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Alkohol und Abhängigkeit

«Egal, wie gut man Alkohol verträgt – am Schluss ist er immer stärker»

Ob Openair oder Vernissage - Alkohol gehört zu unserer Gesellschaft. Ein Suchtmediziner plädiert für den nötigen Respekt vor dieser Substanz.

Toni Berthel ist Suchtmediziner und unter anderem Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Suchtmedizin.

Foto: privat

«Egal, wie gut man Alkohol verträgt – am Schluss ist er immer stärker»

Die Menschen lieben oder hassen ihn – sie konsumieren ihn nicht nur zur Festival- und Fussballsaison. Alkohol begleitet uns durch gute und durch schlechte Tage.

«Alkohol gehört schon seit Tausenden von Jahren zu unserer Gesellschaft», resümiert Toni Berthel aus Winterthur. Der Suchtexperte hat jahrzehntelange Erfahrung mit Abhängigkeitserkrankungen. Eine davon ist die Alkoholsucht.

Wie schnell man in diesen Teufelskreis geraten kann, hat der Russiker Oliver Baer erlebt. Jahrelang war sein Leben vom Alkohol dominiert. Im Gegensatz zu anderen Abhängigkeiten scheint diejenige vom Alkohol akzeptierter zu sein. Berthel sagt dazu: «Alkohol ist eine Substanz, die problemlos erhältlich ist und von der Gesellschaft gebilligt wird.»

Der 72-jährige Toni Berthel ist pensionierter Arzt, Psychiater und Psychotherapeut.

Der Suchtexperte war ärztlicher Co-Direktor der Integrierten Psychiatrie Winterthur und bis 2019 Präsident der Eidgenössischen Kommission für Suchtfragen.

Berthel ist heute noch aktiv als Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Suchtmedizin und als Mitglied bei der Vereinigung der Winterthurer Psychiaterinnen und Psychiater (VWP). (ks)

Herr Berthel, hat sich der Stellenwert von Alkohol in der Gesellschaft in den letzten Jahren verändert?

Toni Berthel: Früher war der Alkohol im Alltag noch viel selbstverständlicher. Ich denke etwa an die Zeit zurück, während der ich als junger Mann eine Lehre zum Elektriker absolvierte.

Wenn ich auf dem Bau arbeitete, war es ganz normal, dass jemand Bier mitbrachte und dieses während der Arbeitszeit getrunken wurde. In alkoholisiertem Zustand kletterten die Bauarbeiter auf den Gerüsten herum oder bedienten Kräne und Baumaschinen. Heute würden nicht nur den Suva-Mitarbeitern die Haare zu Berge stehen.

Hat sich in der Menge des Alkoholkonsums etwas verändert?

Auch diesbezüglich war man damals recht sorglos. Vor 40 Jahren hat man bei einer Flasche Wein von einer Menge gesprochen, die zwei Männer zusammen beim Mittagessen trinken, bevor sie wieder zur Arbeit gehen. Glücklicherweise hat mit den Jahren aber ein Umdenken stattgefunden.

Worauf ist das zurückzuführen?

Das Gesundheitsbedürfnis der Menschen hat zugenommen. Heute gehen an einem Sonntag mehr Leute ins Fitnessstudio als in die Kirche. Mit diesem Bedürfnis hat auch der Alkoholkonsum abgenommen. Waren es 1902 noch durchschnittlich 15 Liter pro Kopf und Jahr, trinken die Menschen heutzutage 7 Liter pro Kopf und Jahr.

Ab welchem Zeitpunkt wird man zum Alkoholiker?

Jeden Menschen, der ein Alkoholproblem hat, als Alkoholiker zu bezeichnen, wäre falsch. Ganz abgesehen davon, dass die Bezeichnung Alkoholiker heute genauso stigmatisierend wirkt, wie wenn man von Drögelern spricht. Die Bezeichnung alkoholabhängig oder alkoholkrank trifft den Kern besser.

Wo hört denn der Genuss auf – und wo fängt die Abhängigkeit an?

Die Vorstellung vom «Alki», der unter der Brücke lebt, ist – zumindest bei uns in der Schweiz – eine überholte Vorstellung. Vielmehr ist der Übergang von unauffälligem Konsum hin zu einem, der Probleme macht, fliessend.

Risikoarm ist die Alkoholmenge dann, wenn sie kaum Schäden im Körper anrichtet. Bei Frauen sind das höchstens 20 Gramm pro Tag, bei Männern unter 30 Gramm. Das entspricht einem Standardgetränk wie etwa einem kleinen Bier oder einem Glas Wein pro Tag.

Auch wenn man täglich diese Menge trinkt?

In Beratungsgesprächen empfehle ich, auch mal zwei oder drei Tage oder dann eine ganze Woche gar keinen Alkohol zu konsumieren – um die persönliche Selbstkontrolle zu trainieren. Sind solche Pausen nicht mehr möglich, ist der Übergang ins Risikoverhalten und dann in einen abhängigen, unkontrollierten Konsum oftmals nicht mehr weit.

Gibt es einen häufigen Grund, der dann schliesslich zu einer Alkoholsucht führt?

Tatsächlich ist es oft die entspannende, beruhigende Wirkung des Alkohols: nach Hause kommen und erst mal bei einem Glas Wein die Anspannung des Tages ablegen. Dieser funktionale Konsum ist heute ein verbreitetes Phänomen.

Problematisch wird es, wenn Alkohol das einzige Ventil zur Entspannung und Zerstreuung ist. Man wird genügsam – der Alkohol und ich, mehr brauche ich nicht.

