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Lehrpersonen über KI im Klassenzimmer

Fördern oder verbieten? So stehen Oberländer Schulen zu Künstlicher Intelligenz

Künstliche Intelligenz hält Einzug in die Schulzimmer. Ein Quantensprung oder der Anfang vom Ende des Unterrichts, wie wir ihn kennen? So unterschiedlich die Antworten ausfallen: Das Thema bewegt.

Nützliche Hilfe oder vielleicht bald ein Lehrerersatz? In der Region scheinen die Chancen zu überwiegen.

Foto: PD / Montage: Thomas Hümbeli

Fördern oder verbieten? So stehen Oberländer Schulen zu Künstlicher Intelligenz

Künstliche Intelligenz hält Einzug in die Klassenzimmer der Region. Ein Quantensprung? Oder der Anfang vom Ende der Schule, wie wir sie kennen? Eine Umfrage unter Lehrpersonen zeigt: Die Antwort liegt irgendwo in der Mitte.

Seit der Veröffentlichung des grossen Sprachmodells ChatGPT sind Assistenten und Tools mit künstlicher Intelligenz (KI) omnipräsent – und für viele kaum mehr aus dem Alltag wegzudenken. Auch der Bildungsbereich ist von dieser Entwicklung nicht ausgenommen. Doch der Einsatz von KI im Schulzimmer wirft Fragen auf: Gefährdet er den Lernerfolg? Oder birgt er im Gegenteil neue Chancen?

Eine nicht repräsentative, redaktionelle Umfrage, die wir im Frühling bei Schulen in der Region durchgeführt haben, zeichnet ein differenziertes Bild vom unsichtbaren Helfer im Klassenzimmer.

1. KI bewegt die Schulen unterschiedlich stark

Auf die Frage hin, wie stark das Thema auf einer Skala von 1 bis 10 bewegt, wählten die Teilnehmenden im Schnitt einen Wert von 6,7. Die Begründungen zeigen: Lehrerinnen und Lehrer sehen Chancen und Risiken – und empfinden es als sehr wichtig, dass sich die Schule mit dem Thema befasst.

So schreibt etwa Beat Müller, Sek-Schulleiter und Fachstellenleiter ICT der Schule Hinwil: «Es ist wichtig, dass wir uns Gedanken dazu machen, wie wir KI sicher und didaktisch gut überlegt im Unterricht einsetzen können.» Es gehe darum, die Kompetenzen von Schülern und Lehrern im Umgang mit dieser potenziellen Kulturtechnik gezielt zu fördern.

Für Aleksandar Popov, den Rektor der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO), sind es vor allem neue Fragen, denen sich die Schule stellen muss: «Welche Aufgabenstellungen sind im Zeitalter von künstlicher Intelligenz noch zeitgemäss? Wie können wir sie sinnvoll in den Unterricht integrieren? Welche rechtlichen Vorgaben sind zu beachten?»

Als dominierend würden die meisten Lehrpersonen das Thema aber nicht bezeichnen. KI sei nur eines von vielen Themen, mit denen sich die Schule intensiver auseinandersetzen müsse, findet Popov.

Die KZO hat bereits entsprechend reagiert: So hat sie unter anderem einen KI-Weiterbildungstag organisiert, die interne Zitieranleitung angepasst, KI in ein Ergänzungsfach integriert und eine Kommission einberufen, die sich mit pädagogischen Fragen im Zusammenhang mit der Digitalisierung auseinandersetzt.

2. Der KI-Boom hat die Schulen wenig überrascht

Hat der Aufstieg der KI-Chatbots die Schulen auf dem falschen Fuss erwischt? Mitnichten!

Zwar kam die Veröffentlichung des Tools ChatGPT im Herbst 2022 für einige Schulen unerwartet – andere wiederum waren überrascht von den vielen Möglichkeiten, die KI-Tools bieten. Dass sich diese wie ein Lauffeuer verbreitet haben und auch stetig besser werden, kam für die wenigsten Lehrerinnen und Lehrer unerwartet.

«Das Thema beschäftigt die Schule allein schon aus dem Grund, dass die Schülerinnen und Schüler einfachen Zugang zu KI haben», sagt Matthias Joos, Lehrer und pädagogischer ICT-Supporter an der Sekundarschule Zell. «Man muss davon ausgehen, dass Hausaufgaben oft mit KI-Unterstützung gelöst werden.»

Die Dynamik, die damit einhergeht, hat aber auch ihre Schattenseiten. Da sich dieses Feld ständig weiterentwickle, müsse er täglich die neuesten Entwicklungen verfolgen und neue Tools ausprobieren, um nicht den Anschluss zu verlieren, meint Gábor Kertész, Sek-Lehrer in Dübendorf.

Deshalb – so der Tenor – sei es wichtig, die Chancen zu nutzen, aber die Gefahren und Risiken nicht aus den Augen zu verlieren.

