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Er wird heute 100 Jahre alt

Die fünf Konstanten im langen Leben von Joggi Streiff

Familie, Firma, Sport, Armee und Seegräben: Fünf Bereiche bestimmen das Leben von Joggi Streiff, der heute einen grossen Geburtstag feiert.

Jakob «Joggi» Streiff in seinem Arbeitszimmer: Vor ihm liegen zwei selbst gestaltete Plakate, ein Erinnerungsbüchlein sowie Garnspulen, die sein berufliches Leben geprägt haben.

Foto: Christian Brändli

Die fünf Konstanten im langen Leben von Joggi Streiff

Er wird heute 100 Jahre alt

1925 ist Joggi Streiff auf die Welt gekommen. Diese hat sich seither massiv verändert. Doch durch das Leben des Textilindustriellen aus Seegräben ziehen sich einige rote Fäden.    

100 Jahre alt ist Jakob «Joggi» Streiff genau heute, an diesem 8. August. Er gehört damit zum kleinen Kreis der «Dreistelligen». In der Schweiz sind Ende 2024 genau 2086 100-Jährige und Ältere gezählt worden. Davon sind 80 Prozent Frauen.

Seegräben treu geblieben

Das Leben von Joggi Streiff ist auch in anderer Hinsicht aussergewöhnlich. Aufgewachsen ist er im Wohnhaus in Oberaathal. Später zog er seine drei Kinder im eigenen Haus oberhalb des Pfäffikersees auf. Nur gerade zwei Jahre in seinem langen Leben hat er nicht in der Gemeinde Seegräben gewohnt.

1953 wanderte er zusammen mit seiner Frau Yvonne, nur einen Monat nach der Hochzeit, nach North Carolina aus. Bis 1955 sammelte er bei einer grossen amerikanischen Textilfirma, die unter anderem elf Spinnereien betrieb, Berufserfahrung.

«Die Amerikaner waren uns damals weit voraus», erinnert sich Joggi Streiff heute. Die dort gesammelte Erfahrung konnte er gut gebrauchen. Schliesslich war sein beruflicher Weg als Spross einer Textilindustriellenfamilie vorgezeichnet.

Beruflich dreht sich alles ums Spinnen

Ehe es nach Amerika ging, absolvierte er nach seiner Mittelschulzeit im damaligen Landerziehungsheim Glarisegg bei Steckborn TG ein Studium an der ETH Zürich, das er als diplomierter Maschineningenieur abschloss. Im familieneigenen Unternehmen diente er sich hoch, bis er 1968 zum technischen Direktor aufstieg. Diese Funktion übte er bis zu seiner Pensionierung 1990 aus.

2004 wurde der Betrieb der Spinnerei in Aathal eingestellt. Die ausländische Konkurrenz war übermächtig geworden. «Bis zu jenem Zeitpunkt habe ich mir nicht vorstellen können, dass es jemals so weit kommt», meint Joggi Streiff heute. Immerhin habe ihn dieser Schritt nicht mehr so schwer getroffen, da er nicht mehr an der Front tätig gewesen sei.

Glück in der Familie

Das fast lebenslange Engagement für die Firma bildet neben seiner Verbundenheit zu Seegräben eine weitere Konstante im Leben von Streiff, der seinen runden Geburtstag heute im Kreis der Familie feiert. «Die Familie ist mir wichtig», betont er. Er kam als ältester von vier Brüdern zur Welt. Die mittleren beiden sind verstorben. Mit dem jüngsten, David Streiff, dem früheren Direktor des Bundesamts für Kultur, trifft er sich regelmässig. Zwischen dem ältesten und dem jüngsten Bruder liegen 20 Jahre.

Ein schwerer Schlag war vor drei Jahren der Tod seiner geliebten Ehefrau Yvonne. Doch er freut sich über die Besuche ihrer drei Söhne, von deren Frauen, der sieben Enkelkinder und zwei Urenkel. Der jüngste ist in diesen Tagen dazugekommen. Ein Moment, den Joggi Streiff mit Glück erfüllt.

Diese Begegnungen sorgen auch für Abwechslung in einer Zeit, in der er sich nicht mehr mit Gleichaltrigen austauschen kann, da alle verstorben sind. «So ist es dann schon langweilig», meint Streiff. Dies umso mehr, als er vor einem Jahr «än Chlapf an Grind» erhalten habe. Ein Hirnschlag zwang ihn dazu, mit 99 Jahren fast alles wieder von null an aufzubauen. Erinnerungen verschwanden, es bereitet ihm Mühe, die richtigen Worte zu finden. Das nervt ihn. Das Lesen fällt ihm schwerer. Gleichwohl geht er täglich den «Zürcher Oberländer» durch und hält sich so auf dem Laufenden.

Und auch die Beine wollten nicht mehr so, wie er es wollte. Dabei war er bis zu jenem Moment, der für ihn «quasi ein Todesurteil» war, kerngesund.

Doch vor Kurzem kam noch ein Herzinfarkt dazu. Den hat er gut überwunden. Den Rollator lässt er in der Garage stehen. Viel lieber nimmt er die Stöcke zur Hand, wenn er etwa zu Fuss zur Kirche geht. Für den Jubilar und früheren Bewegungsmenschen ist das wichtig.

Sportlich unterwegs

Sport zieht sich als roter Faden durch sein Leben. 1951 kürte er sich zum Zürcher Hochschulmeister im Waldlauf. Bald darauf holte er sich zweimal den Schweizer-Meister-Titel im Fünfkampf. Dieser eher im Breitensport angesiedelte Wettkampf setzte sich aus Springreiten, Schwimmen, Pistolenschiessen, Fechten sowie Laufen zusammen. Letzteres liebte er besonders. Und Ersteres beendete er nach einem Unfall.

