Freilichtspiel im Weinland findet mit Ustermer Schall und Rauch statt
In Buch am Irchel findet unter freiem Himmel ein grosses Theaterspektakel statt. Dazu tragen auch historische Vorderlader-Gewehre aus Uster bei. Ein Besuch vor Ort bei den Proben.
Gleich geht es los. Die Kanone wird abgefeuert – der laute Knall ist das Signal für den Angriff. Vom Hügel stürmen mit lautem Geschrei Uniformierte herunter. Sie tragen historische Gewänder. Die grün-gelb-weissen Gewänder zeigen es: Es handelt sich um österreichische Soldaten – um Habsburger.
Sie greifen gerade das kleine Dorf Buch an, in dem sich die französische Armee in ihren rot-blau-weissen Uniformen zur Wehr setzt. Jetzt wird geschossen. Aus den Gewehrläufen entweichen mit lautem Knall Rauchschwaden.
«Das war schon ganz gut. Aber ihr, die die Dorfbevölkerung mimen, könnt noch ein bisschen länger erstaunt schauen und erst dann wegrennen. Und verteilt euch noch mehr in den Feldern», gibt Regisseur Thomas Ganz Anweisungen. An diesem hochsommerlichen Abend finden gerade Proben zum Buchemer Freilichtspiel «1799 – zwischen den Fronten» statt. In diesem Jahr sorgt ein Ustermer Equipment für den nötigen Showeffekt. Dazu aber später noch mehr.
Alle sieben Jahre wird in Buch am Irchel, der Weinländer Gemeinde unweit von Winterthur gelegen, unter freiem Himmel ein historisches Stück aufgeführt, das Bezug zum Dorf hat. Ungefähr 80 Personen unterschiedlichen Alters stehen gemeinsam auf der Freilichtbühne.
Diesmal spielt die Geschichte um 1799, in der Zeit der Helvetik. In dieser werden französische Soldaten auch im Bauerndorf Buch am Irchel einquartiert. Die Familien müssen Unterkunft und Verpflegung bereitstellen und die Pferde mit Heu versorgen.
Nördlich des Rheins steht ein österreichisches Heer, in Vorarlberg ein zweites und in der Lombardei ein verbündetes russisches Heer, das jetzt den Auftrag erhält, sich über die Alpen zu verschieben und mit den Österreichern zu vereinen. Es droht eine Schlacht europäischen Ausmasses – auch auf Boden des Dorfs Buch.
Dass die Gewehre der Franzosen und Österreicher ohne echte Munition knallen, dafür sorgt die Compagnie 1861: der Unteroffiziersverein aus Uster. «Der Unteroffiziersverein Uster ist im Zürcher Oberland stationiert und vereint militärhistorisch interessierte Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere, um die Tradition der Schweizer Milizarmee zu pflegen», heisst es auf der Website des Vereins, der an zahlreichen historischen Anlässen auftritt.
Die Laienschauspieler tragen nicht nur die historischen Gewehre der Compagnie 1861, wie sie im Sonderbundskrieg um 1847 im Einsatz waren, sondern auch deren Mannschaftssäbel aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert. Zudem tragen sie auch gekreuzt über der Brust weisses Lederzeug und einen Ledergurt, die ebenfalls der Ustermer Compagnie gehören.
Der Unteroffiziersverein aus Uster, der seit 2022 nicht mehr im Ustermer Zeughaus, sondern in einer alten Weberei in Bauma beheimatet ist, trägt eine Ordonnanz-Uniform von 1861, die Originalen entsprechend nachgeschneidert wurden. Fürs Theater in Buch brauchten die Schauspieler aber Uniformen aus dem
18. Jahrhundert.
Theaterleute haben Kurs für die Waffenhandhabung absolviert
«Wir haben auch schon Komparsen beim Schweizer Film ‹Dufour› für Schlachtszenen ausgerüstet», erklärt Vereinspräsident Andreas Streiff. Die Compagnie 1861 tritt zum Salvenschiessen traditionell am Ustertag oder an der 1.-August-Feier in der Stadt Zürich auf. In diesem Jahr gab die Compagnie 1861 Salvenschüsse auch am Sechseläuten ab, kurz bevor der Böögg angezündet wurde.
Die Compagnie 1861 ist in Besitz der 19 Gewehre, die nun im Buchemer Freilichtspiel für Spektakel sorgen. «Es handelt sich um Vorderlader, die auf dem Stand der Schweizer Ordonnanz 1842 sind», erklärt Streiff auf Anfrage. Die Waffen stammten aus Familienbesitz, aus Museumsbeständen oder seien an Auktionen erstanden worden.
«Die Theaterleute aus Buch haben bei uns die Grundausbildung absolviert», betont Streiff. An drei Drilltagen wurde der Umgang mit dem Vorderlader, die Handhabung des Gewehrs und der Ladevorgang geübt. Zudem lernten sie die Sicherheitsbestimmungen sowie den Infanteriedrill gemäss Reglement kennen.
Auf der Bühne wird mit blinden Ladungen geschossen. Fürs Salvenschiessen wie auch fürs Theater werden bei den Patronen die Bleikugeln weggelassen. Man kann diese Patronen «blinde Ladungen» nennen, sagt Streiff. In der damaligen Soldatensprache war es ein Papierschüblig. «Die Kugeln würde ich in diesem Zusammenhang nicht als ‹tödlich› bezeichnen. Treffer führten zum grossen Teil zu Verletzungen», konkretisiert Andreas Streiff. «Wir von der Compagnie 1861 schiessen im Schiessstand auch mal mit scharf, um den Leuten zu zeigen, wie genau die Gewehre treffen und was die Bleikugeln im Ziel bewirken», sagt Streiff.
Für Schall und Rauch sorgt Schwarzpulver, das zuvor in Papierpatronen portioniert wurde. Die Schauspieler beissen die Patronen auf und befüllen den Gewehrlauf mit dem Pulver, das mit einem Stock nachgestopft wird. Statt wie früher die Lunte oder der Feuerstein, sorgt ein Zündhütchen für den Funken, der das Pulver zum Explodieren bringt, wobei eine Rauchwolke aus dem Lauf zieht.
«Das Laden für einen Schuss dauerte damals rund eine halbe Minute», weiss Andreas Streiff. Auch für Buchemer Laienschauspieler. Damit beim Laden alles klappt, dafür sorgt Waffenmeister Richard Hofmann, der die Handgriffe überwacht. «Die Gewehre sind nach den Proben hier sicher eingeschlossen», erzählt Hofmann, während er in der Zivilschutzanlage im Wiler steht, die sich direkt neben der Bühne des Freilichtspiels befindet.
Und wie hat es heute bei der Probe geklappt? «Nicht bei allen ist das Schwarzpulver entzündet – das ist aber normal», bilanziert er, während im Hintergrund Pferde auf die Freiluftarena stürmen. Diese tragen übrigens alle einen Hörschutz gegen die knallenden Gewehre.