3. Die Mehrheit der Lehrpersonen nutzt KI regelmässig

Dass viele Lehrerinnen und Lehrer KI-Tools offen gegenüberstehen, hat wohl auch mit dem breiten Fächer an Möglichkeiten für den Unterricht zu tun. Fast 60 Prozent aller Befragten nutzen die Werkzeuge regelmässig im Alltag: etwa, um Aufgabenstellungen oder Bewertungsraster zu kreieren, im Musikunterricht ein Lied zu generieren, zur Ideenfindung – oder um Elternbriefe zu übersetzen.

Beispiele nennt Sacha Oberhänsli, Primarlehrer in Pfäffikon: «Ich habe Texte von einer Website stufengerecht vereinfachen lassen. Oder ich erstelle von einem Youtube-Video aus direkt ein Quiz oder ein Arbeitsblatt.»

Auch an der KZO kommen KI-Chatbots zum Einsatz, mit deren Hilfe die Schülerinnen und Schüler etwa mit historischen Persönlichkeiten in den Dialog treten können.

Besonders bei sprachlichen Themen scheinen KI-Assistenten viel Potenzial zu haben: beispielsweise, wenn es um das Vereinfachen, Erstellen und Analysieren von Texten geht – oder um Aufsätze zu überarbeiten. «Sprache ist in den Schulen nach wie vor extrem dominant, und entsprechend gibt es viele Einsatzbereiche», findet Ueli Leutwyler, Prorektor der Berufswahlschule Uster.

Auch wenn künstliche Intelligenz eine Hilfe ist – einen menschlichen Lehrer, der Aufträge überarbeitet, ersetzt sie nicht. Zudem müssen Datenschutz und die Korrektheit gegeben sein, was zu Herausforderungen führt, wie Asiel Brunner, Klassenlehrer an der Sek Hinwil, betont: «Die KI entlastet mich und fordert mich trotzdem heraus.»

4. KI-Tools bergen auch Chancen – für Schüler und Lehrer

Für die Jugendlichen sehen die Lehrpersonen in künstlicher Intelligenz ebenfalls eine Bereicherung. «Sie müssen lernen, damit umzugehen, aber auch kritisch zu hinterfragen», sagt Susanne Dosedla, Sek-Lehrerin in Bauma.

Unter einer Voraussetzung: «Um die Chancen sinnvoll zu nutzen, halte ich es für wichtig, dass diese als Werkzeug und nicht als Lösung verstanden werden», betont Philipp Hänel, Schulleiter der Sekundarschule Turbenthal-Wildberg. Das setze voraus, dass die Jugendlichen Kompetenzen entwickelten, wie sie effektiv «prompten», also Anweisungen für die KI formulieren, könnten, «und dass sie dadurch eine Haltung entwickeln, in der sie sich nicht mit der erstbesten Antwort zufriedengeben».

KZO-Rektor Aleksandar Popov sieht es ähnlich: Im passenden Moment die richtigen Fragen zu stellen, sei eine hohe Kunst, auch im späteren Leben. «Wenn KI-Tools im Unterricht eingesetzt werden, wird durch das Prompting diese Fähigkeit bei den Schülerinnen und Schülern gefördert.»

Weiter sehen Lehrkräfte Chancen im Bereich des autonomen Lernens. Dennoch steht für viele fest: Neben dem Datenschutz und der Richtigkeit der Antworten hat ein kritischer Umgang mit den oftmals intransparenten Werkzeugen Priorität.

Hier scheint es zumindest in einigen Schulen noch Potenzial zu geben, wie eine Sekundarlehrerin aus Wetzikon erklärt: Die Schüler würden die KI übermässig nutzen «und interessieren sich nicht für den ‹Rückwärtsgang›, um die KI-Vorschläge kompetent zu verifizieren. So tritt kaum Lernwirkung ein.»

5. Der Umgang mit KI an Schulen ist bisher wenig geregelt

Mindestens so umstritten wie die KI-Tools selbst ist die Frage, ob und wie der Umgang damit geregelt werden soll. «Gegenfrage: Weshalb muss alles Neue, Innovative gleich geregelt und so in Schranken gewiesen werden?», findet beispielsweise ein Sek-Schulleiter.

Reguliert ist die KI-Nutzung in den Schulen der Region noch kaum: Nur 5 von 29 Lehrpersonen, die diese Frage beantwortet haben, geben an, dass es Regeln gibt. In weiteren zwölf Schulen ist ein Reglement in Planung.

Andere setzen auf mündliche Abmachungen, die zum Teil je nach Lehrperson anders ausfallen – oder auf ein grundsätzliches Medienkonzept, das zwar keine Regeln, aber die allgemeine Haltung der Schule enthält. Vereinzelt gibt es Rahmenbedingungen für Prüfungen und Lernkontrollen.

