Sie übte als erste Frau in Europa eine leitende Funktion in einer Kirche aus
Pfarrerin Sylvia Michel aus Mönchaltorf ist verstorben. Vergessen wird sie jedoch nicht, denn sie hat die christliche Welt langfristig geprägt.
Ein Leben voller Begegnungen ist zu Ende gegangen. Pfarrerin Sylvia Michel ist am 24. Juni im Alter von 89 Jahren verstorben. Friedlich und ruhig sei sie im Morgengrauen aus dem Leben geschieden, heisst es in der Traueranzeige.
Doch auch wenn die ehemalige Pfarrerin nicht mehr lebt, werden ihre Spuren der Nachwelt noch lange erhalten bleiben. Denn sie hat den evangelischen Kirchenkreis in Europa nachhaltig geprägt – und damit auch die Welt.
Sylvia Michel war zweifellos eine Pionierin. 1964 übernahm sie das Pfarramt der Kirchgemeinde Ammerswil im Aargau und war somit die erste Frau, die ohne einen männlichen Kollegen an der Seite ein solches Amt leitete.
Aus verschiedenen Quellen geht hervor, dass ihretwegen die Kirchenordnung geändert werden musste, als sie das Pfarramt in Ammerswil übernommen hatte. Im Buch «Wenn Frauen Kirchen leiten» betonte sie jedoch, dass der Änderungsprozess bereits im Gange gewesen sei.
Die Passage, wonach eine Frau bloss dann ein Pfarramt habe leiten dürfen, sofern ein Pfarrer in der Gemeinde gedient habe, sei bereits zur Streichung vorgesehen gewesen. «Ich habe nie ganz herausgefunden, was mir ein männlicher Kollege in meinem Pfarramt wesentlich hätte helfen können», wird Sylvia Michel im genannten Buch zitiert.
Eine neue Sprache
Zehn Jahre später wurde sie in den Kirchenrat der Reformierten Kirche Aargau gewählt, erneut als erste Frau. Doch damit nicht genug. Von 1980 bis 1986 war sie Kirchenratspräsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Aargau und zugleich die erste Frau in Europa, die eine leitende Funktion in einer Kirche ausübte.
Die Vorreiterin stellte also gerne gesellschaftliche Normen auf den Kopf. Doch vielleicht war es ihr damals gar nicht wirklich bewusst. Michel erzählte, dass sie nie aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert worden sei. Die feministische Theologie, die in den 1960er Jahren richtig aufblühte, war ihr nicht prioritär.
Zwar habe sie nachvollziehen können, die Vorstellung des patriarchalen Herrn aufgeben zu wollen, heisst es im Buch. Trotzdem versuchte sie auch Männer für eine progressive Struktur zu gewinnen: «Man muss zusammen mit ihnen eine neue Sprache finden.»
Gleichstellung gelebt
Claudia Bandixen ist Pfarrerin, Mitgründerin des Netzwerks PanKS (Präsidentinnen und Vizepräsidentinnen, amtierende und nicht amtierende, der Schweizer Kirchen) und Verlegerin des Buchs «Wenn Frauen Kirchen leiten». Während ihres Präsidiums hat die Reformierte Landeskirche Aargau zusammen mit dem Reformierten Weltbund den internationalen Sylvia-Michel-Preis gestiftet. Damit werden seit 2009 weltweit Personen ausgezeichnet, die Entwicklungen in Evangelischen Kirchen fördern, damit Frauen in Führungspositionen kommen.
Bandixen kannte Michel persönlich und beschreibt sie als blitzgescheit und wohlwollend. «Sie hat Gleichstellung gelebt. Das Gegenüber hat dies respektiert – und mitgemacht.» Michel sei empathisch und eloquent gewesen. Mit ihrer starken Kommunikationsfähigkeit habe sie Spannungen auflösen können.
«Doch Michel muss man ausserhalb des Geschlechterkontexts verstehen», erzählt Bandixen weiter. «Sie war eine zutiefst humanitär bewegte Persönlichkeit und kämpfte für die Gerechtigkeit aller Menschen.»
Politisches Engagement
Tatsächlich nutzte Sylvia Michel die Theologie und die Kirche gerne, um politische Begebenheiten zu thematisieren. So stand die politische Theologie für sie im Mittelpunkt, «eine, die sich einmischt», wie sie es nannte. Sie hielt Predigten über den Vietnam-Krieg oder deklarierte, dass die Apartheid in Südafrika nicht mit dem Evangelium vereinbar sei.
Ihr politisches Engagement trug Früchte: 1985 wurde Sylvia Michel in den Vorstand des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK) gewählt. Dort übernahm sie das Ressort Diakonie, Frauen, Tourismus und Südafrika – eine ungewöhnlich breite Themenpalette, die sie mit grossem Gestaltungswillen prägte.
In dieser Funktion vertrat sie den Kirchenrat auch bei den offiziellen Gesprächen des SEK mit der Bankiervereinigung zur damaligen Südafrika-Politik – und führte diese selbst. «Sie war im Kampf gegen die Apartheid konsequent engagiert, auch weltweit per Reformierten Weltbund», erzählt Bandixen. Ihr ist es unverständlich, dass Michel weder für ihre Pionierleistungen noch für ihr humanitäres Engagement gewürdigt worden ist.
Im Kleinen wie im Grossen
Ganz unbemerkt blieb Sylvia Michel jedoch nicht. Zumindest nicht in ihrer letzten Wohngemeinde Mönchaltorf, wo sie über 20 Jahre lebte. 2019 erhielt sie von der Gemeinde einen Ehrenpreis für die Aufarbeitung der Mönchaltorfer Geschichte. Mit ihrer Publikation gewährte sie einen Einblick in das Leben einer mittelständischen Familie des späten 19. Jahrhunderts.
Sylvia Michel prägte andere durch ihr Engagement – im kleinen wie im grossen Rahmen. Trotzdem sah sie sich nie als Pionierin. «Sie stellte die Sache ins Zentrum und nie sich selbst», erzählt Bandixen. «So musste sie beispielsweise richtiggehend überzeugt werden, damit sie ihren Namen dem Vorbildpreis lieh, als es um dessen Namensgebung ging.» So oder so hat Sylvia Michel Eindruck hinterlassen.