Dabei bleibt es aber nicht?

Was viele unterschätzen: Wer aufgrund der entspannenden, euphorisierenden Wirkung des Alkohols regelmässig trinkt, wird eine immer grössere Menge benötigen, um diesen Effekt zu erreichen. Der Körper gewöhnt sich nämlich an die Substanz, und beim Verzicht auf den Konsum kann es zu Entzugserscheinungen kommen.

Eine weitere Variante des übermässigen Trinkens ist der episodisch exzessive Konsum. Damit wird das Verhalten von Menschen bezeichnet, die sich immer mal wieder einen Vollrausch antrinken. Auch wenn sie dazwischen abstinente Tage haben.

Welche gesundheitlichen Schäden riskiert man, wenn man zu viel trinkt?

Wer über längere Zeit zu viel Alkohol trinkt, muss mit teils schweren körperlichen wie auch psychischen Schäden rechnen. Der Abbau des Alkohols geschieht in der Leber. Es kommt zuerst zu einer Leberverfettung und später zu einer Leberzirrhose. Herz-Kreislauf-Probleme, Depressionen, Angstzustände, verschiedene Krebsarten und neurologische Schäden sind weitere Folgen. Weil Alkohol im Grunde ein Nervengift ist, schädigt er Nerven häufig irreparabel – etwa in den Beinen. Oder er führt zu Schäden im Gehirn.

Sehr schädlich ist Alkohol auch für den Embryo im Mutterleib – schwangere Frauen sollten deshalb auf Alkoholkonsum verzichten.

Merken Betroffene selbst, wenn der eigene Alkoholkonsum aus dem Ruder läuft?

Im Grunde wüsste jede abhängige Person, wenn das eigene Verhalten nicht mehr gesund ist. Allerdings ist meist erst Druck von aussen ausschlaggebend. So sagt das Kind: «Papi, du stinksch», wenn der Vater wieder einmal zu viel Bier getrunken hat. Oder wenn die betrunkene Partnerin gewaltsame Wutausbrüche hat, bekommt sie zu hören: «Musst du so viel trinken? Dann wirst du immer aggressiv.»

Der Wunsch, aufzuhören, beginnt allerdings nicht erst dann, wenn man zum Arzt geht. Meist ist ein grosser Leidensdruck, oft mit mehreren erfolglosen Versuchen, weniger zu trinken, vorausgegangen.

Und dann hilft nur noch die Einweisung in eine Entzugsklinik?

Ein Entzug ist dann tatsächlich oft der Weg aus der Endlosspirale. Er kann sowohl ambulant als auch stationär stattfinden.

Haben alle Patienten mit Entzugserscheinungen zu kämpfen?

In der Regel zeigen 30 bis 40 Prozent der Betroffenen keine bis geringe Symptome. Zu diesen gehören Übelkeit, Erbrechen, Angstzustände oder psychomotorische Unruhe.

Ich rate aber immer zu einer engmaschigen Begleitung durch eine Fachperson, denn: Bei 5 Prozent können sich schwere Entzugserscheinungen entwickeln, mit epileptischen Anfällen oder einem Delirium, das auch lebensbedrohlich werden kann.

Und wenn man es nicht schafft, sich ganz vom Alkohol zu lösen?

Es gilt, sich von der Vorstellung zu lösen, dass Abstinenz der einzige Ausweg aus problematischem Trinkverhalten ist.

Weshalb?

Die pauschale Anweisung «Du darfst nicht trinken» wird oft als moralisierend empfunden und kann kontraproduktiv wirken. Für manche ist es zielführender, wenn sie lernen, ihren Alkoholkonsum zu beschränken oder zu kontrollieren.

Es gibt internationale Bestrebungen, in Unternehmen den Alkoholkonsum von Mitarbeitenden stärker zu kontrollieren – so etwa in Finnland. Dies wirft die komplexe Frage auf, wo die Grenze zwischen staatlich verordneter Gesundheitsvorsorge und dem individuellen Recht auf Selbstbestimmung verläuft. Ein heikles Spannungsfeld zwischen kollektiver Sicherheit und persönlicher Freiheit.

Wie ermöglichen Sie Betroffenen, einen verantwortungsvollen Umgang zu erlernen, ohne dabei zwangsläufig eine vollständige Abstinenz anzustreben?

Für mich ist es entscheidend, dass Betroffene lernen, sich persönliche Grenzen zu setzen. Und verantwortungsvoll mit einer Substanz umzugehen, die zwischen Genussmittel, Droge und Nervengift angesiedelt ist. Denn egal, wie vermeintlich gut man Alkohol verträgt – am Schluss ist er immer stärker. Menschen, die das Gefühl haben, Alkohol gut zu vertragen, konsumieren oft mehr und schädigen sich auf diese Weise. Wir sehen dann die zuvor erwähnten körperlichen und psychischen Probleme und Erkrankungen.

Wie kann man Ihrer Meinung nach dieses Bewusstsein in der Gesellschaft verankern?

Mit Respekt vor der Substanz und dem potenziellen Risiko, das sie birgt. Es geht darum, den Fokus auf Selbstverantwortung und Prävention zu legen. Gleichzeitig sind wir auch als Gesellschaft in der Verantwortung: Menschen, die Schwierigkeiten mit Alkohol oder auch anderen potenziell süchtig machenden Substanzen und Verhaltensweisen haben, müssen geschützt werden. Und bei Bedarf die notwendige fachgerechte Hilfe erhalten. Besonderes Gewicht gilt dabei dem Jugendschutz.

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