Hinzu kam Eishockey – er gehört zu den Gründern des Eishockeyclubs Wetzikon – auf dem Eisfeld oder immer wieder auch auf dem früher noch öfters zugefrorenen Pfäffikersee. «Dort bin ich auch schon im Eis eingebrochen», ergänzt er mit einem Schmunzeln.

Angetan hat es ihm aber vor allem der militärische Winterwettkampf, zu dem sogar Skispringen gehörte. «Mein weitester Sprung ging allerdings nur 49 Meter weit», fügt er hinzu. Bis vor 20 Jahren war er mit der Familie auch noch auf der Skipiste anzutreffen.

Lehren aus dem Krieg

Seine sportliche Seite brachte er auch als langjähriger Sportoffizier der Flieger- und Flabtruppen zum Tragen. Militär ist denn auch das Stichwort zu seiner fünften Konstante: dem Einsatz zugunsten einer Landesverteidigung, die diesen Namen verdient.

Angefangen hat das Engagement schon in der Pfadi. Als er in diese 1937 eintrat, schätzte er alles, was dort geboten wurde: «Die technische Einführung ins Kartenlesen, Seil-, Samariter-, Heimatkunde sowie Vaterlandsliebe.» Eigentlich wollte er wie sein Onkel Viktor Pilot werden. Jener war sein grosses Vorbild. Über dem Pruntruter Zipfel schoss er 1940 zwei deutsche Maschinen ab.

Streiffs fliegerische Karriere erlitt allerdings schon früh einen unsanften Dämpfer. In der fliegerischen Vorschulung stürzte er mit einem Segelflugzeug ab. Und so kam er zur Fliegerabwehr, wo er es als Hauptmann zum Kommandanten einer schweren Flabbatterie brachte.         

Streiff setzte sich aber auch in der Öffentlichkeit bis vor Kurzem über Leserbriefe und Schreiben an Vertreter seiner Partei, der Freisinnigen, für eine starke Landesverteidigung ein. Dies nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg. Es war jener verhängnisvolle 1. April 1944. Streiff war mit Kollegen im Zug auf dem Nachhauseweg vom Landerziehungsheim in die Osterferien. Schon auf der Fahrt entlang dem Rhein säumten Bombenkrater das Gleis. Eigentlich hätte der Zug über Schaffhausen geführt werden sollen. Doch die Stadt brannte. Amerikanische Bomber hatten ihre tödliche Fracht über der Stadt nördlich des Rheins abgeworfen.

Der Zufall wollte es, dass Streiff gleich drei Piloten der insgesamt 38 Bombercrews von damals persönlich kennenlernte – und zwar bei Abendessen bei Freunden während seines Aufenthalts in den Staaten. Bob, den Streiff zuerst traf, meinte zum Bombardement, bei dem 40 Menschen starben: «This was a terrible mistake.» Es sei ein schrecklicher Fehler gewesen. Die Piloten waren der Meinung, beim nördlich des Rheins liegenden Schaffhausen handle es sich um eine deutsche Stadt.  

«Ich bin so froh, dass damals im Weltkrieg die Schweiz nicht stärker getroffen wurde.» Sein Engagement für eine starke Armee rührt von seinem Wunsch her, dass die Schweiz auch künftig von Krieg verschont bleibt. Dafür brauche es eine funktionierende Landesverteidigung.

Verliebt in die 1950er Jahre

Neben dieser wehrhaften Seite hat Joggi Streiff aber auch eine künstlerische. Diese zeigt sich nicht nur in den vielen Skizzen, die er für ein Erinnerungsheft für seine Frau anfertigte. Zwei Arbeiten wurden auch als Einladungsplakate für den Polyball an der ETH ausgewählt. Bis heute tanzt Joggi Streiff auch gerne und hört Swing-Kompositionen von Glenn Miller.

Geblieben ist auch seine Begeisterung für die elegante Damenmode der 1950er Jahre und für eine Schauspielerin, der diese besonders gut stand: Audrey Hepburn. Soeben hat er sich wieder «Breakfast at Tiffany’s» angeschaut. Sein Lieblingsfilm mit der mehrfach ausgezeichneten Darstellerin ist die Romanze «Roman Holiday». In diesem Film – er trägt auf Deutsch den Titel «Ein Herz und eine Krone» – verkörpert Hepburn eine junge Kronprinzessin, die in Rom aus ihrem goldenen Käfig ausbricht.

Kein Fleisch, aber viel Süsses

Auf eine gepflegte Erscheinung hat er immer auch bei sich selbst Wert gelegt. In grösserer Runde trägt er auch noch heute gerne einen Anzug, wenn auch nicht mehr immer mit Krawatte. Was er beim heutigen Essen mit der Familie tragen wird, bleibt im kleinen Kreis. Trotz der festlichen Runde wird er auch kaum mit Alkohol anstossen. «Nicht einmal anstandshalber», meint Streiff. Seit Jahren ist er da enthaltsam.

Auch Fleisch wird nicht auf seinen Teller kommen. «Das habe ich einfach nicht gerne», meint er dazu. Angefangen habe seine Abneigung mit dem zähen Siedfleisch, das er als Kind erhalten habe. Was dagegen ganz sicher nicht fehlen darf, ist ein süsser Dessert. «Er könnte sich wohl allein von Süssem ernähren», erklärt sein Sohn Andreas Streiff nach Familie, Firma, Sport, Seegräben und Militär die vielleicht sechste Konstante im Leben seines Vaters.

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