Es entsteht das Bild von Schulen, die die Schülerinnen und Schüler befähigen wollen, KI-Tools verantwortungsbewusst zu nutzen, anstatt voreilig den Mahnfinger zu heben. Das scheint zumindest insofern gut zu funktionieren, als dass unerlaubte KI-Nutzung in der Mehrheit der Schulen selten vorkommt – sofern denn überhaupt zwischen «erlaubt» und «unerlaubt» unterschieden wird.

Oft geht es stattdessen darum, die Nutzung von künstlicher Intelligenz zu deklarieren, etwa im Quellenverzeichnis von Arbeiten. Kommt es zu Regelverstössen, suchen die Lehrpersonen das Gespräch oder lassen den Test oder die Arbeit wiederholen.

Auch die Bildungsdirektion des Kantons Zürich stellt in den Schulen ein grosses Interesse und eine grundsätzlich positive Haltung gegenüber künstlicher Intelligenz fest.

Für Lehrpersonen der Sekundarstufe II gibt es den «Digital Learning Hub», eine Plattform, die sich unter anderem mit KI aus pädagogischer Sicht befasst. «Seit dem Einzug der KI in den Schulalltag ist dieses Thema eines seiner wichtigsten Tätigkeitsfelder», sagt Sprecherin Martina Bosshard. Unter anderem gibt es dort Tipps zum Schreiben von Prompts und eine «KI-Toolbox». Diese enthält geprüfte Softwares und Empfehlungen, wie man diese im Unterricht einsetzt.

KI erkunden – aber konstruktiv

Das Mittelschul- und Berufsbildungsamt empfiehlt Lehrern auf ihrer Stufe, «das Potenzial von KI-Hilfsmitteln für den Unterricht unter Einhaltung der geltenden Datenschutzbestimmungen zu erkunden». Wichtig sei, dass die Jugendlichen einen verantwortungsbewussten, konstruktiven und kritischen Umgang mit KI-Anwendungen lernen könnten. Die Kompetenz, festzulegen, welche Tools etwa bei schriftlichen Arbeiten verwendet werden dürfen, liegt bei den Schulen.

Den Primar- und Sekundarschulen empfiehlt das Volksschulamt, ein «Medien- und ICT-Konzept» zu erstellen, in dem die Schule umschreibt, wie sie digitale Technologien im Unterricht einsetzt. Als Anregung hat es fünf Leitsätze veröffentlicht. Zudem gibt es Veranstaltungen und Weiterbildungen, die unter anderem Aspekte aus diesen Leitsätzen aufgreifen. Bei der Anwendung von KI-Tools sind die Primar- und Sekundarschulen dafür verantwortlich, dass diese datenschutzkonform eingesetzt werden.

Die Frage, wie das Schummeln mit KI vermieden werden kann, ist bei der Bildungsdirektion an mehreren Stellen Thema. Das Volksschulamt empfiehlt, den Unterricht so zu gestalten, dass Täuschungsversuche nicht oder nur schwer möglich sind – etwa mit mündlichen Prüfungen oder abgewandelten Aufgabenstellungen. (nos)

Durch KI-Hilfsmittel scheinen sich aber auch die Ideen von Schul- und Hausaufgaben zu wandeln: So werden bestimmte Aufträge statt zu Hause neu in der Schule erledigt, oder die Aufgabenstellungen werden so angepasst, dass KI-Tools entweder nicht nutzbar sind oder «nur» als Unterstützung infrage kommen. In einigen Fällen heisst es «back to the roots» – zurück zu Stift und Papier.

Allerdings kann der KI-Boom auch helfen, den Wert menschlicher Kreativität zu betonen, wie Lisa Messmer, Klassenlehrerin an der Sek Wila, schreibt: «Für mich wird es immer wichtiger, dass die Schülerinnen und Schüler darauf geschult werden, dass eigens geschriebene Texte noch immer am persönlichsten sind.»

6. KI-Verbot? Für viele nicht zielführend

Gerade im Umgang mit KI scheinen die meisten Lehrerinnen und Lehrer das Prinzip der Eigenverantwortung hochhalten zu wollen. «Wenn Lernende ihre Hausaufgaben ganz einfach mit KI lösen können und dadurch das Lernen ‹abkürzen›, ist das ihre Verantwortung – oder der Auftrag der Schule ist schlecht konzipiert», argumentiert etwa Mario Huber, Primarlehrer in Mönchaltorf.

Ein Verbot sei nicht nur zwecklos, sondern vielmehr «ein Versäumnis der Schule, die Jugendlichen in diesen Tools zu schulen», meint Prorektor Ueli Leutwyler von der Berufswahlschule Uster.

Und auch Philipp Hänel, Schulleiter der Sek Turbenthal-Wildberg, fände ein Verbot «weder sinnvoll noch lebensnah und schon gar nicht zielführend».

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