je älter wir werden, desto eher denken wir, dass wir einfach so sind wie wir sind. Ich finde, das stimmt aber nicht ganz: Wenn man Neues ausprobiert, kann man sich immer wieder neu erfinden – ohne dabei all das zu vergessen, was man bisher gelernt hat. Meine Message ist deshalb: Versuchen wir doch alle, wieder mehr ‹erste Schultage› zu erleben!»

Maureen und Stefanie Kägi, Künstlerinnen aus Langenhard

Maureen Kägi: «Ich war die Einzige in meinem Jahrgang an der Gesamtschule Langenhard. Ausser Konkurrenz war ich stets Jahrgangsbeste und -schlechteste zugleich. Unsere Lehrerin liess uns entdecken. Sie gab uns Raum, im eigenen Tempo zu lernen, im Rhythmus der Neugier. Wir probierten aus, fanden unsere Fähigkeiten und lernten miteinander. Ein pädagogisches Paralleluniversum mit einem Gemüsegarten neben dem Schulhaus und Videoexperimenten mit VHS-Technologie im Klassenzimmer.
Wir gingen alle gemeinsam zu Fuss zur Schule, jeden Morgen über einen Hügel. An Konflikte kann ich mich kaum erinnern – ausser an den üblichen Zank zwischen Kindern und vielleicht kindliche Rivalitäten zwischen Unter- und Oberlangenhard. Wie heisst das Sprichwort? ‹Wer abseits lebt, findet Ruhe, doch verliert die Mitte.› Ich weiss es nicht. Später sagte jemand, ich sei ‹im Urwald zur Schule gegangen›. Es war nicht als Kompliment gemeint. Ich habe es trotzdem als solches verstanden.»
Stefanie Kägi: «An meinen ersten Schultag erinnere ich mich nicht. Irgendwie wurde keine grosse Aufregung gemacht um diesen Tag. Auch gibt es kein Foto davon, den ganzen Estrich habe ich abgesucht danach, kein einziges gefunden. Wir gingen in Langenhard einfach in die Schule, wie wir vorher schon alle in den Kindergarten gegangen sind, ohne Feierlichkeit oder grosse Vorbereitung. Unbegleitet von den Eltern sind wir losgetrottet, der Strasse entlang über den Schotter Richtung Oberlangenhard.
Kleine Details sind noch eingeprägt, wie der Geruch meines ersten Lederetuis, der blaue Farbton des Ledertheks, die unbenutzten Stifte im Etui, den schwarzen Füller mit den kleinen Tintenpatronen. Im Gegensatz zu meiner Schwester war ich bei der Einschulung nicht die Einzige – vier Langenharder Kinder waren mit mir in meinem Jahrgang. In der Gesamtschule musste kein Klassenzimmer gefunden werden, es gab nur eines. Dort lernten wir Kinder verschiedenen Alters gemeinsam in einem Raum.
Erst als wir ab der 5. Klasse nach Rikon wechseln mussten, wurde mir bewusst, wie besonders die Dorfschule in Langenhard war. Der Umgang war familiär, fast wie in einer grossen Gemeinschaft. Vielleicht etwas verschlafen, aber ich mag mich nicht an Leistungsdruck, Wettbewerb oder Vergleiche unter den Kindern erinnern. In den altersgemischten Klassen lernten die Jüngeren von den Älteren, und die Älteren festigten ihr Wissen beim Erklären. Selbständigkeit wurde ganz selbstverständlich Teil des Schulalltags.»
