«Zürcher schauen zu Dübendorf hinauf und denken: So muss eine Weltstadt aussehen»
An der 1.-August-Feier schwärmte der Zürcher Publizist und Verleger Matthias Ackeret von Dübendorf als Weltstadt. Weniger Ehre erwies er seinem eigenen Wohnort und der Post.
Kriege dominieren das Weltgeschehen. «Doch uns Schweizern geht es ‹Gopferdelli› noch mal ‹huere guet›. Trotzdem haben wir immer etwas zum ‹Chlöne›.» Mit diesen Worten empfing der Dübendorfer Stadtpräsident André Ingold (SVP) die Bevölkerung im rappelvollen Festzelt auf dem Areal der Oberen Mühle.
Seine Begrüssungsrede zur 1.-August-Feier am Freitagabend hielt Ingold in der Lautstärke eines Stadionsprechers. Denn er musste sich nicht nur gegen das Geräusch des prasselnden Regens behaupten, sondern auch um die Aufmerksamkeit der etwa 350 schwatzenden Gäste buhlen, die tatsächlich augenblicklich verstummten.
Nach seiner Ansprache und derjenigen von Gemeinderätin Tanja Boesch (EVP), die Präsidentin des Verschönerungsvereins Dübendorf ist, war die Bühne frei für Matthias Ackeret. Der Zürcher ist Chefredaktor und Verleger der Zeitschrift «persönlich», Buchautor sowie Publizist und als Gesprächspartner von alt Bundesrat Christoph Blocher in dessen Sendung «Teleblocher» bekannt.
Parkplatz-Eldorado Dübendorf
In seiner Festrede schmeichelte der 61-Jährige der Stadt und ihren Bewohnern. Vor einem Vierteljahrhundert hätten Dübendorfer noch auf Zürich geschaut und gedacht: So müsse eine Grossstadt aussehen, sagte er. «Und jetzt – 25 Jahre später – schauen Zürcherinnen und Zürcher zu ihnen hinauf und denken: So muss eine Weltstadt aussehen.»
Aber trotz all den Veränderungen, trotz dem ironisch-ernsthaften Spitznamen Dubai, trotz all den internationalen Firmen, die sich inzwischen angesiedelt hätten, seien Dübendorferinnen und Dübendorfer immer noch mit beiden Fusssohlen auf dem Boden geblieben. «Wo gibt es das, dass die viertgrösste Stadt des Kantons immer noch ‹Düben-Dorf› heisst?»
Zudem wisse er es als Zürcher noch mehr zu schätzen, dass hier nicht alle Parkplätze aufgehoben worden seien und man sein Auto noch problemlos parkieren könne.
Sprungturm und Privatflughafen
Dübendorf sei ein Ort der Bescheidenheit, wenn nicht sogar die Welthauptstadt des Understatements. Während der französische Regierungspalast an den Champs-Élysées, das Zürcher Stadthaus am Stadthausquai und das Bundeshaus am Bundesplatz stehe, befinde sich das Dübendorfer Stadthaus an der Usterstrasse. «Das spricht für Euer urdemokratisches Verständnis. Die Hausnummer Eures Stadthauses ist nicht – wie in anderen Ländern üblich – 1, sondern 2.»
Dübendorferinnen und Dübendorfer haben schon früh ihren Fokus nach oben gerichtet.
Matthias Ackeret
Buchautor, Publizist und Verleger
Ackeret sprach von Dübendorf als Standort der höchsten Wohnblöcke der Schweiz sowie als Heimat des ersten Schweizer Privatflughafens mit internationaler Anbindung und einer Badi mit 10-Meter-Sprungturm. So etwas gebe es in keinem Zürcher Freibad mehr. «Sie haben also schon früh Ihren Fokus nach oben gerichtet», witzelte er.
Hiebe für Trump, Post und Zürich
«Dübendorf ist die Schweiz im Mikrobereich» – mit diesen Worten wechselte Ackeret aufs nationale und internationale Parkett.
Er sprach von Patriotismus «mit angezogener Handbremse» hierzulande. Wobei etwa die Fussball-EM der Frauen ein anderes Bild gezeigt habe.
Zum Thema machte er auch den Abbau bei der Post. «Die Verantwortlichen unterschätzen möglicherweise, dass Poststellen und die gelben Briefkästen für viele Bewohnerinnen und Bewohner in den abgelegenen Regionen immer noch ein Gefühl von Heimat und Zusammengehörigkeit vermitteln.» Man vergesse manchmal, dass sich ein Service-public-Betrieb über den Service public definiere und weniger über seine Wirtschaftlichkeit.
Die Schweiz ist eine Tinguely-Maschine.
Matthias Ackeret
Buchautor, Publizist und Verleger
Ackeret teilte den einen oder anderen Seitenhieb gegen seinen Wohnort Zürich aus und kritisierte die Streichung der Parkplätze oder die städtische Verwaltung. Diese wachse schneller als die Bevölkerung.
Auch die aktuellen Strafzölle machte er zum Thema. Seine Botschaft: «Die Schweiz wird auch die vier Amtsjahre von Trump überstehen.»
Sie sei ein Land ohne gemeinsame Sprache, Religion und Mentalität. «Ein Land, das – und das ist das Verblüffende – in den letzten 734 Jahren erst einmal einen Bürgerkrieg hatte. Mit weniger als 100 Toten.»
Wunderland Schweiz
Die Schweiz sei das einzige Land, das er kenne, welches noch nie Weltmacht gewesen sei oder es habe werden wollen. «Die Schweiz wollte immer nur Schweiz sein.»
Es sei ein Wunder, dass so etwas wie die Schweiz überhaupt funktioniere. «Eine Tinguely-Maschine – immer in Betrieb und von aussen gar nicht richtig erkennbar, worum sie sich dreht. Ein hochsensibles Gerät mit einer ausgeklügelten Automatik.»
Man vergesse gerne, dass die Schweiz noch im Ersten Weltkrieg zu den ärmsten Ländern Europas gehört habe. Menschen seien sogar fürs Auswandern bezahlt worden. «Das zeigt, dass nicht alles gottgegeben ist, nicht einmal der Wohlstand.»
Trotzdem sei es keineswegs selbstverständlich, dass sich die Schweiz in diesem Weltchaos immer wieder behauptet habe. «Vielleicht ist es wirklich unser Bestimmungsmerkmal, dass wir ein bisschen biederer und auch ein bisschen langweiliger sind als unsere Nachbarländer und vor allem ihre Repräsentanten», sagte Ackeret. «Wir brauchen keine Chateaubriands und auch keine Macrons, manchmal reicht auch Rösti.»